Sonntag , 15 September 2019
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Geduldete Gewalt, nachgeahmt von Kindern

gewalt_kindObwohl die Begebenheit nunmehr bereits einige Jahrzehnte zurückliegt, kann ich mich noch sehr gut an die Situation erinnern: Zusammen mit zwei Freunden saß ich in unserer damaligen Stammkneipe, einer Studenten-Pinte in der Nähe der Hamburger Uni, und ärgerte mich über die Argumente meiner Gesprächspartner. „Beeinflussen die brutalen Gewaltszenen im Fernsehen unsere heranwachsenden Kinder?“, lautete das Thema, über das wir hitzig diskutierten. Unsere Meinungen wichen stark voneinander ab, oder besser gesagt, meine Meinung, von der Überzeugung, die meine Gegenüber einhellig vertraten.

Nicht etwa, dass ich damals keine Ansichten vertrug, die von den Meinigen abwichen, das trifft es nicht, konträres Denken und Handeln wurde inmitten der 70er Jahre in der BRD ausgiebig geübt, nein, mich ärgerte es, mit welchen weltfremden Begründungen man einen bestehenden Verlauf ignorierte, dessen Endergebnis sich bereits in jener Zeit durchaus erahnen ließ, die steigende Tendenz nämlich, sich an Gewalt im Alltag so langsam aber sicher zu gewöhnen. Und ja, aufgrund der Tatsache, dass meine Gesprächspartner studierte Soziologen waren – einer von ihnen war sogar als Prüfer für die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) tätig – hatte ich mehr Weitblick erwartet. „Das Ansehen von Filmen, die Brutalität zeigen, die Gewalt offenbaren, das verführt die Heranwachsenden keinesfalls zur Nachahmung“, so meine Kontrahenten, „sondern deckt vielmehr, und zwar rechtzeitig, den natürlichen Bedarf an aggressiven Erfahrungen.“

Gut, fairerweise möchte es nicht unerwähnt lassen, dass ich die Angelegenheit wesentlich emotionaler anging, als meine beiden Freunde es taten. Letzteres lag, wie ich heute rückblickend vermute, wohl nicht zuletzt daran, dass ich, im Gegensatz zu Ihnen, bereits Vater war, und mir meine Verantwortung für meine heranwachsende Tochter auch bezüglich dieser Thematik gewisse Fragen diktierte. Ich habe es noch genau vor Augen, wie sich jene auf den nach hinten gekippten Stühlen locker zurücklehnten, und mich – die Arme hinter dem Kopfe verschränkt, nicht ohne den gewissen Ton der Überlegenheit – wissen ließen, was hierzu die jüngsten Erkenntnisse der Wissenschaft anführten. „Wir sollten hier keine falsche Furcht walten lassen, dürfen keinesfalls das in den besagten Filmen gezeigte Gewaltpotenzial überbewerten“, so Herbert, der Mitarbeiter der FSK, mit dem Brustton der uneingeschränkten Überzeugung.

Mir hingegen erschien es weitaus logischer, auch an dieser Stelle auf den Lehr- und Lerneffekt hinzuweisen. „Die TV-Sender stellen immer mehr Kinofilme und Fernseh-Serien ins Programm, die vor Brutalität nur so strotzen, und das nicht allein zur späten Stunde. Auffällig ist, dass jene Grenzenlosigkeiten so verpackt werden, als wären sie das Selbstverständlichste auf der Welt. So meine Meinung. „Hier wird es nicht zuletzt der Jugend schmackhaft gemacht, Probleme mittels der Kraft des Kampfes zu lösen, und unsere Kinder sind nun mal Nachahmer.“ Nein, wir einigten uns damals nicht. Das, was mir Grund zur Besorgnis gab, wurde als eine Selbstverständlichkeit bewertet, meine Rückschlüsse als naives Überreagieren angesehen, und sogleich mit meiner diesbezüglich fehlenden Sachkompetenz erklärt und somit auch entschuldigt. „Da tritt bald eine Sättigung ein“, erklärte mir Frank, „dann ist die gespielte Gewalt nicht mehr interessant.“

