Sonntag , 26 Mai 2019
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S&P Herabstufungen lenken von der Situation in den USA ab

standard poors headquaterDurch die Herabstufungsorgie von Standard & Poor’s (S&P) rückt das Schuldendilemma der Eurozone erneut in den Fokus der medialen Betrachtung, während die wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen in den USA ein Schattendasein in der Berichterstattung fristen. Diesem Umstand gilt es Abhilfe zu schaffen.

Ausgangspunkt dieser Betrachtung muss wohl das jüngste Wasserscheide-Ereignis, der Bankrott der Großbank Lehman Brothers im September 2008, sein, da der Stein der Krise durch diesen ins Rollen kam. An dieser Stelle soll zunächst die Diskrepanz zwischen den offiziellen Arbeitslosenzahlen der US-Regierung und den Zahlen zu den Empfängern von Lebensmittelmarken aufgezeigt werden, da sich hierbei bereits abzeichnet, dass die US-Regierung ein statistisches Hütchen-Spiel betreibt.

Die Diskrepanz zwischen Arbeitslosen und Lebensmittelmarken-Beziehern ist offenkundig. Teilweise kann dies dadurch erklärt werden, dass nach Angaben des für die Ausgabe der Lebensmittelmarken zuständigen US-Agrarministeriums 48 Prozent der Empfänger von Lebensmittelmarken Kinder sind, weitere acht Prozent fallen in die Kategorie der Rentner. In Summe bedeutet dies, dass rund 25,7 Millionen Lebensmittelmarken-Bezieher in das nichtarbeitsfähige Alter fallen. Blieben immer noch rund 21 Millionen Menschen, die arbeiten könnten, aber augenscheinlich keinen Job finden.

Wesentlicher erscheint hierbei jedoch der Umstand, dass 29 Prozent der Haushalte, die Lebensmittelmarken erhalten, auch ein Einkommen durch Arbeit beziehen. Wenn aber rund ein Drittel der Haushalte, die Lebensmittelmarken bekommen, gleichzeitig auch ein Einkommen aus Arbeit generieren, dann zeigt dies ohne jeden Pathos auf, dass dieses Einkommen nicht ausreicht, um den Haushalt zu ernähren. Ebenso muss Erwähnung finden, dass im Betrachtungszeitraum rund vier Millionen Menschen ihren Arbeitsplatz verloren haben, während im selben Zeitraum die Zahl der Lebensmittelmarken-Bezieher um rund 15 Millionen anstieg. Der Verlust eines Arbeitsplatzes führt also offensichtlich zu drei bis vier neuen Lebensmittelmarken-Beziehern.

us arbeitslose vs lebensmittelmarkenbezieher

Fernab der offiziellen Arbeitslosenzahl, die sogenannte U-3-Rate, gibt es auch noch die U-6-Rate. Diese umfasst zuzüglich zu den offiziellen US-Arbeitslosen auch jene Menschen, die derzeit lediglich in Teilzeit arbeiten, aber nach einem Vollzeit-Job Ausschau halten sowie jene, die lediglich marginal beschäftigt sind.

u 6 rate

Dem steilen Anstieg im ersten Jahr der Betrachtung folgte eine Stabilisierung auf hohem Niveau, während sich zum Ende des vergangenen Jahres eine gewisse Entspannung abzuzeichnen schien. Auch wenn die Qualität dieser offiziellen Daten an anderen Orten zu Recht in Frage gestellt wird, so sind sie dennoch geeignet, um den Verfall des US-Arbeitsmarktes nachzuzeichnen. Die fortschreitende De-Industrialisierung der USA ist ebenso Triebfeder wie der Umstand, dass viele US-Arbeitnehmer nicht mehr einem Vollzeit-Job nachgehen, sondern mehreren Teilzeit-Beschäftigungsverhältnissen.

