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Katastrophenmeldungen zur Unzeit – Wie soll man da noch regieren?

fukushima_arbeiterDer türkische Ministerpräsident Erdogan hatte ja noch Glück, als er Mitte März 2011 den Vertrag für den Bau des ersten AKW in seinem Lande unterzeichnete. Vertragspartner für Akkuyu ist übrigens Russland, 75% der Aufbauarbeiten werden von russischen Firmen übernommen. „Ich bin sicher, dass das AKW, das in der Türkei gebaut wird, zu einem Musterbeispiel für die ganze Welt wird“, wird Erdogan in RIA Novosti am 16.3.2011 zitiert. Die Türkei müsse ihre Atom-Projekte wegen der seismischen Risiken nicht aufgeben. Ankara ergreife alle notwendigen Maßnahmen, damit die gebauten AKWs höchst sicher seien und Beben der Stärke bis neun aushalten würden, versicherte er weiter.

Nun gut, was der kritische Mensch schon nach den ersten Tsunamimeldungen aus Fukushima befürchtete, wurde dank verzögerten oder gleich gar nicht lancierten Pressemeldungen erst Wochen später so richtig bewusst. Und es ist auch nicht jedem gegeben, solche Meldungen entsprechend auszuwerten. Erdogan hat bis heute noch seine Schwierigkeiten damit. So ignorierte er systematisch die Warnungen der türkischen Ingenieurskammer (TMMOB): Akkuyu, der Standort des Prestigeobjekts, liegt rund 25 km vom Ecemis-Graben entfernt, einer aktiven Erdbebenzone. Die Unbedenklichkeitsgutachten, auf die Erdogan sich berufe, stammen aus den 1970er Jahren, die Erdbebenspalte werde aber erst seit den 1990er Jahren seismologisch beobachtet. Am 17.3.2011 demonstrierte TMMOB anlässlich der Fukushimatragödie gegen das AKW, Energieminister Taner Yildiz wurde zum Rücktritt aufgefordert.

Heute ist Yildiz immer noch im Amt und bekräftigt selbst bzw. gerade nach dem jüngsten schweren Erdbeben, dass das Städtchen Ercis auslöschte, die Standfestigkeit und Sicherheit des geplanten Baus.

Die internationalen Proteste, wie von TMMOB gefordert, sind ebenfalls weitestgehend ausgeblieben. Wer sollte auch protestieren? Von der EU können wir dies nicht erwarten, die Mehrzahl der vertretenen Länder tut sich schwer mit der Abkehr vom Atomstrom. Energiekommissar Öttinger selbst hält in seinem Energiefahrplan bis 2050 am Atomstrom fest. Und dass zu Zeiten, als Frau Merkel noch Umweltministerin war, die Strahlengrenzwerte der Castorbehälter systematisch überschritten wurden, ist ebenfalls hinlänglich bekannt. Auch bei den aktuellen Krisengipfeln geht es weniger darum, wie denn im Falle einer gelähmten Infrastruktur, beispielsweise hervorgerufen durch einen in Panik verfallenden Kapitalmarkt und den Folgen, der sichere Umgang mit den AKWs, dazu gehört auch die Lagerung strahlender Abfallprodukte, geregelt sein könnte. Im Gegenteil, dieses Thema wurde bereits jahrzehntelang global verdrängt und in undichten Fässern im Ozean versenkt.

Dummerweise wurden ebensolche Fässer gefunden und die ganze Tragweite dieser Praxis dem abgestumpften Erdbewohner – zum wievielten Male? – vor Augen gespült. Leider bedarf es mittlerweile dieser drastischen Meldungen. Wenn ein AKW wieder einmal gestört runtergefahren wird, wie vor Kurzem in Schweden, wenn die Kühlung nicht nur französischer Reaktoren auf Grund extremer Sommerhitze gefährdet ist oder in Tokyo Strahlenhotspots gemessen werden, hebelt dies nur noch Wenige aus dem Sessel. Das schafft nur die Champions League oder ein neues Smartphonemodell auf dem Markt. Dazu noch ein dahinschmelzendes Lächeln auf dem Gesicht unserer Kanzlerin, ausgelöst durch ein mit sarkozydierenden Akzent ausgesprochenes „Angela“, und wie lehnen uns versöhnlich zurück.

Das neuerliche Dahinschmelzen im TEPCO Reaktor 2 könnte manchem Politiker vielleicht doch noch einen Strich durch solche Berechnungen machen – und sei dies nur die Berechnung höherer Pensionsansprüche.

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