Freitag , 10 Juli 2020
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Ägypten abseits der Revolution – Die Magie von El Gouna

el gouna ocean viewWährend die einen Anfang Januar vor Gericht zogen, um ihre Buchungen nach Hurghada auch mit gerichtlichen Mitteln erfolgreich zu stornieren, besorgte ich mir ein One-Way-Ticket nach Ägypten. Dass mich selbiges in die Revolution 2.0 führen würde, war mir zu diesem Zeitpunkt zwar nicht bewusst, hätte an meiner Absicht aber auch nichts geändert.

Ägypten, das ist meine große Liebe, und wie hinlänglich bekannt ist, sind die größten Lieben nicht immer die einfachsten. Sie verlangen uns Opfer ab, zwingen uns Kompromisse auf und stellen alles auf den Kopf. Dann aber, wenn die Welt sich erst mal verkehrt hat und wir unsere Komfortzonen verlassen haben, dann können wir auf die Plätze schauen, wo die Wunder passieren. Die Wunder der Liebe und des Lebens.

Wer sich das traut und sich dem Abenteuer einer – aus mitteleuropäischer Sicht – verrückten Welt aussetzt, der kann mit vielen Wundern rechnen. Es ist nicht zwingend nötig, kann aber durchaus hilfreich sein, wenn man sich gleich bei der Einreise von ein paar typischen Gepflogenheiten wie exaktem Zeitempfinden oder pingeliger Genauigkeit trennt.

Ägypten liegt in Afrika. Daran ändern auch noch so europäische Standards am Küstenstreifen des Roten Meeres nichts. Die Energien, die hier zweifelsohne mit einer immensen Kraft wirken, lassen sich davon nicht beeinflussen, wer das Land für sich als beliebtes Touristenziel auserkoren hat. Das muss aber nicht stören. Ganz im Gegenteil. Es kann sogar sehr belebend sein, sich mal anderen energetischen Einflüssen auszusetzen. Vor allem dann, wenn der Faktor Zeit, der ohnehin eine Illusion ist, was in westlichen Gefilden aber gerne übersehen wird, so gar keine Rolle spielt.

Es mag in ihren Genen liegen, zumal die ja viel älter sind als die unseren, aber die Afrikaner haben eine sehr gesunde Beziehung zur Zeit. Sie ignorieren sie. Dass uns das „krank“ macht, das liegt weder an der Zeit noch an den Afrikanern, sondern einfach nur an uns und unserem System, auf das ich an dieser Stelle nicht näher eingehen möchte.

Hier geschehen die Dinge einfach gerne „bukra, inchallah“, was so viel heißt wie „morgen, wenn Gott will“, was aber nicht unbedingt morgen bedeuten muss – unabhängig davon, ob Gott will. Hat man sich an dieses Zeitgefühl erst mal gewöhnt – und das geht schneller als man vermuten möchte –, wird man eine Tiefenentspannung erleben, wie sie in den besten Wellness-Tempeln nicht erzeugt werden kann. Keine Eile, keine Hektik und vor allem: kein Stress. Dieses Wort hört man in mitteleuropäischen Breiten im Schnitt rund fünf Mal am Tag. Hier – mit ein bisschen Glück – gar nicht.

Nicht in El Gouna, nicht auf der biologisch-dynamischen Farm Sekem und schon gar nicht in der Weißen Wüste. Über die Pyramiden, Luxor, Flusskreuzfahrten oder Hurghada wissen Sie ohnehin schon genug. Darum möchte ich Ihnen meine Lieblingsdestinationen in diesem zauberhaften Land in drei Teilen näher bringen und ich beginne gleich mal mit El Gouna, das auch gerne als das Venedig am Roten Meer bezeichnet wird und diesen Namen trägt es ob der vielen Lagunen völlig zu Recht.

el gouna entsorgungNicht viel älter als 20 Jahre und künstlich erschaffen, hat sie so gar nichts mit den antiken und historischen Stätten des Landes am Nil zu tun. Alles Ägyptische beschränkt sich hier auf die Sonne, die Wüste, das Rote Meer und ägyptische Souvenirs. Ansonsten ist das idyllische Städtchen durchaus europäisch geprägt und könnte in Sachen Mülltrennung, Nachhaltigkeit und Sauberkeit für sehr viele Orte in Europa als Vorbild dienen.

Es ist die Kombination aus der tausende Jahre alten Kraft der Elemente, die sich hier mit dem Flair der Moderne paart und die eine Magie erzeugt, der man sich schwerlich entziehen kann. Ganz besonders im Moods, dem absoluten Hot Spot der Stadt. Das Moods ist sozusagen der Ausläufer der Abu Tig Marina, in der wiederum die vielen schönen Yachten und Boote liegen. Moods ist mehr als Beach-Bar-Restaurant mit wunderschönem Strand. Moods ist Magie.

Wie mag die Liebe dir kommen sein
Kam sie wie ein Sonnen
Ein Blütenschneien
Kam sie wie ein Beten
Erzähle, erzähle!