Zum Abschluss der Betrachtung des US-Arbeitsmarktes wird in der folgenden Grafik die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit in den USA dargestellt. Die in den USA weiterverbreitete Methode des „Heuerns und Feuerns“ ist Sinnbild für die sogenannte Flexibilität des US-Arbeitsmarktes. Diese sorgt in „normalen“ Zeiten dafür, dass viele Menschen schnell entlassen, aber ebenso schnell wieder eingestellt werden, so sich die wirtschaftliche Lage verbessert.

durchschnittliche arbeitslosigkeit

Binnen etwas mehr als drei Jahren hat sich die durchschnittliche Arbeitslosigkeit in den USA mehr als verdoppelt. Die oben erwähnte Methode des schnellen Entlassens und Einstellens funktioniert nur noch teilweise: Den Entlassungen folgen keine Einstellungen mehr, stattdessen müssen die US-Bürger, die derzeit von Arbeitslosigkeit betroffen sind, im Schnitt knapp neun Monate darauf warten, wieder einen Job, dessen Qualität hinsichtlich der Entlohnung nicht unbedingt als hoch anzusehen ist, zu bekommen. Die US-Wirtschaft und mit ihr der Arbeitsmarkt scheint sich nach Zugrundelegung der obigen Kennziffern in einem Abwärtssog zu befinden, auf den die Regierung Obama eigentlich mit Konjunktur- beziehungsweise Wiederbelebungs-Programmen reagieren müsste. Indes, ihr sind mehr und mehr die Hände gebunden, was die nachfolgende Grafik veranschaulicht.

oeffentliche schulden usa

Innerhalb dieser drei Jahre hat sich der öffentliche Schuldenstand der USA um mehr als 50 Prozent erhöht. Waren es im September 2008 bereits groteske zehn Billionen US-Dollar, so sind es im Dezember 2011 bereits über 15 Billionen US-Dollar. Angesichts dieser horrenden Schulden erscheint es wenig wahrscheinlich, dass die US-Regierung in naher Zukunft auf die Probleme auf ihrem Arbeitsmarkt adäquat zu reagieren vermag. Denn auch wenn Obama unlängst ein 450 Milliarden US-Dollar schweres Jobprogramm angekündigt hat, so blieb er dennoch die Antwort schuldig, woher er dieses Geld nehmen will. Angesichts der Pattsituation im US-Kongress zwischen den Demokraten und den Republikanern erscheint es unwahrscheinlich, dass das von Obama angekündigte Programm auch vollumfänglich umgesetzt wird.

Die USA stecken in einer Zwickmühle: Ein desolater Arbeitsmarkt trifft auf eine leere Staatskasse und auf ein heillos zerstrittenes politisches System, in dem sich die beiden Parteien bereits für die anstehende Präsidentschaftswahl positionieren und ihren Wahlerfolg über die Belange von Millionen Menschen stellen. An diesem Gift-Cocktail wird die US-Gesellschaft auf absehbare Zeit zu nippen haben, wobei heute noch gar nicht ersichtlich ist, wie die USA ohne Neuverschuldung lebensfähig bleiben wollen, von einer Rückführung der Schulden spricht realistischerweise ohnehin kein Mensch mehr.

Unter Beachtung der obigen Daten erscheint das AAA-Rating der USA durch die Ratingagenturen Moody’s und Fitch lächerlich, selbst das AA+-Rating von S&P zeichnet sich nicht gerade durch einen Blick durch die realistische Brille aus, entspricht der offizielle Schuldenstand der USA doch bereits mehr als 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Bei allem Verständnis für die Selbstbeschäftigung der europäischen Völker und Politiker sollte man sich dazu aufraffen, die Probleme der USA als solche fortwährend zu benennen, schließlich sind die Vereinigten Staaten auch immer sehr schnell dabei, wenn es darum geht, salzige Finger in die Wunden Europas zu legen.

Die kleine obige Auswahl ist selbstredend nicht geeignet, um alle Probleme der USA darzustellen, allerdings hilft sie zu verstehen, weshalb in den Medien immer wieder Europa im Fokus steht. Würde man sich nämlich mit den USA beschäftigen, so wüsste man vergleichsweise schnell, wer der wahre kranke Mann der Welt ist und wer die größte Gefahr für die Weltwirtschaft darstellt. Dass dies nicht im Interesse der USA ist, leuchtet zwar ein, sollte Europa allerdings nicht davon abhalten, seinerseits die Wunden der größten Volkswirtschaft der Welt öffentlich zu benennen. Nicht um von den eigenen Problemen abzulenken, sondern um die eigenen Probleme richtig einzuordnen und nicht den Fehler zu begehen, auf die Einflüsterer Washingtons zu hören, wenn es um die Lösung der zweifelsfrei ebenfalls großen Probleme Europas geht.

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