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Die Schneeschaufel als Frostschutzmittel gegen die soziale Kälte

kolumnistenschwein 150Nun wird es also doch noch Winter. Fuck. Die kurzen Hosen lagen quasi schon griffbereit, das Sonnenöl des letzten Jahres wurde durch eine Geruchsprobe auf seine Tauglichkeit hin überprüft, und das Einziehen des Bauches jeden Abend vor dem Kleiderschrankspiegel eingeübt. Doch nun: Minusgrade und Schnee. Es kommt halt immer anders als man denkt. Und denken tut der Mensch im Allgemeinen immer auf Basis seiner Wünsche.

Wenn vor mir beispielsweise eine attraktive Dame geht, dann denke ich in erster Linie eben an die Dinge, die man mit der Dame tun könne, wenn man nur dürfe. Also nicht im Detail. Nur verschwommen und grundsätzlich. So stammhirnmäßig vorgeschrieben halt. Im Grunde aber eben auf der erwähnten Basis von Wünschen. Die Realität könnte dann hingegen aber so aussehen, dass sich die langbeinige Rothaarige in der engen Jeans an der nächsten Ampel mit den Worten “Ich bin der Kevin, haste mal Feuer?”, als schlecht rasierter androgyner Langzeitarbeitsloser entpuppt. In diesem Moment bricht in meinem erotischen Lustschloss selbstverständlich explosionsartig Feuer aus, so dass es nur so qualmt, und innerhalb von nur einer Minute steht da nur noch eine rauchende Ruine.

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Oder schauen wir auf die Krise. Und die Krise ist ja nun unser Begleiter seit gefühlten 200 Jahren. Und die Nachrichten kommen nicht immer im Gleichschritt daher, eher ist es ein mediales Stolpern in gar gegensätzliche Richtungen. Las ich erst letzte Woche in der Zeitung, die deutsche Wirtschaft stehe wie die sprichwörtliche im gleichen Land wachsende Eiche, so stand in dieser Woche im gleichen Blatt, die Thüringer Wirtschaft sehe getrübt in die Zukunft. Stand ich dementsprechend in der letzten Woche noch kurz davor, meine Ersparnisse in vielversprechende Ausschweifungen zu stecken, weil, es wird ja alles gut, so verstecke ich in dieser Woche meinem Sparstrumpf zwischen den wieder in der Schublade verschwundenen kurzen Hosen, weil, man weiß ja nicht was wird.

Der Wunsch des einzelnen Subjektes geht ja gewiss immer dahin, es solle, wenn schon nicht besser, so doch aber wenigstens stabil bleiben, was den Lebensstandard, die Beziehung und den Stuhlgang betrifft. Also satt essen, satt ficken und Ausscheidungen, welche flott und ohne Platzen von Adern in Auge und Ringmuskel vonstatten gehen. Und um unseren im Darwinschen Sinne geprägtem Wunsch ein aus Humanismus gewebtes Mäntelchen umzuhängen, wünschen wir zudem Gerechtigkeit für alle Welt. Was natürlich nicht so weit gehen darf, dass bei H&M, C&A und ähnlichen Textildiscountern Preise verlangt werden, die den Näherinnen in Bangladesch ein lebenswürdiges Leben ermöglichen. Denn dieses würde ja diametral zum Wunsch des stabilen Lebensstandard stehen, weil Gerechtigkeit heißt teilen. Man kann ein Schwein nur einmal schlachten und wenn man den feisten Schinken nur in seinem eigenen Keller hortet, dann bleibt dem Nachbarn nur der würzige Geruch. Doch von Geruch allein kann kein Mensch lange überleben. Sattessen kriegt man nicht hin allein mit Aromatherapie. Unser Altruismus hat Blut im Stuhl. Doch wir setzten unsere Brille ab und sehen in den Fernseher drüber weg.

Doch genug der breit gestreuten Selbstvorwürfe, denn wer bin ich denn, dass ich den Gang der Dinge auf sein trunkenes Schwanken hin befragen darf!? Da draußen liegt Schnee und ich sitze drinnen und schwinge selbst zwischen Schippen und Liegenlassen der glatten gefrorenen Last. Doch lasse ich sie liegen, stürzt vielleicht die Dame von gegenüber, welche immer die von beigelegter Werbung aufgeblähten Sonntagszeitungen austrägt. Und dann liegt sie vielleicht mit gebrochenem Oberschenkelhals genau vor meinem Haus, was ja den optischen Wert dieses Gebäudes nicht gerade in ungeahnte Höhen steigen lässt. Wenn man sich jetzt mal den Wert der Dämmung beiseite denkt, welchen ich immerhin mehren könnte, wenn ich die  fleißige Frau genau vors schlecht isolierte Kellerloch schiebe, bleibt gar wenig Positives. Nein, ich gehe jetzt schippen und streuen, bis dass Straße und Gewissen den gleichen Reinheitsgrad haben. Auf meinem Klingelschild steht ja auch nicht Christian Wulff.

 

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  21.05.2012 The Intelligence

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