Nun, wie gesagt, das besagte Gespräch, zwischen Herbert, Frank und mir, gehört lange der Vergangenheit an. Vieles hat sich seither verändert. Und ja, Herbert hat sein Engagement bei der FSK etwa 2 Jahre nach dem Gespräch aufgegeben, und kurz darauf eine Professur in Berlin übernommen. Wir haben uns dann aus den Augen verloren. Frank bezieht seit Jahren eine Rente. Er hat seinen gewählten Beruf niemals ausgeübt, nicht wirklich. Eine Gegebenheit, die er mit so einigen Soziologen der 70er Jahre teilt. Wir sehen uns regelmäßig. Die Pinte (Dieze Köpi an der Ecke Rappstraße/Heinrich-Barth-Straße) gibt es immer noch. Sie ist inzwischen legendär, oder Kult, wie man sagt. Hin und wieder trinke ich dort ein Bier. Was das Ambiente betrifft, so hat sich hier kaum was verändert: König Pilsener vom Fass, kalte Frikadellen mit Senf und Brot, Bob Dylan Musik (o.ä.) im Hintergrund, gelassene wie hitzige Studenten-Debatten ab 22:00 Uhr.

Der Tisch, an dem wir saßen, der behauptet sich ebenfalls noch an selbiger Stelle. Was die Diskussion über den Einfluss von Gewaltdarstellungen in den Massenmedien betrifft, so kann man sagen, dass sie uns gleichermaßen treu geblieben sind. Das Thema „Beeinflussen die Gewaltszenen im Fernsehen unsere heranwachsenden Kinder“ wird spätestens dann wieder in der Öffentlichkeit diskutiert, wenn Jugendliche an einem Gewaltdelikt beteiligt waren, das sich ziemlich offensichtlich nach einer Film-Vorlage aus dem Fernsehen ereignete. Hier sieht man derartige Sendungen dann als Gefahr an, möchte das TV-Medium besser zensiert wissen, und dort vertritt man weiterhin die Meinung, die damals meine Diskutanten vertraten. Einverstanden, eine jede Angelegenheit kann von verschiedenen Blickwinkeln aus betrachtet werden, daran soll sich nichts ändern. Dessen ungeachtet habe ich meine Meinung hierzu allerdings auch nicht geändert.

Ich bleibe dabei, verweise auf den Lehr- und Lerneffekt, zeige auf die Tatsache, dass auch in diesem Punkte eine jede Ursache mit einer Wirkung verbunden ist. Das verstärkte Konsumieren von Fernsehsendungen die Gewalt anbieten, lässt, auch wenn jene Brutalitäten nur gespielt werden, Aggressionen als durchaus normal erscheinen, und fördert zeitgleich dazu die Gewaltbereitschaft. Auf lange Zeit gesehen verhält es sich so. Was für die rein kommerziell orientierten Privat-Sender ein einträgliches Geschäft ist, erweist sich für unsere Kinder als Teufelskreis. Kinder, Jugendliche, Heranwachsende, sind Nachahmer. Das ist seit jeher eine feste und somit kalkulierbare Größe. Daran wird sich auch in Zukunft real nichts ändern. Wo bleiben sie denn, all die Morde, versuchten Morde und anderweitigen Gewalttaten, wenn sie hinaus aus dem Monitor und in die Gehirne der Zuschauer gewandert sind – ist dann letztlich alles wieder neutral?

Die von meinem Freund Frank prognostizierte Sättigung, sie trat nicht ein. Das Beobachten von Gewalttaten, es hat nichts von seiner Anziehungskraft eingebüßt. Das Gegenteil ist der Fall. Heute wissen wir, dass es tatsächlich mehrere Tausend (!) Gewaltexzesse sein können, mit dem ein Kind noch vor dem Abschluss der Grundschule konfrontiert wird. Gräueltaten, laut, bunt und großflächig, weitergereicht an die Menschen, die sich orientieren wollen, ja die die Zukunft unseres Planeten gestalten sollen.

© Peter Oebel

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