Ich liege in meinem XL-Strandkorb, höre Rainer Maria Rilkes vertonte Gedichte und all die Schönheit ringsum möchte sich in Tränen ergießen. Ich könnte versinken in diesem Moment und denke: Hier kommt mir die Liebe mit dem Glitzern auf der Meeresoberfläche, die unter dem Silberschleier so viele Blautöne zeigt, dass man meinen könnte, Gott selbst hat seine Farbtöpfe darüber ergossen.

el gouna kitesurfer

Etwas entfernt überziehen Kitesurfer mit ihren Schirmen den Himmel und vermitteln den Eindruck, dass er voll mit bunten Vögeln wäre. Die Palmenblätter führen ganz eindeutig eine angeregte Unterhaltung mit dem Wind und wiegen sich im Rhythmus zu Rilkes Projekt. Ich grabe meine Zehen in den Sand und erfreue mich an der Kraft dieser wunderbaren Elemente. Mit dieser Energie hätte auch Rilke seine Freude gehabt.

Ein Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
Und hing mit gefalteten Schwingen groß
An meiner erblühenden Seele…

el gouna fischEs löste sich in leuchtendem Rot und spiegelte sich im gleichnamigen Meer wider. Nicht selten zeichnen die rosa-roten Cirrus-Wolken zum Sonnenuntergang Engel oder Feuerzungen in den Himmel von El Gouna. Besonders schön zu beobachten sind diese himmlischen Szenarien vom Meer aus. Wenn man zum Beispiel mit der „Ocean Diva“, einem riesigen und eleganten Katamaran, raus aufs Meer und dann wieder zurück in den Sonnenuntergang fährt, oder wenn man mit dem Boot von einem Fishing-Trip zurück kommt. Letztere sind sehr zu empfehlen, nicht nur wegen der köstlichen Fische, die fangfrisch an Bord zubereitet werden. Das Fischen selbst (für jene die mögen, nur mit Schnur und Haken, ohne Angel) hat meditativen Charakter und man fühlt sich dabei eins mit dem Meer. Alles ist eins. Alles ist eins.

Und um noch ein bisschen mehr bei Rilke zu bleiben, der da schrieb: Wunderliches Wort, sich die Zeit vertreiben. Sie zu halten wäre das Problem … Und dennoch ist der „Zeitvertreib“ besonders im Urlaub so gefragt und natürlich gibt’s für jene, die das wollen, dafür auch in El Gouna viele Möglichkeiten.

Das Rote Meer bietet ja nicht nur Entspannung, sondern auch jede Menge Action. Aufgrund des nahezu permanenten Windes, wofür man vor allem im Sommer sehr dankbar ist, ist El Gouna für Kitesurfer ein wahres Paradies. Die „bunten Vögel“ treffen sich am Buzzha oder am Mangroovy Beach, um die Kräfte des Elements Wind für ihre liebste Freizeitbeschäftigung zu nützen. Andere wiederum gehen mit dem Boot raus, um die atemberaubende Unterwasserwelt zu erkunden. Um Delfine zu sehen, muss man sich aber nicht unbedingt in die Tiefen des Meeres begeben. Die kann man mit etwas Glück – und das hat man meistens – vom Boot aus erkunden. Um Wasserschildkröten, viele bunte Fische und Korallen zu bewundern, bleibt der Sprung ins erfrischende Nass nicht erspart.

Aber auch zu Land hat El Gouna viel zu bieten. Wenn Sie – anders als ich – nicht so gerne nur am Strand sitzen oder liegen um zu schreiben, zu lesen oder zu meditieren, dann können Sie auf einer dafür vorgesehenen Bahn Kart, auf den Straßen mit Segways oder in der Wüste mit dem Quad fahren. Sie können Golf spielen, wobei vor allem die in die Lagune gebaute Driving Range ein absoluter Hingucker ist, Sie können sich im LAX-Studio Ihrer Fitness widmen und dabei durch riesige Fenster den Blick aufs Meer genießen, Sie können Squash spielen, Tennis oder Paintball, vorausgesetzt, Sie finden dafür noch ein paar andere Schießwütige.

All das können Sie tun. Sie können hier natürlich auch ins Kino gehen, hervorragend Essen und am Abend in diversen Bars und Clubs zu Live-Musik oder heißen DJ-Beats abtanzen. An Unterhaltung wird es nicht mangeln, wenngleich hier – den Göttern sei Dank – nicht Ballermann ist. Auch jene, die im Urlaub gerne in Shopping-Exzesse verfallen, werden von El Gouna enttäuscht sein. Geldvernichtende Einkaufstouren sind hier nur schwer bis gar nicht zu absolvieren. Die Damen können sich im „Bollywood“ das eine oder andere neue Teil für den Strand oder den Abend sichern, wobei man die dafür passenden Schuhe besser schon im Koffer haben sollte. Die Herren – so sie nicht auf gefakte Markenklamotten stehen – gehen leider leer aus, aber das wird ohnehin die wenigsten stören.

el gouna yachten

Was sie aber begeistern wird, das sind die vielen tollen Yachten, die hier in der Abu Tig Marina und in der New Marina liegen. Da gibt’s durchaus auch 60-Millionen-Dollar-Babys zu bewundern.

