Sonntag , 29 Januar 2023
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Minus 196 Grad Celsius – eingefroren für ein besseres Leben

eingefrorenDie Sehnsucht nach dem ewigen Leben mag viele Gründe haben: Zur Wahrung der eigenen Einzigartigkeit, Neugier auf den weiteren Fortschritt der Menschheit im Allgemeinen und der Urenkel im Besonderen, oder schlicht die verzweifelte Hoffnung auf Heilung einer derzeit noch lebensbedrohlichen Erkrankung. Gentechnik und Stammzellenforschung werden vermutlich erst in einigen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten so weit sein, die Unsterblichkeit des Homo sapiens zu garantieren. So müssen wir unser Ende mit dem Tod akzeptieren und uns mit dem Glauben an die Unsterblichkeit unserer Seele trösten. Den Anhängern der Kryonik ist dies zu wenig: Sie werden einst, im Tode konserviert, den Zeiten des ewigen Lebens entgegen schlafen – sie sprechen nicht von Tod – kopfüber hängend in einem Stickstofftank. Ist die Wissenschaft gereift, werden sie wie Phönix aus der Asche zu neuem Leben aufgetaut.

Dies erfordert eine straffe Organisation durch noch lebende Gleichgesinnte, die sich in der DGAB, „Deutsche Gesellschaft für Angewandte Biostase e.V.“, zusammengeschlossen haben. Um den Zellverfall, der mit Eintritt des Todes beginnt, weitest möglich aufzuhalten, sollte der Leichnam direkt nach Ausstellung des Totenscheines in Eis gelegt und professionell „perfusiert“ werden:  Zur Unterbindung der beim weiteren Gefriervorgang zellschädigenden Eiskristallbindung wird das gesamte Blut durch ein Frostschutzmittel ersetzt. Da die Langzeitlagerung von konservierten Leichen in Deutschland nicht zulässig ist – hier ist Beerdigung oder Verbrennung Pflicht – folgt jetzt die Überführung in die USA, nach England, Holland oder Russland, eingebettet in einem mit Stickstoff gefülltem Stahltank, bei minus 196°. Dort frieren sie dann, in Mehrpersonenstickstofftanks eines der bereits existierenden Kryonikinstitute, besseren Zeiten entgegen – kopfüber, um bei einem etwaigen Kälteverlust das Hirn noch möglichst lange geschützt zu haben. 100 Pioniere folgten  bereits James Hiram Bedford nach, der sich als erster Mensch am 12. Januar 1967 im „Cryonics Institute“  Detroit, USA, tiefgefrieren ließ; und die Zahl der Interessenten steigt stetig, so Ben Best, einer der General Directors des Cryonics Institute.

Kritik aus dem wissenschaftlichen  Lager hinsichtlich der Durchführbarkeit dieser Methode lässt die Kryoniker buchstäblich kalt. Dies wurde zuletzt auf dem ersten Symposium der DGAB Anfang Oktober in Goslar deutlich: „An Organverpflanzungen har früher auch kein Mensch geglaubt – heute kann man damit in Serie Leben retten – warum soll es dann nicht möglich sein, nicht nur einzelne Zellen, wie z.B. Embryonen, einzufrieren, sondern den Menschen im Ganzen?“ So eine Teilnehmerin. Auch der Einwand, das verwendete Frostschutzmittel sei doch eher Gift für die Zellen, wird mit einem Achselzucken abgetan: „ In der Zeit, in der wir wieder erwachen, können mögliche Schäden repariert werden“.

Den Kälteschlaf lässt sich der Kryoniker einiges kosten: Für ein fachgerechtes Einfrieren und die garantierte zukünftige Behandlung muss man mindestens 100.000 € veranschlagen. Wem diese Art der Konservierung am Stück zu teuer erscheint  – um Vorauskasse wird gebeten – kann sie auch beschnitten in Anspruch nehmen: Die Aufbewahrung des Gehirns gibt’s um die Hälfte. „Ist die Zeit gekommen, kann man sich aus Stammzellen einen neuen Körper bauen lassen.“ In jedem Falle wird die Serviceleistung vertraglich geregelt und notariell hinterlegt. Auch die geistige Zurechnungsfähigkeit des Patienten wird festgestellt und beurkundet. Die Institute verpflichten sich im Gegenzug, Statusberichte über den Behandlungsverlauf im Internet zu veröffentlichen.

Gesetzt den Fall, der Kryoniker hat auf seiner kalten Zeitreise alle möglichen Klippen wie z.B. Stromausfälle, Insolvenz oder Zerstörung des Beherbergungsinstituts und unlauteren Organhandel umschifft und kann theoretisch ohne Schäden wieder aufgetaut werden – was erwartet ihn dann wohl? Die Frage kann nur beantworten, wer sich mit auf diese Reise begibt. Schlimmstenfalls folgt die große Ernüchterung – wie einst in dem Klassiker „Der Planet der Affen“.

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