Samstag , 8 August 2020
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Die zwei Gesichter (m)einer Stadt

obdachlos_in_hhHamburg. Meine Stadt. Sie hat viele Gesichter. Das Leben und Treiben in der City. Die Mönckebergstraße. Die Spitalerstraße. Gern schlendere ich durch jene Haupteinkaufsstraßen. Immer schon. Auch ohne ein gestecktes Ziel. Zeit. Zeit für ein Hinsehen. Ein schönes Geschenk, das ich mir selber überreiche. Auch ein nützliches. Durchaus. Wenn ich an all die Impressionen denke, die ich ohne diesen Abstand, ohne diesen Kurzurlaub vom eher hektischen Treiben des Alltags, nie erfahren hätte. Nicht nur erbauende, den Lebensmut nährende Eindrücke waren es, die mir mein Näherhinsehen bescherte. Natürlich nicht. Das war auch nicht zu erwarten. Aber, wenn ich es mir so recht überlege, dann waren es eher die Blicke auf die Kehrseite meiner Stadt, die mir Augen und Herz in ungeahnter Weise öffneten.

Woran denke ich, wovon spreche ich schreibend? Mir kommen jene Menschen in den Sinn, die eigentlich übersehen werden, die Seelen, die in der Regel fernab von uns stehen, und das, obwohl sie doch auch unsere Nächsten sind. An jene Männer und Frauen denke ich, denen ganz offensichtlich die Einfügung in das System unserer Gesellschaftsordnung nicht gelingen mag, denen zumindest das letzte Quäntchen zum geforderten Maß an normgerechter Anpassungsfähigkeit fehlt, das sprichwörtliche i-Tüpfelchen eben, zum erforderlichen Vertrauen in das aktuell favorisierte Gemeinschaftsabkommen unserer aktuellen Rang- und Klassenordnung. Inwieweit dabei der Anteil an jeweiliger Eigenverschuldung eine Rolle spielt, das sei dahingestellt, ist innerhalb meiner jetzigen Gedanken nicht von relevanter Bedeutung.

Penner werden sie genannt, Herumtreiber und, wer es etwas freundlicher sagen möchte: Obdachlose. Diese Mitbürger sind es, die die eingangs erwähnte Kehrseite meiner Stadt zeichnen. Ja diese Nächsten sind es, die den Gegensatz zum allgemeinen Ablauf des Stadtbildes prägen, die den Kontrast bilden, zu den am Orte promenierenden Passanten. Die auffallende Differenz zwischen Denen und Denen offenbart sich nicht zuletzt durch ihr Erscheinungsbild. Sie hetzen nicht durch die Straßen, obwohl sie doch Gehetzte sind, transportieren keine kostbaren Geschenke, obwohl sie reichlich Tüten und Taschen mit sich führen. Ob sie nun in der Hocke, und mit dem Rücken an den gepflegten Fassaden der klassischen Häuser lehnen, oder, in selbiger Kauerstellung, in deren geschützten Eingangsbereichen sitzen, eines haben sie gemeinsam: Sie bitten um Hilfe.

Man sieht sie auch, meist in gebeugter Haltung und langsamen Schrittes, auf den Wegplatten der Fußgängerzonen auf und ab schlurfen, oder, in gleicher Weise einhergehend, auf den belebten Pfaden und Plätzen des Zentrums, einem scheinbar imaginären Ziele – einem nicht wirklichen Bestimmungsort – folgen. Ein kurzer Text, flüchtig auf ein Schild aus Karton gemalt, lässt keinen Zweifel aufkommen: hier wird um Hilfe gefleht. „Bin arbeitslos und habe Hunger.“ „Habe keine Arbeit und keine Wohnung.“ „Habe weder Bleibe noch Papiere.“ So, oder so ähnlich, lauteten die knappen Bemerkungen auf den Pappfetzen, mittels derer sich diese Menschen, diese unsere Nächsten, ausweisen. Pappkarton-Schild-Appelle, die sie, in der Hoffnung auf eine Spende, uns zur Beachtung in ihren zitternden Händen halten.

Immer wieder und in regelmäßigen Abständen erscheinen sie auf der Bildfläche. Scheinen aus dem Nichts aufzutauchen. Die Vagabunden und Tippelbrüder des Landes. Die Clochards der Straßen und Gehwege. Die Obdachlosen und Bettler der Stadt. Meiner Stadt. Hier, in einem mit Marmor verzierten Eingang eines noblen Geschäftshauses, ein auf einer schäbigen Decke kauernder Mann. Ein vor Wind und Wetter Schutz suchender Mensch mit hängenden Schultern, der, von diversen Plastiktüten umgeben und in einem um den hageren Körper geschlungenen, abgerissenen und vor Schmutz und Fett stinkenden Armeeparka gehüllt, direkt unter einem auf Hochglanz polierten Messingschild mit edel eingravierter Firmensignatur, mehr lagert denn sitzt. Dort eine Frau, der man die Situation, in der sie sich befindet, ebenfalls auf Anhieb ansieht.

Armut. Not. Elend. Bedrängnis, die stumm zum Himmel schreit.Verhärmt blickende Erscheinungen, an deren gebeugte Rücken übergroße Rucksäcke hängen. Ihre gesamte Habe, mit der sie sich langsam und schweren Schrittes über die Gehwegplatten schleppen. Von Hunger und Armut ausgemergelte Menschen. Menschen, denen ihr Leben zu einer Physiognomie verhalf, die sie an die Hexen des Mittelalters erinnern lässt. Menschen, auf denen die ganze Wucht der zynisch ironischen Seite des Daseins hernieder ging. Menschen, die in übereinander hängenden Lumpen stecken. Menschen, die voller Resignation nur noch unmittelbar vor sich auf den Boden stieren mögen. Menschen. Meine Nächsten. In meiner Stadt. Die Zahl derer, die mir so begegnen, scheint ständig zu wachsen.

Diese Begegnungen halten mir einen Spiegel vors Gesicht. Wenn es sich doch so verhält, dass jene Erscheinungen der Preis für eine immer furioser werdende Konsum- und Leistungsgesellschaft sind, ja dann drängt sich doch die Frage auf, ob sich hieraus nicht eine gewisse Verantwortung ableiten lässt, eine Zuständigkeit, der wir alle gemeinsam gerecht werden müssen. Zumindest vernehme ich deutlich die Aufforderung, dass ich an dieser Stelle keinesfalls die Augen verschließen darf, vor jenem anderen Gesicht meiner Stadt…

© Peter Oebel

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