Und wieder draußen vor der Tür
In der Einleitung zu „Haben oder Sein“ schreibt vor 35 Jahren Erich Fromm: „… dass die vom System hervorgebrachte Selbstsucht die Politiker veranlasst, ihren persönlichen Erfolg höher zu bewerten als ihre gesellschaftliche Verantwortung… Wenn die Selbstsucht eine der Säulen der heute praktizierten Ethik ist, muss man sich in der Tat fragen, warum sie sich anders verhalten sollten… Gleichzeitig ist der Durchschnittsmensch so selbstsüchtig mit seinen Privatangelegenheiten beschäftigt, dass er allem, was über seinen persönlichen Bereich hinausgeht, nur wenig Beachtung schenkt.“
Nun, dies haben wir ja seitdem noch weiter perfektioniert. Zur Entlastung persönlicher Betroffenheit wurden sich selbst reproduzierende Gremien geschaffen, die jenes nicht im Haben angekommene Sein gesellschaftlich sozial verwaltet und den einzelnen vom geforderten Engagement frei hält.
So hatte die ARGE Leipzig mit gutem Willen Arbeitslose unter 25 aus der Statistik delegiert und ein Projekt im soziokulturellen Kinder- und Jungträger Geyserhaus e.V. gestartet. Das bewilligte Geld wurde pünktlich zugewiesen, Interesse nie gezeigt. Das Projekt wird am 01.07. erfolgreich abgeschlossen. Die jungen Leute sind mit Selbstbewusstsein betankt und haben soziales Miteinander geprobt und Frust und Verzweiflung über harte Arbeit ausgeschwitzt. Jetzt kommt die Dusche. Sie stehen wieder draußen vor der Tür.
Das Projektergebnis ist aber noch ein anderes, was scheinbar niemanden zu interessieren scheint. Der zusätzliche Glücksfall: Ein Theaterstück. Ein gutes Theaterstück:
Arbeitslose gibt es (nicht). Eine tragisch-komische Theaterreise ans Ende der Arbeit, dorthin, wo die Phantasie entspringt
„… Der Arzt sagt, meine Organe arbeiten gut.“ „Ach ja? Das Geld auf dem Konto auch. Geh lieber selber arbeiten!“ „Arbeitslos? Du kennst meinen Terminkalender nicht!“
Buch, Kulissen, Kostüme, Masken, Requisiten, Musik und Songs und Dramaturgie wurden selbst entwickelt und gestaltet. Konstruktiver Prozess des Miteinander, normaler sozialer Arbeitsfluss. Auch du kannst etwas. Das Ergebnis ist ein unverlangtes Extra. Unter der harten Austernschale erwuchs aus dem vermeintlichen Unbill eine strahlende Perle von so samtmatten schwarzem Glanz, dass der betrachtende Bewunderer sich selber mit allen Gedanken spiegelbildlich wiedererkennen kann. Verschwindet jetzt in der Ablage einer beendeten Fördermaßnahme und nie wieder wird jemand darauf zurückkommen. Abgehakt.
Ich habe es mir angesehen und bin seither von Unruhe gepackt. Clevere Verlage würden sich jetzt schnell Script, Notate und Dokumentation sichern. Theaterfestivals von Paris bis Ankara, von Madrid bis Riga würden sich drum reißen, dieses Stück zeigen zu dürfen. Es würde zu einem oft und überall gespielten Stück werden. Da bin ich mir sicher.
Auf der kleinsten Bühne wurde ein großes Stück gespielt. Wenn landauf, landab auf institutionellen Bühnen oftmals hochsubventionierte Selbstbefriedigung zelebriert wird und nach Theatersinn und Sinn des Theaters gefragt wird, werden daraus keine Zukunftskinder entstehen.
Mag sein, was die „Faule Haut“ um Anette Thurm und Daniel Schade hervorgebracht haben, ist ein glückliches Zufallsprodukt, aber es ist ein Bewahrenswertes!
Wenn drei Dutzend Zuschauer in Atemlosigkeit von einer Geschichte - keine Slapstickparade, eine richtige Geschichte! - gebannt werden, wenn Ihnen Schweiß und Schauer über den Rücken laufen, wenn 140 Minuten wie die allerkürzeste Sekunde erscheinen, wenn nach dem ungläubigen Erwachen frenetischer Jubel aufbrandet und fast ebenso lang andauert, dann braucht man über Stück, Inszenierung und Darsteller kein Wort verlieren.
Die Maßnahme ist abgelaufen, die Darsteller auf Jobsuche wieder draußen vor der Tür, aber dieses Stück wartet auf die Befreiung aus den Aktenkellern des Arbeitsamtes Leipzig.
Franz Wanner - http://blog.corporatebookstore.de



