Samstag , 18 Januar 2020
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Kriegsverbrechen ohne Anklage

b-17Der im Jahr 2009 verstorbene ehemalige US-Verteidigungsminister und Weltkriegs-Veteran Robert McNamara erklärte im Jahr 2003: „LeMay sagte, falls wir den Krieg verloren hätten, wären wir alle wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gestanden – und ich denke, er hat recht!“ Diese Aussage bezog sich auf die brutalen Bombenangriffe gegen insgesamt 67 Städte in Japan, bei denen zwischen 50 und 90 Prozent der Bewohner ums Leben kamen. Noch vor dem Abwurf der beiden Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki. Obwohl McNamara derart massive Attacken als Teil des Krieges betrachtete, bezeichnete er sie doch, auf Umwegen, als in keinem Verhältnis stehend.

„The Fog of War“ ist ein Dokumentarfilm aus dem Jahr 2003, der sich mit der Geschichte von Robert McNamara auseinander setzt. Darin erzählt er von seiner Karriere beim Autohersteller Ford, von seiner Zeit als Verteidigungsminister unter Kennedy – von dessen Ermordung er sich besonders betroffen zeigt – vom Vietnam-Krieg und von seinem Entsetzen darüber, dass sich Entscheidungsträger auch im 3. Jahrtausend noch nicht bereit erklärten, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Ein Abschnitt dieses absolut sehenswerten Films berichtet von McNamaras eigenen Erfahrungen während des Zweiten Weltkriegs. Er unterstand dem Befehl von General Curtis LeMay, der nicht nur für die massiven Luftangriffe auf die größten Städte Japans verantwortlich war, sondern auch den Befehl zum Abwurf der beiden Atombomben, am 6. August 1945 auf Hiroshima und am 9. August 1945 auf Nagasaki, erteilte.

McNamara scheute nicht davor zurück, seine Mitverantwortung offen einzugestehen. Auch rollte er die Frage der Rechtfertigung auf. Wie groß darf die Zahl der Opfer sein, wenn die Verluste in den eigenen Reihen dadurch reduziert werden? Macht es einen Unterschied, ob 100.000 Menschen ihr Leben verlieren, 50.000 oder doch nur 10.000?

„Verhältnismäßigkeit sollte eine Richtlinie des Krieges sein!“ Seiner Meinung nach, handelte es sich beim japanisch-amerikanischen Krieg um den brutalsten aller Zeiten. Die Frage, ob das Töten von 50 bis 90 Prozent der Bewohner von 67 japanischen Städten, gefolgt vom Abwurf der beiden Atombomben, in einem akzeptablen Verhältnis zu den Zielen stand, warf er auf, beantwortete sie aber nur indirekt. Im folgenden Ausschnitt des Films „The Fog of War“ (Teil 4 von 10, englisch mit deutschen Untertiteln), nach 8 Minuten und 25 Sekunden, zitiert er General LeMay: „Hätten wir den Krieg verloren, stünden wir alle wegen Kriegsverbrechen vor Gericht!“ McNamara fügte hinzu: „Und ich denke, er hatte recht. Er, und ich würde sagen, auch ich, wir haben uns als Kriegsverbrecher gebärdet. LeMay war sich bewusst, dass das was er tat, als unmoralisch eingestuft werden könnte. Für den Fall einer Niederlage. Doch was macht etwas unmoralisch, wenn du verlierst, aber nicht unmoralisch, wenn du gewinnst?“

Seit es Prozesse wegen Kriegsverbrechen gibt, standen meines Wissens ausschließlich Angehörige der unterlegenen Länder vor Gericht. In den meisten Fällen vermutlich auch völlig zu recht. Gerichtsurteile bringen die Toten nicht mehr zum Leben, stillen nicht mehr die Schmerzen derjenigen, die mit schwersten Verbrennungen noch Jahre lebten. Mehr als sechs Jahrzehnte lassen die Leiden verblassen, die Erinnerung schwinden. Doch über die zweifellose Unmoral des konzentrierten Abwurfs von Brandbomben auf dicht besiedelte Städte sollte sich jeder, ob durch die eigene Geschichte betroffen oder nicht, bewusst sein. Und die eigentliche Frage McNamaras, warum die Menschheit nach all den Schrecken des 20. Jahrhunderts noch immer nicht daran denkt, auf militärische Konflikte zu verzichten, sollte eigentlich viel öfter aufgeworfen werden.

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