Bei Verwundung bitte tot stellen – Journalisten in Krisengebieten
Wie können Auslands-Korrespondenten angesichts der aktuellen Bedrohungen in Krisenregionen wie Ägypten oder Tunesien ihren Job machen? Wie verarbeiten sie, was sie gesehen und erlebt haben? Wie gehen sie mit ihrer Angst vor Entführung oder Ermordung um? Für ihr Buch „Die Vorkämpfer - Wie Journalisten über die Welt im Ausnahmezustand berichten“ haben die beiden Medien- und Journalismusforscher Stephan Weichert und Leif Kramp 17 renommierte Auslandsreporter führender Medien interviewt, die Antwort auf diese Fragen geben.
"Es gibt einen gestiegenen Druck, mehr Konkurrenz und das Verlangen nach Schnelligkeit", sagte Stephan Weichert, Professor an der Hamburger Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation anlässlich der Buchvorstellung in Berlin gegenüber dpa. Gerade die Bilanz der Demonstrationen in Kairo zeige aus Sicht Weicherts, dass Auslandskorrespondenten einen brandgefährlichen Job ausübten: Über 70 Journalisten wurden für mehr als zwei Stunden festgenommen, ebenso viele körperlich angegriffen und bedroht, einer wurde erschossen, während er die Proteste vom Balkon aus fotografierte. Daneben wurden Medienbüros überfallen, Material konfisziert oder zerstört. Dutzende Journalisten verließen das Land aus Angst um ihr Leben.
Besonders problematisch sei, so Weichert, dass aufgrund der Risiken des Berufs die Methoden vieler Krisenreporter zu einer eindimensionaleren Berichterstattung führten: "Immer weniger Reporter sind Augenzeugen". Es gebe immer mehr "Hotel-Reporter", die im Hotel säßen und Sender wie BBC und CNN schauten, um möglichst viele Nachrichten zu liefern. Zudem hätten die für das Buch befragten Krisenjournalisten eine gestiegene Abhängigkeit von sogenannten "Stringern und Fixern", also freien Mitarbeitern vor Ort, registriert.
"Die Krisenberichterstattung diente einigen gestandenen Journalisten als Karrieresprungbrett", sagt Leif Kramp, Dozent an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation. Zugleich sei es eines der spannendsten und zugleich umstrittensten Tätigkeitsfelder im gegenwärtigen Journalismus, insbesondere für junge Nachwuchsreporter. "Umso dringender braucht es eine verlässliche Ausbildung und konfliktsensitive Vorbereitung für Kriseneinsätze", sagt Kramp – schon alleine weil diese immer häufiger im Fadenkreuz autoritärer Regimes, Konfliktparteien und Kriminellen stünden. Die bittere Bilanz von Weichert und Kramp: "Dem Krisenjournalismus fehlt es mitunter nicht nur an ökonomischem Rückgrat, sondern häufig auch an Besonnenheit."
Von welchen Beweggründen lassen sich die Krisenberichterstatter leiten? Welche Folgen haben die Sensationalisierung und die daraus resultierende Schieflage im Agenda Setting aktueller Kriegs- und Krisenkommunikation? Wie wappnen sie sich gegen die wachsende Konkurrenz parajournalistischer Angebote wie Wikileaks, Blogs und Twitter? In Die Vorkämpfer werden diese und andere aktuelle Entwicklungen der Krisenberichterstattung in den Blick genommen, die sich auf die konkreten Arbeitsbedingungen der Krisenjournalisten vor Ort auswirken. Außerdem werden Chancen, Risiken und Herausforderungen diskutiert, wie eine Professionalisierung des Krisenjournalismus vorangetrieben und dessen Ausbildungsmöglichkeiten verbessert werden können.
Anhand von 17 Interviews mit führenden Auslandsreportern unterschiedlicher Mediengattungen (u.a. Antonia Rados, Elmar Theveßen, Matthias Gebauer, Susanne Koelbl) wird analysiert, wie sich das Berufsbild von Korrespondenten und Krisenjournalisten konkret verändert hat, von welchen Motiven und Trends sie sich bei ihrer Arbeit leiten lassen, wie die Zusammenarbeit mit Kollegen und offiziellen Stellen (Auswärtiges Amt, Bundesnachrichtendienst, Krisenstäbe) abläuft und wie die Profis mit ihren eigenen Ängsten, Schwächen und Unsicherheiten umgehen.
Das Buch ist im Herbert von Halem Verlag erschienen und hat 256 Seiten. Für 22,00 € ist es im Buchhandel oder direkt hier erhältlich.









