Mittwoch , 30 September 2020
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Tech-Nomaden – Mit der Rezession im Blick zum „Simple Life“

laptop_smartphone„Freeter“ ist der japanische Ausdruck für Menschen zwischen 15 und 34 Jahren, denen es an Arbeit mangelt oder die überhaupt arbeitslos sind. Man kann sie auch nach Peter Plöger „Jobnomaden“ nennen. Es handelt sich dabei um eine Generation, die zumeist in prekären Arbeits- und Lebenssituationen steckt, ohne großer Perspektiven diesen auf herkömmlichem Weg zu entfliehen. Das Wort „Freeter“ ist eine japanische Entlehnung aus dem deutschen „Arbeiter“ und englischen „Freelancer“ und man meint damit Beschäftigte im Niedriglohnsektor mit maximal 1.300 US Dollar monatlichem Verdienst. Was nicht bedeutet, dass Freeter minder qualifiziert sind. Im Gegenteil. Diese sind digital vernetzte Weltbürger und erschaffen einen selbstbestimmten Lebensstil als Technomade.

In den USA antworten die Jungen, die „Digital Natives“ mit dem „Cult of Less“ auf den Mangel an Geld. Einfachheit ist angesagt und man erkennt darin die Chance, einen völlig neuen, aber weltoffenen Lebensstil zu pflegen. Die Vorreiter zeigen, wie es geht. Mit dem Verkauf von analogem Besitz macht man sich unabhängig. Die wichtigen Dinge im Leben existieren digital am Laptop, I-Pod und man ist mit Blackberry, Handy oder Kamera unterwegs. Teilt sich eine Wohnung mit anderen „Technomaden“, denn kleinräumig zu wohnen ist auch ökologisch sinnvoll. Als Selbständiger arbeitet man mit Co-Workern in einem Wohn-Büro-Kaffeehaus in Berlin, bevor man kurzfristig wieder nach New York umzieht. Kelly Sutton macht das beispielsweise vor und hat auch den Begriff „Cult of Less“ geprägt. Oder man verzichtet aufs Auto, fährt Rad und benützt die öffentlichen Verkehrsmittel. Das ist ein Lebensstil, der dem städtischen Raum entspringt. Und es verwundert nicht, dass genau dort Lösungen für im Grunde prekäre Einkommenssituationen entstehen. Die Minimalisten des 21. Jahrhunderts sind Weltbürger, digital vernetzt und haben Vorbilder wie Timothy Ferriss (The 4-Hour Workweek) oder den guten alten Henry David Thoreau, der sich zwei Jahre einfaches Leben am Walden Pond bei Concord genehmigte und das „Simple Life“ predigte.

Tammy Strobel gibt auf ihrem Blog RowdyKittens Tipps, dieses Simple Life in den eigenen Alltag zu bringen. Eine kleine Wohnung statt großem Haus mit hohen Kreditrückzahlungen spart Geld, der eigene Garten mit eigenem Gemüse (in Städten eignen sich vertikale Gärten und Fenstergärten als Alternative) oder auch nur Dinge zu kaufen, die man wirklich benötigt, sind ihre Rezepte für den einfachen Lebensstil. Der Clou daran: Das wenige Geld, das man verdient, soll der Lebensqualität nützen und weniger dem Konsumzwang und der Rückzahlung von Krediten. Das Konto, so Tammy, ist seitdem nicht mehr überzogen. Man hat mehr Zeit für sich, den Partner, die Familie und für Dinge, die man wirklich gerne im Leben tut.

Diese neue Einfachheit wird von den Vorreitern als Option eines völlig neuen, weltoffenen Lebensstils gesehen. Ein Leben aus dem Rucksack, auf der Couch von Freunden schlafend, sich in möbliertem Apartment einmietend und glücklich mit wenigen, dafür aber hochqualitativen Sachen. Minimalistisch zu leben bedeutet schließlich nicht, auf Markenware oder Top-Equipment zu verzichten. Das Geld will nur effektiver eingeteilt sein und man möchte wohl auch den eigenen ökologischen Fußabdruck reduzieren und kann sich aufgrund begrenzter Mittel dem Kaufrausch nicht mehr hingeben.

Angesichts der Lage, dass 15- bis 30-Jährige nach wie vor von der Entspannung am Arbeitsmarkt wenig bemerken (zu viel Leiharbeit und befristete Arbeitsverträge) darf es nicht wundern, wenn aus dieser Zwangslage heraus, zu wenig Geld für einen herkömmlichen Lebensstil verdienen zu können, ein neuer Lifestyle entsteht. Wer sich in Deutschland darauf einstellen möchte, wird wohl zu den Vorbildern in den USA blicken müssen. Dann heißt es aber auch das Leben selbst in die Hand nehmen und raus aus der Versorgermentalität – und gar auch raus aus Deutschland. Denn hier ist die „Generation Praktikum“ noch politisch gefangen und man empfiehlt mit Bildung der Situation zu entfliehen. Obwohl ein Peter Plöger (siehe dazu auch die Buchbesprechung hier auf The Intelligence) eindringlich belegt, dass zunehmend Hochqualifizierte vom Jobnomadentum betroffen sind. Frithjof Bergmann sagt dazu: „Finde heraus, was du wirklich, wirklich willst und reduziere den Lebensstandard auf die zehn absolut notwendigsten Rechnungen im Monat, damit du mit dem Weniger an Geld auskommst.“ Der Luxus des Wenighabens ist nämlich Mobilität und ein selbstbestimmtes Leben. Und wer diesen pflegt, verwandelt die Gesellschaft nachhaltig. Wie heißt es so schön? Erst eine Generation muss im neuen Gedankengut aufwachsen, damit Wandel wirklich passieren kann. Die Generation ist schon da, der Wandel zum Technomadentum passiert jetzt.

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