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Die Krise News (89) – Ora di figaro

collins lorenMeine Friseurbesuche sind nicht steuerlich absetzbar. Schade, aber der Versuch war es wert: Wo sonst kann man sich zu Recherchezwecken entspannt zurücklehnen und von einschlägigen Gazetten inspirieren lassen. Der Gala beispielsweise entnahm ich folgenden Satz, den sich jeder Künstler vom Möchtegernsternchen bis hin zum ernsten Theatermimen hinter die Ohren schreiben, oder besser noch an den Schminkspiegel heften sollte:

„Darling, die Frage ist doch nicht, ob die Karriere irgendwann ins Stocken gerät, sondern wann. Deshalb ist es in meiner Branche so wichtig, weitere Standbeine zu haben“. So sprach Joan Collins, (noch) besser bekannt als Denver Clan-Hexe. Frei heraus verriet sie, dass eines ihrer Standbeine aus Erdnüssen und Schokolade geformt sei und Snickers gerufen werde. Von der offiziell 78jährigen können wir aber noch viel mehr lernen: Die wahre Diva besticht durch Klasse, Eleganz und Glamour. Im Falle von Joans Vorbildern Callas und Dietrich auch noch mit Stimme. Eine echte Diva hat es eben nicht nötig, durch Skandale und affektiertes Rumgezicke auf sich aufmerksam zu machen. Mit anderen Worten. Sie ist bodenständig, verheizt weder Visagist noch Schneider, schminkt und stylt sich selbst.

Ob die Beweggründe des selbsternannten patenten Mädchens die gleichen wie bei der Loren sind? Dass weder ihr mittlerweile verstorbener Mann, Regisseur Carlo Ponti, noch ihre Familie Sophia jemals ungeschminkt gesehen haben, nicht einmal am Frühstückstisch, ist längst kein Geheimnis mehr. So entstehen Legenden und halten sich alterslos.

Nicht überliefert ist, was Joan von Paris Hilton hält. Zumindest fand ich nichts darüber, NOCH sprengen meine Besuche beim Figaro keinen Rahmen. Wenig dürfte es sein, wenn überhaupt etwas: Wesen, die nur mit exzessiven Shoppingtouren und peinlichen Auftritten Aufmerksamkeit erlangen können, sind nicht nur bei der jung gebliebenen Seniorin unten durch. Ach, wenn Paris wenigstens den Mund halten würde! Nein, jüngst piepste es aus ihr heraus, dass schwule Männer meist ekelig und mit Aids behaftet seien. Hätte das Mädel auch nur einen Bruchteil ihrer Hotel-Millionen in Hirn invertiert, müsste sie erkennen, dass genau sie von einer Welt profitiert, in der jeder so leben dürfen sollte, wie er möchte! Solange er seinen Mitmenschen mindestens die Rechte und Freiheiten eingesteht, die er für sich selbst einfordert. Da nützt es auch nichts, wenn sie sich mittlerweile, von wem auch immer dazu genötigt, für diese Worte entschuldigt hat! Wir können sprechen, sollten diese Gabe aber nur dann nutzen, wen wir die Tragweite unserer Worte stets abschätzen können.

Wer das nicht verinnerlicht hat, kann dagegen auch mit dem gepflegtesten Erscheinungsbild nicht mehr punkten. Bestes Beispiel dafür ist in Amerika derzeit Mitt Romney! Aus wahlkampftechnischen Gründen bereut er seine abfälligen Bemerkungen über sozial schwächer gestellte Landsleute, helfen wird ihm das auch nichts mehr. Das lässt hoffen. Es gibt nämlich eine deutsche Antwort auf Mitt Romney: Kaum zu glauben, aber selbst Philipp Rösler kann immer noch ein Quäntchen unverhohlener zeigen, wen er ausschließlich vertritt, selbst als Wirtschaftsminister! Von der Leyens Armutsbericht lehnt er aus einem einzigen Grund ab: Er sieht darin offensichtlich Nachteile für die zehn Prozent der Bevölkerung, die selbst oder gerade an der hausgemachten Finanzkrise noch dazuverdienten. Dass der Armutsbericht allein durch die ständig, milde ausgedrückt, geschönten Arbeitslosenzahlen und äußerst späte Erkenntnisse schon armselig ist, dürfte ihm weniger berühren.

Ich kann mir nicht helfen, aber bei solchen Gesinnungen stehen mir die Haare zu Berge. Der nächste Friseurbesuch ist somit bereits vorprogrammiert. Wer weiß, vielleicht ist ja dies mit „Wirtschaft ankurbeln“ gemeint.

In diesem Sinne,

Eure KriSe

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