Tote Zivilisten – Wie geht es weiter
Entgegen ersten Erwartungen, wurden die schockierenden Videoaufzeichnungen, die zeigten, wie zwölf Zivilisten, zwei von ihnen Reuters-Mitarbeiter, im Jahr 2007 von einem amerikanischen Apache-Hubschauber aus brutal niedergeschossen wurden, von den Medien nicht verschwiegen. Damit wäre der erste Schritt getan. Doch was wird folgen? Obwohl die Echtheit der Aufnahmen von offizieller Seite bestätigt wurde, können wir ausschließen, dass es damals für die Verantwortlichen Konsequenzen gegeben hatte. Sollten die Medien den Skandal weiter verfolgen, wäre es mit einer späten Verurteilung der beteiligten Soldaten abgetan?
Der erste Krieg gegen Irak, 1991, wurde damals in den Medien ähnlich einem Computer-Spiel präsentiert. Das Bildmaterial, das von der US-Armee zur Verfügung gestellt wurde, zeigt ausschließlich Aufnahmen von angegriffenen Gebäuden, von den Kampfflugzeugen aus gefilmt. Ein Objekt im Fadenkreuz, ein Treffer, Rauch. Nichts erinnert daran, dass in Kriegen auch Menschen sterben.
Das gestern veröffentlichte Video zeigt ein anderes Bild. Von der im US-Hubschrauber eingebauten Kamera wurden Männer aufgenommen, die in Zivilkleidung durch die Straßen Bagdads wanderten. Sie waren zu Fuß unterwegs. Es scheint als wären sie nicht sonderlich in Eile gewesen. War der Umstand, dass zwei der Männer Gewehre bei sich führten, Rechtfertigung genug, auf alle – und alle trugen Zivil – das Feuer zu eröffnen?
Vielleicht ließe sich darüber diskutieren. Vielleicht wirkte das Teleobjektiv des Photoapparates wirklich wie ein Raketenwerfer. Vielleicht können wir die Emotionen aktiver Soldaten verstehen, die von „toten Bastarden“ sprechen. Doch was folgte danach?
Einer der Zivilisten, offensichtlich unbewaffnet, hat den Angriff überlebt. Er versucht, sich in Sicherheit zu schleppen. Plötzlich nähert sich ein Fahrzeug, ein fensterloser Kleinbus. Zwei Männer steigen aus, um den Verletzen aufzunehmen. Die aufgezeichnete Stimme aus dem Kampfhubschrauber: „Come on, let us shoot! Come on!“ Dann fielen Schüsse. Mehr Menschen starben.
Über Funk wird von zwei verletzten Kindern gesprochen. „Selbst schuld, wenn sie Kinder zu Schlachten mitnehmen!“ Al Jazeere sprach mit einem der beiden Mädchen, Sajad Mutashar, das bis heute nicht versteht, warum ihr Vater getötet wurde:
„Wir waren am Heimweg und wir sahen einen verletzten Mann. Mein Vater sagte, wir bringen ihn in ein Krankenhaus. Und dann hörte ich nur mehr die Kugeln ...Warum haben sie auf uns geschossen? Haben sie nicht gesehen, dass wir Kinder waren?“
Das Genfer Abkommen I vom 12. August 1949 setzt sich mit dem Schutz von Verletzten und Kranken auseinander. Es steht geschrieben:
Angriffe auf sanitätsdienstliche Einrichtungen wie Lazarette und Krankenhäuser, die unter dem Schutz eines der Schutzzeichen der Konvention stehen, sind streng verboten (Artikel 19 bis 23), ebenso Angriffe auf Hospitalschiffe, die von Land aus erfolgen. Gleiches gilt für Angriffe auf Personen, die ausschließlich mit der Suche, der Rettung, dem Transport und der Behandlung von Verletzten beauftragt sind (Artikel 24)...
