Der verkannte Koch? - Ein Kommentar
„Man kann sagen, dass drei Qualitäten vornehmlich entscheidend sind für den Politiker: Leidenschaft – Verantwortungsgefühl - Augenmaß“: Dieser Spruch klingt modern. Er stammt aus dem Mund des Stammvaters der deutschen Politikwissenschaft. Max Weber. Der lebte und lehrte von 1864 bis 1920. Den bewussten Ausspruch machte er als Professor 1918 in Wien, wo er Studenten „Politik als Beruf“ vorstellte.
92 Jahre später ist es ein deutscher Jurist, der sagt, „Politik ist etwas faszinierendes“, aber er sagt auch „Politik ist nicht mein Leben“. Der Name dieses Mannes: Roland Koch. Funktion. Hessischer Ministerpräsident. Noch bis zum 31. August. Danach ist Schluss. Unweigerlich.
Tatsache ist, dass der Vollblutpolitiker wieder einmal etwas geschafft hat, was ihm die ungeteilte mediale Aufmerksamkeit sichert. In seiner Pressekonferenz, die den Rücktritt erklärt, sagt Koch, er sei angetreten, die Mehrheiten in Hessen zu ändern, Hessen in ein Land mit einer stabilen bürgerlichen Mehrheit zu verwandeln. Das habe er geschafft und nun könne er aus vollkommen freien Stücken das Feld jüngeren Kräften räumen. Er selbst suche außerhalb der Politik einen Neuanfang in der Wirtschaft. Wandlung eines Saulus zum Paulus? .
Es ist eines komisch: Liest der Mann keine Zahlen? Dann wüsste er, dass es nicht die Mehrheit der wahlberechtigten Hessen ist, die sich eine bürgerlich-liberale Regierung wünschte, sondern dass es 41,6 Prozent von 2.670.385 Menschen waren, die auch tatsächlich CDU und FDP gewählt haben. Bezogen auf die Zahl aller wahlberechtigten Landsleute, macht das eine Differenz von knapp 900.000, bezogen auf alle Hessen, wird dieser Unterschied noch größer.
Aber getreu des Weberschen Bild von einem Berufspolitiker stören solche „Marginalien“ einen Politiker nur wenig. In der Berufspolitik geht es unter anderem auch um eines: Macht. „Politik gewährt Machtgefühl, selbst in der kleinsten Position“, stellt Weber fest.
Beweise, dass Koch und Macht in der Politik etwas sind, das wunderbar zueinander passt, hat der bisherige hessische Ministerpräsident hinlänglich geliefert. Paradebeispiel ist die so genannte Tankstellen-Connection, benannt nach der Tank- und Raststätte Wetterau an der A5. Dort hatten sich die damaligen jungen Wilden in der Jungen Union um Roland Koch getroffen, um an den Weichenstellungen für einen Politikwechsel, im traditionell eher roten Hessen, zu arbeiten. Mitglieder dieser Connection: Innenminister Volker Bouffier, die ehemalige Kultusministerin Karin Wolff, der inzwischen über Kundus gestolperte Franz-Josef Jung, um nur einige zu nennen.
Bis auf das Kabinett um Walter Wallmann waren bis zum Beginn der Ära Koch im Jahr 1999 alle Regierungen von der SPD gestellt worden, teils in Koalitionen mit der FDP und den Grünen. Das wollte die Union ändern, mit Koch an der Spitze.
Dass Koch im Sinne Machiavellis nahezu jedes Mittel recht war, um sein politisches Ziel zu erreichen, hat der vor seiner politischen Karriere praktizierende Anwalt mit seiner Unterschriftenkampagne gegen die doppelte Staatsbürgerschaft 1999 plakativ unter Beweis gestellt. Genauso plakativ stellte er unter Beweis, dass er für den politischen Machterhalt zum Kreide fressenden Wolf werden kann und inszenierte 2008 und 2009 bürgernahe Wahlkämpfe. Genauso betonte er eisern, dass sein Platz in Hessen als Ministerpräsident sei, fragte man ihn nach lockenderen Angeboten in Berlin und Brüssel.
Im Sinne Webers hat Koch fraglos Leidenschaft bewiesen. Denn ohne Leidenschaft wären die öffentlichen Prügel nicht zu ertragen. Ob er dabei auch Augenmaß und Verantwortungsgefühl bewiesen hat, darüber kann man trefflich streiten: Geht es darum, Hessen als Wissenschaftsstandort nach vorne zu bringen, mag es richtig sein. Geht es um erneuerbare Energien, gibt es noch einiges aufzuholen. Geht es um die gefühlte Sicherheit auf öffentlichen Plätzen, mag die Koch’sche Politik Erfolg gezeigt haben, geht es um die Wahrung von Bürgerrechten und die Maxime, dass die Allgewalt des Staates an der Haustür ihre Grenzen hat, mag dies wieder ein Streitgrund sein. Wie auch immer: Ob Koch sich tatsächlich auf Dauer von der politischen Bühne zurückziehen wird, auf der das Theater um Machterhalt und Machtverfall gespielt wird, erscheint kaum glaubhaft, angesichts der bisherigen Karriere und dem Weberschen Bild eines Berufspolitikers, das auch knapp 100 Jahre später noch nichts von seiner Gültigkeit verloren hat. Und sollte man sich tatsächlich irren, und es tauchen nicht in näherer Zukunft Gerüchte auf, der Rücktritt wäre aus Parteikreisen nahegelegt worden, dann muss man fairer Weise eines sagen: Respekt Herr Koch, wir haben Ihnen am Ende doch Unrecht getan!





