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Über den Segen der Verwesung

kolumnistenschwein_150Der Kalender zeigt den 11.Dezember, doch ist es in mir durchaus noch nicht weihnachtlich, so dass, würde man von meinem Kopf ein Röntgenbild machen, darauf weder ideelle Rauschgoldengel, noch irgendwelche fiktive Glöckchen zu finden wären. Nein, in mir ist noch stinknormaler Alltag, was dazu führt, dass zwischen dem Bild, welches die sich seit Wochen wund werbenden Medien geben, und meinem eigenen emotionalem Zustand, sich Abgründe auf tun, die an Tiefe nur von sehr, sehr wenigen von Zeit und Wind und Wasser getätigten Einschnitten der Erdoberfläche übertroffen werden.

Kann sein, es ist eine Sache des Alters, die einem das wie eine rote Flut herannahende Weihnachten mit ruhigem und scheinbar desinteressiertem Blick entgegen sehen lässt. Alter heißt ja schließlich auch, es sind schon etliche zu Beschenkende weggestorben. Und so wie die Liste der auf Gaben wartenden immer kürzer wird, so werden die Tage, an denen man nicht durch weihnachtlich verhunzte Einkaufspassagen hetzen muss, einem angenehm länger. Statt übelgelaunt durch Parfümerien und Buchläden zu hetzen, liege ich zufrieden mit hinterm Kopf verschränkten Händen auf dem Sofa und lasse den Weihnachtsmann einen guten Mann sein.

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Nicht auszudenken, wenn jeder Mensch so uneinsichtig wäre wie Johannes Hesters! Statt sozial verträglich in beidseitigem Einvernehmen endlich wegzusterben, bringt er seine Verwandtschaft in einen kaum zu ertragenden Zugzwang, denn nun müssen sie ihm zum 108ten mal weihnachtlich beschenken.

Doch was schenkt man einem Einhundertachtjährigem? Der hat doch längst alles. Und der wächst ja auch nicht mehr. Pullover und Pullunder kann man da schon mal getrost vom Einkaufzettel streichen. Auch wenn ich selbst ja denke, der Johannes würde schon gerne abtreten, doch wird man sich in Himmel und Hölle einfach partout nicht einig, wer den alten Frackträger nun eigentlich aufnehmen muss. Dies ist höchstwahrscheinlich darin begründet, weil die Bürokraten in Paradies und Schwefelpfuhl - genau wie ihre irdischen Kollegen - noch immer darüber streiten, ob der Heesters nun tatsächlich einst in KZ's die SS mit rührseligem Singsang bespaßte. Und solange das Verfahren in der Schwebe hängt, solange karrt man also den längst mit abgelaufenem Mindestens-haltbar-bis-Datum Versehenen mit der Sackkarre als unausrottbare Attraktion über die Deutschen Bühnen, nagelt ihn Abend für Abend an den jeweiligen Flügel, und die Verwandten dürfen wiederum auch diese Weihnacht Geschenke für ihn kaufen. Sofern die blutsverwandte Bagage nicht schon längst vor ihm gestorben ist. Wer aber zu spät auf den Friedhof kommt, denn bestraft eben das Leben.

Wie man nun schon herauslesen durfte, plagen mich demnach kaum Geschenksorgen. Nicht nur, weil ein Teil der Verwandten und Freunde bereits in der Erde ruhen. Es ist nämlich auch an dem, dass meine Familie das chinesische Ein-Kind-Prinzip längst verwirklicht hatte, bevor die Chinesen überhaupt dahinter kamen, dass viele Kinder auch viele Geschenke bedeuten. Hinter vorgehaltener Hand sagen ja nicht nur Ökonomen von Namen und Rang, die Chinesen hätten die Ein-Kind-Ehe ja nur eingeführt, weil die Chinesen keine Chinesen hätten, die für sie unter widrigsten Arbeitsbedingungen Spielzeug und Elektronik herstellen, die die Chinesen dann zu Weihnachten an ihre Kinder verschenken können. Eine recht halsbrecherische Hypothese, die jedoch fernab des Mainstreamdenkes auf immer mehr offene Ohren stößt.

Mein Vater, der übrigens nie in KZ's als Zylinder tragender Clown SS-Schergen besang, sei es auch nur, weil er damals einfach noch viel zu jung war für solch einen Scheiß, bekommt in diesem Jahr von mir einen Rasierapparat. Ein Hightech-Produkt, welches laut Packungsaufdruck nicht in China, sondern in den Niederlanden zusammen geschraubt wurde. Ob in den niederländischen Rasierapparatschraubwerkhallen allerdings Chinesen schrauben und mit gehörigem Aufwand daran gehindert werden müssen, der schroffen Arbeitsbedingungen wegen vom Werksdach zu springen, ist mir nicht bekannt. Und ob in mir, wenn es so wäre, Gewissenskonflikte toben, entnehme man bitte dem in Bezug auf Rauschgoldengel und Glöckchen noch anzufertigenden Röntgenbild. Abzüge gehen aufs Haus.

 

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  21.05.2012 The Intelligence

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