Nach so viel Action, Erkundungstouren, Ausflügen oder exzessivem Sonnenbaden, kommt der Mensch ja dann auch gerne wieder nach Hause, wobei nach Hause in diesem Fall das Hotelzimmer, das Apartment oder die Villa ist. Je nach Geschmack und Vermögensverhältnissen. Von Drei- bis Sechs-Sterne-Häusern findet sich jede adäquate Unterkunft. Betuchtere Gäste werden sich vermutlich fürs La Maison Bleue entscheiden. Sechs Sterne, orientalisch-barockes Flair, sehr luxuriös, nahezu bombastisch.

Man kann hier aber auch preisgünstiger wohnen. Die Auswahl von guten, besseren und sehr guten Hotels ist groß. Noch größer aber ist jene bei privaten Unterkünften. Ich persönlich wohne ja lieber privat, und zwar nicht nur deshalb, weil ich schon drei Monate hier wohne. Viele Europäer und reiche Ägypter haben hier Apartments und Villen, die sie Kurz- oder Langzeit vermieten. Die Preise dafür sind sehr erträglich und durchaus leistbar. So kostet zum Beispiel ein Apartment in der Marina mit zwei Schlafzimmern pro Woche 435 Euro. Für zwei Pärchen oder eine Familie also extrem günstig. Singles mieten eine kleinere Wohnung mit einem Schlafzimmer pro Woche bereits um 275 Euro. Luxuriöse Villen mit 370 Quadratmeter und vier Schlafzimmern gibt’s um 1200 Euro. Den Möglichkeiten des Wohnens sind ebenso wenig Grenzen gesetzt wie dem des Seins!

Zu Letzterem hatte natürlich Rilke auch etwas zu sagen: Tage, wenn sie scheinbar uns entgleiten, gleiten leise doch in uns hinein. Aber wir verwandeln alle Zeiten, denn wir sehnen uns zu sein.

el gouna nachtDas Sein wird in El Gouna nicht nur von der guten Energie geprägt. Wenn man lange genug zum Horizont des Meeres schaut, dann verschiebt sich der eigene und man sieht (erkennt) Dinge, die man so noch nicht gesehen hat. Das sind magische Momente. Dafür eignet sich natürlich jeder Strand, aber vor allem jener des Moods, wo man seinen Gedanken in aller Stille nachhängen oder wo man sich mit Smooth-Jazz-Untermalung inspirieren lassen kann. Das ist am Tag in der Sonne ebenso schön wie am Abend, wenn der Vollmond sein Bild in den Spiegel des Roten Meers wirft. Das Sein führt uns oft zu unseren wilden Herzen, die wir so gerne vom kühlen Verstand beherrschen lassen.

In El Gouna haben sie die Möglichkeit auszubrechen. Endlich wild zu sein und frei – wie der Wind, der mich gerade jetzt mit der Kraft einer Tausende Jahre alten Kultur umweht und mich in einen Cocon aus Magie hüllt. Dieses Gefühl sollten Sie sich auf keinen Fall entgehen lassen. Moslembrüder hin, Salafisten her – sie sitzen in Kairo im Parlament und stellen eindrucksvoll unter Beweis, dass sie scheitern werden. Auch sie können den Hauch der Freiheit nicht aufhalten. Vielleicht rückt Ägypten mit jedem Tag ihrer Regentschaft der Revolution 3.0 und der endgültigen Freiheit näher, aber bis dahin muss man sich hier als Tourist nicht fürchten. Ganz besonders nicht in El Gouna, dessen Einfahrten von Securitys gesichert sind und das man getrost als das Fort Knox von Ägypten bezeichnen kann.

Dass „The great Om El Donya“ (so liebevoll nennen die Ägypter ihr Land) aber sehr viel mehr Gesichter hat, als dieses künstlich erschaffene und doch so wunderschöne von El Gouna, das erzähle ich im zweiten Teil der Geschichte, in dem mich meine Reise nach Sekem führen wird. Die biologisch-dynamische Farm, die sich in den letzten vier Jahrzehnten zu einem wirtschaftlichen Imperium mit weltweitem Vorzeigecharakter entwickelt hat, ist nicht nur für Landwirtschaftsfans, Nachhaltigkeitsbewusste Menschen, Alternativreisende und Eurythmie-Anhänger eine Reise wert.

Jetzt lehne ich mich am Moods Beach wieder in meinen XL-Strandkorb zurück und genieße die Liebe, die mir kam „wie ein Sonnen“ und „Bis in alle Sterne“.

el gouna strandkoerbe

Noch ein Tipp: Wenn Sie am Flughafen in Hurghada ankommen, lösen Sie sich Ihr Visum an einem der dortigen Bankschalter. Da kostet es nämlich nur 12 Euro. Bei den Ständen der Reiseveranstalter zahlen Sie dafür 25 Euro! Was auch immer ihnen die Jungs der Veranstalter erzählen, vergessen Sie es!

Weitere Infos finden sie auf http://www.elgouna.com

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