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Laissez faire – Reise in die Katastrophe

flugzeug_vor_wolkeDie Tourismusbranche wusste sich schon immer dem Zeitgeist anzupassen, nur was gefällt lässt sich auch erfolgreich überbuchen. So wurden harte Begriffe wie Sextourismus nach und nach durch „sanft“ bzw. nachhaltig“ ersetzt, was nicht unbedingt bedeuten muss, dass sich das Schauspiel in Hotelzimmern nachhaltig geändert hätte. Wenigstens beruhigt es das Gewissen gerade derer, die noch nie ein solches hatten. Nun ist es aber so, dass sich der nachhaltige Tourismus in umwälzenden, stürmischen oder von Demokratiebewegungen überrollten Katastrophenzeiten nicht mehr so flächendeckend einbringen kann wie erwünscht.

Destinationen brechen buchstäblich weg, Reisebudgets von Otto Normalverbraucher Dank der Bankersoli, umgangssprachlich auch als Krise bezeichnet, werden knapp. Dies ist wahrlich eine Katastrophe für die Branche, es sei denn, man verbündet sich mit ihr: Pauschalreisen nach Tschernobyl werden schon länger angeboten, jetzt gilt es, die doch etwas stagnierende Buchungszahl für Japanreisen anzukurbeln. Das Joint Venture mit Smartphone Herstellern und findigen App-Entwicklern dürfte der erste Schritt in eine strahlende Zukunft sein. Gut, die angebotene Geigerzähler-App wurde vordergründig ja nur für die verängstigte japanische Bevölkerung entwickelt, völlig uneigennützig, schließlich sind die herkömmlichen Geigerzähler längst vergriffen bzw. nicht mehr erschwinglich!

Aber allein diese Meldung, rechtzeitig zu Beginn des Weihnachtsgeschäftes lanciert, dürfte zuerst den zuständigen Downloadstore und anschließend die Buchungsschalter zum Glühen bringen… was gibt es Schöneres, als das Teil vor Katastrophenort auszuprobieren und die Ergebnisse als elektronische Grußkarte oder in sämtlichen Netzwerken zu posten. Der ein oder andere Cent dürfte tatsächlich der japanischen Bevölkerung zugutekommen, man kauft doch hie und da ein Souvenir oder ein Eis, mehr brauchen die nicht, die sind ja Tsunami- und Fukushima-bedingt schon so was von genügsam und dankbar geworden!.

Keine Panik, auch für den etwas Ängstlicheren unter uns reisen Wollenden gibt es interessante Angebote: Maßgeschneidert für ihn ist da das Teppichgleiten auf ruhiger langer Dünung, in Kooperation mit Chevron läuft’s grad vor Brasiliens Küste wie geschmiert. Über den CO2-Ausstoß der Flieger brauchen wir uns weiterhin keine Gedanken zu machen, so ein flugbereitgestellter Vogel für Regierungskreisende verbraucht unverhältnismäßig mehr, und mit jedem Eintauchen in die ölgeglätteten Wogen soll die Haut auch vor gigantischen Ozonlöchern geschützt sein.

Schnorchler und Taucher werden ebenfalls nicht vergessen: Als Ersatz für zerstörte Korallenriffe und schwindende Artenvielfalt möchte Frankreich die geplanten Unterwasser-AKW entsprechend farbenfroh gestalten, der vor dem Alltag abgetauchte Tourist kann so vor Ort Berührungsängste abbauen und sich von der Sauberkeit und Harmlosigkeit dieser Weiterentwicklung überzeugen.

Wer es nicht ganz so exotisch möchte bzw. geistiges Jogging trockenen Fußes bevorzugt, kommt bereits an heimischen Stränden auf seine Kosten: Filtre-Plastikpartikel-aus-dem-Sand-Wettbewerbe sind die neuesten Attraktionen bei Animateuren und Fremdenverkehrsämtern. Bei einem Plastik-Sand-Verhältnis von 1:9, Tendenz stetig steigend, ist für die ganze Familie was geboten und Nachschub aus dem Meer gewährleistet.

Einzig den traditionellen Thermalbädern und Kurorten drohen langfristig konkursartige Einbußen. Die Konkurrenz, gerade von Quellen, die radioaktive Stoffe enthalten, wird einfach zu übermächtig! Teile der Abfallwirtschaft sollen schon einen weiteren Geschäftszweig eröffnet haben und die gutbetuchte Kreuzfahrtklientel zum Bade an Plätze lotsen, die bislang nur elitären Kreisen bekannt sind. Zum Troste sei gesagt: Für den schmalen Geldbeutel und dessen Träger bleiben immer noch Luftbäder in heimischen Gefilden, Gundremmingen, Gorleben, Asse & Co. biedern sich förmlich an, Strömungen aus Fernost sorgen für steigendes Niveau. Trinkkuren aus diversen Grundwasserbrunnen haben es ebenfalls in sich, mit etwas Glück kam der nach Linderung Suchende bereits in den Genuss, ohne überhaupt etwas zu merken. Das Geld wird auch gestundet, die Rechnung wird meist erst nach Monaten oder Jahren präsentiert, dafür sorgen schon die verantwortlichen Politiker. In dieser Hinsicht können wir tatsächlich noch von Sozialstaat sprechen.

Wie bitte? Sie finden diese Angebote „unmoralisch“? Gibt es diesen Begriff denn überhaupt noch? Diesen Einwand weise ich entschieden zurück! Kann er doch nur existieren, wenn das Gegenstück, die „Moral“, mehr ist als eine leere Worthülse, die zusammengequetscht zwischen Rücken und Bespannung des Liegestuhls erstickt, in dem wir immer noch liegen und mit geschlossenen Augen „die da oben“ gewähren lassen.

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