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Osama Bin Laden – Mensch und Mythos

situation_room_osamaOsama Bin Laden ist tot, so tot, wie ein Mensch bisher nur in George Orwells „1984“ sein konnte. Sein Tod ist, so wie er durch die Medien dargestellt wird, mehr als die Beendigung seiner physischen Existenz, sondern gleicht dem Versuch auch sein Dasein aus den Geschichtsbüchern zu tilgen, durch die Feder seines Erzfeindes, den Vereinigten Staaten. Der saudische Großunternehmersohn war das Gesicht, die Personifizierung des Terrors. In seinem Namen wurde tausendfach gemordet und gebombt, in seine Ideologie wuchs ein militant islamisches Machtpotential gegen die westlichen Demokratien.

Für die einen war der asketisch lebende Millionär, ein Heiliger und Gesandter seines Gottes, der mit Feuer und Schwert gegen die Gottlosen antrat, für die anderen ein gewissenloser Massenmörder, der seinen friedlichen Glauben in Terror und Gewalt umdeutete.

Unzweifelhaft aber, war er Moslem und als solcher empfand er eine tiefe Demütigung seines Glaubens, die der Islam im Laufe seiner Geschichte hinnehmen musste. Für uns Europäer sind die christlichen Kreuzzüge nicht mehr als wenig emotionale geschichtliche Ereignisse, für den Islam jedoch, neben dem Rückzug der Mauren von der iberischen Halbinsel und der Niederlage vor Wien, eine immer noch schmerzende und blutende Wunde, in einer selbst hochstilisierten Erfolgs- und Expansionsgeschichte. Es war der Einmarsch der gottlosen Sowjetmacht in das muslimische Afghanistan, der Osama Bin Laden zum Gotteskrieger und Glaubensverteidiger machte und die Stationierung gottloser Mächte, in Form alliierter Truppen anlässlich des ersten Golfkrieges, gegen den muslimischen Irak im Land der heiligen Stätten, welcher ihn zum Terroristen machte. Das nach seiner Überzeugung, heilige Feuer der Läuterung, welches er über die Welt bombte, löste in großen Teilen der konservativ muslimischen Bevölkerung Arabiens Lob und Bewunderung aus, für den heldenhaften Kampf eines Märtyrers in der Ungerechtigkeit eines David gegen Goliath.

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Das was seine Bluttaten bei vielen Gläubigen hinterließ, ähnelt der Glorifizierung des Erpressers und Serienmörders Klaus Störtebecker. Da war nun jemand, der die Erfüllung verhieß, die Buchstaben und Bilder des Koran, eines streitbaren Islam, der die Gottlosen mit dem Schwert verjagt, wahr werden zu lassen. Nahezu jeder in der arabischen Welt kennt seinen Namen, sein Gesicht. Seine Ideologie profitierte von seinem Bekanntheitsgrad und den hatte er eigentlich seinem ärgsten Feind zu verdanken. Es war der Präsident der Vereinigten Staaten, seinerzeit Bill Clinton, der Osama Bin Laden aus der Masse der Gotteskrieger heraus hob und ihm seine Popularität verlieh, indem er ihn vor der Weltöffentlichkeit zu Amerikas persönlichem Feind erklärte. So war es nun auch an Amerika, diese Geschichte wieder zu beenden.

Ob Osama Bin Laden einem heldenhaften Kommandounternehmen der Navy Seals zum Opfer fiel, oder bereits seit Jahren tot ist, ist nicht der Kern der Story, die über die Nachrichtenticker lief. Amerika hat eine Botschaft an die Welt gesandt und die Botschaft selbst ist auch die Nachricht. Man mag darüber spekulieren, ob Präsident Obama seine schlechten Umfragewerte im Hinterkopf hatte, als er den Einsatzbefehl gab, oder ob Amerika eine Tür suchte, sich eines unliebsam gewordenen Krieges zu entledigen. Amerika gab ein Statement ab. Es präsentierte seinen Todfeind mit zwei Kugeln im Kopf und ließ dessen Leichnam im Indischen Ozean versenken.

Damit wurde auch dem letzten Verschwörungstheoretiker bewusst, diese Geschichte ist unwiederbringlich zu Ende und es wird keine Antworten geben.  Amerika hat sich entschieden, dass all die Fragen um den Verbleib Osama Bin Ladens über fast zehn Jahre, seine etwaige Zusammenarbeit mit der amerikanischen Regierung und zu seiner Beteiligung an den Terror Anschlägen, nicht beantwortet werden. Amerika hat entschieden die Deutungshoheit zu übernehmen und somit, dass die Geschichte in ihrer heutigen Lesart, auch die zukünftige sein wird. Offensichtlich herrscht in der amerikanischen Regierung die Meinung vor, dass dieser Krieg nunmehr nicht auf Schlachtfeldern, sondern in den Köpfen der Menschen geführt wird und das sein Verbleib unter den Lebenden den zukünftigen Interessen der Vereinigten Staaten im Wege steht.

In diesem Lichte ließe sich auch die Freude unserer Bundeskanzlerin erklären, der wirkliche Freude zu unterstellen ist, da sie sich ansonsten sicherlich nicht zu einer so unüberlegten Äußerung über den Tod eines Menschen hätte hinreißen lassen. Ob dieses Thema tatsächlich beendet ist, werden jedoch weder Obama noch Merkel bestimmen, sondern unser Verhalten gegenüber den muslimischen Staaten. Aus ihrer Sicht ist der Westen nichts weiter als eine gigantische seelenlose Maschinerie, die andere an den Früchten von Reichtum und Wohlstand nur teilhaben lässt, wenn diese sich freiwillig dem westlich-demokratischen System unterwerfen oder ansonsten, nach alter Sitte der Kreuzzüge, mittels des Schwertes zwangsmissioniert werden.

Osama Bin Laden und jene, die ihm folgen werden, begannen nicht mit dem 11. September 2001 und finden ihre moralische Rechtfertigung im Koran und den Hadithen. Ihre Ursache in dem Verhalten der westlichen Demokratien gegenüber dem Islam wird erst nachlassen, wenn wir akzeptieren, dass jedes Volk die Freiheit hat, über sein Schicksal eigenverantwortlich zu bestimmen, auch und selbst dann, wenn wir diese Entscheidungen nicht verstehen oder ihre Konsequenzen ablehnen. Freiheit ist auch das Recht auf Unrecht – zumindest solange es sich innerhalb der eigenen Grenzen manifestiert.


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