Und bei diesem Verletzten handelte es sich nicht einmal um einen Angehörigen der feindlichen Streitkräfte. Er war ein unbewaffneter Zivilist! Und dieser Vorfall passierte im Juli 2007, also nicht während der Wirren der ersten Kampfhandlungen bei der Einnahme Bagdads im Jahr 2003.
Der irakische Journalisten-Vertreter Muayad al-Lami erklärte in einem Interview mit der New York Times:
„Dieses letzte Verbrechen kann einer Liste von Verbrechen hinzugefügt werden, die von amerikanischen Soldaten gegen irakische Journalisten und Zivilisten begangen wurden. Es gibt Soldaten, die sind ausgesprochen brutal und grob in ihrer Behandlung von Zivilisten und Journalisten!“
Manche Medien, wie etwa die englische Zeitschrift Guardian, bezeichnen den Vorfall als die schlimmste Enthüllung seit Abu Ghraib, als, in einem amerikanischen Gefangenenlager aufgenommene, Photographien an die Öffentlichkeit gelangten, die Soldaten bei der Folterung von Insassen zeigten. Als die Medien die Angelegenheit schon lange wieder in Vergessenheit geraten haben lassen, erklärten die betroffenen Militärangehörigen uniform, dass es sich keineswegs um persönlichen Sadismus, sondern um befohlene Folter gehandelt hatte.
Bleiben wir aber bei diesem einen Fall vom Juli 2007. Dass Militäraktionen durch in Kriegsgerät eingebaute Kameras aufgezeichnet werden, erlaubt es den Verantwortlichen, ungerechtfertigtes Vorgehen zu ahnden. Wären die Soldaten, die einen verletzten Zivilisten zusammen mit seinen Rettern erschossen hatten, vor ein Kriegsgericht gestellt worden, dann hätte das Pentagon nicht gezögert, dies, nach bekannt werden des Vorfalls, mitzuteilen. Vielmehr bestätigt man dort zwar die Echtheit, lässt sich mit weiteren Erklärungen aber unter dem Vorwand Zeit, dass man die Originalaufnahmen erst suchen müsste. Für ein Vorgehen gegen die Todesschützen ist es mittlerweile zu spät. Die militärische Führung der Vereinigten Staaten hat bewiesen, vermutete Kriegsverbrechen zu decken.
Dass dieses eine Video überhaupt an die Öffentlichkeit gelangte, ist vermutlich nur dem Umstand zuzuschreiben, dass zwei Journalisten dabei ums Leben kamen. Wir können mit Sicherheit davon ausgehen, dass es sich nicht um das einzige Kriegsverbrechen der US-Armee handelt. Nicht in diesem Irak-Krieg, der schon mit der Lüge der Massenvernichtungsmittel begonnen hatte. Irak wurde ohne ersichtlichen Grund angegriffen. Und haben wir nicht alle einmal, in anderem Zusammenhang, gehört, dass jeder Angriffskrieg von Anfang an ein Verbrechen sei? Und auch nicht im ersten Irak-Kireg. Über den schwerwiegendsten Vorfall von damals, über den sogenannten Highway of Death, haben wir bereits berichtet.
In anderen Angelegenheiten lassen die Medien nicht davon ab, Vorwürfe immer und immer wieder zu erwähnen. Ständig sind sie auf der Suche nach neuen Fällen, fordern Konsequenzen, von der Verurteilung der direkt Betroffenen bis hin zu Rücktritten indirekt Verantwortlicher. Erneut stehen die USA unter dem Verdacht eines Kriegsverbrechens. Was würden entsprechend motivierte Recherchen noch alles aufdecken? Mit dem notwendigen Aufwand fänden sich genügend Menschen, die darüber Zeugnis legen würden. Von den Opfern oder deren Hinterbliebenen in den angegriffenen Ländern bis hin zu körperlich und seelisch verkrüppelten US-Soldaten, denen Heldentum versprochen wurde, und die, zu einem nicht unwesentlichen Teil, letztendlich doch verstanden, wofür sie ausgenutzt wurden.



