Dienstag , 20 August 2019
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Die Rache des Sigmund Freud

freudNein, es geht nicht um die Analyse der Psychoanalyse und auch will ich niemandem einreden, dass er sich nach geschlechtlichem Verkehr mit der eigenen Mutter sehnt. Der Artikel behandelt zwei Männer, ohne deren Existenz die Welt vielleicht ein angenehmerer Platz zum Leben geworden wäre: Sigmund Freud und sein Neffe Edward Bernays. Freuds Ideen halfen Bernays ein Monster zu kreieren, das heute unter dem Namen „Public Relations“ bekannt ist. Und dieser trug, um seinem Onkel aus einer finanziellen Notlage zu helfen, wiederum dazu bei, dessen Arbeiten erst wirklich einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Sigmund Freud gilt als Vater der Psychoanalyse. Gewiss, er gehörte zu den Ersten, die sich mit dem Phänomen des Unterbewusstseins auseinander setzten. Doch seine Thesen, die sich an sexuellem Verlangen festklammern, waren damals wie heute in Fachkreisen umstritten. Wie formulierte es Hoimar von Ditfurth in einem seiner Bücher: „In der Psychoanalyse ist alles an den Haaren herbeigezogen – meistens an den Schamhaaren!“

Kürzlich erschien ein neues Buch des respektierten französischen Philosophen Michel Onfray, Autor von nicht weniger als 50 Werken, mit dem Titel „Le crépiscule d´une idol“ (Der Untergang eines Idols). Auf mehr als 600 Seiten sind Erkenntnisse, die auf Freuds eigenen Schriften, seiner Korrespondenz und der Kritik seiner Zeitgenossen beruhen, im Detail erläutert. Nicht nur eine Unzahl von eigenen Widerlegungen taucht dabei auf, auch stellt sich heraus, dass viele seiner Behauptung schlichtweg auf einer einzigen Beobachtung beruhen. Einzelfälle, nicht selten auf der eigenen Person basierend, wurden von Freud als allgemein gültig, als verbreitet, als auf alle Menschen projizierbar präsentiert.

Was Onfray jedoch noch mehr angreift als Freuds fundamentlose Behauptungen, ist die Lehre, die auf diesen Thesen aufgebaut wurde. Onfray vergleicht mit Religionen, von denen nicht nur keine Beweise für ihre Darstellungen erwartet werden, jegliche Kritik wird mit schweren Vorwürfen, die im Falle des Freudismus mit Ignoranz beginnen und bis zu Antisemitismus – Sigismund Schlomo Freud war, obwohl selbst Atheist, Sohn einer jüdischen Familie – ausgedehnt werden können.

Doch wie kam es, dass Freud trotzdem eine derartige Popularität erreichte? Der britische Dokumentarfilmemacher Adam Curtis fand bei seinen Recherchen für den Film „The Century of the Self“ heraus, dass Freud, um 1920 in großen finanziellen Schwierigkeiten, seinen berühmten, in Amerika lebenden, Neffen Edward Bernays um Hilfe bat. Dieser, zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich erfolgreich, einflussreich und wohlhabend, nahm sich der Übersetzung und Veröffentlichung einführender Texte in die Psychoanalyse an. Während Freud dadurch in Amerika bekannt gemacht wurde, kam Bernays die Verwandtschaft mit diesem „Experten“ wiederum durchaus gelegen.

bernaysSchon davor hatte Bernays in den Tiefen der menschlichen Psyche nach Schwächen gesucht – und zwar nach jenen, die sich finanziell ausbeuten ließen. Auf ihn ist die heute allgemein verbreitete Werbestrategie zurückzuführen, nicht ein Produkt anzupreisen, sondern eine Assoziation. Bernays bewirkte durch eine geschickt eingefädelte Szene bei der New Yorker Easter Parade, dass Frauen zur Zigarette – zur „Fackel der Freiheit – griffen. Bernays überzeugte sogar die amerikanischen Politiker, dass der Präsident von Guatemala, Jacobo Guzman, eine kommunistische Gefahr darstellte, um seinem Auftraggeber, der United Fruit Company, die dortigen ausbeuterischen Geschäfte zu retten.

Was dieser einflussreiche Werbefachmann über Menschen und das System der Demokratie dachte, lässt sich in einem kurzen Auszug aus seinem Buch „Propaganda“ in der englischen Ausgabe von Wikipedia nachlesen:

Die bewusste und intelligente Manipulation der organisierten Gewohnheiten und Meinungen der Massen sind ein wichtiges Element in der demokratischen Gesellschaft. Diejenigen, die diese unsichtbaren Mechanismen der Gesellschaft beeinflussen, formen eine unsichtbare Regierung, bei der es sich um die in Wahrheit regierende Macht des Landes handelt….Wir werden gelenkt, unsere Ansichten werden geformt, unsere Ideen eingegeben, größtenteils von Menschen, von denen wir noch nie gehört haben. Dabei handelt es sich um das logische Resultat der Art, in der unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist.  Enorm viele Menschen müssen in ihren Ansichten zusammenhalten, wenn sie als harmonisch funktionierende Gesellschaft zusammenleben möchten…. In fast jedem Handeln während des täglichen Lebens, entweder im Bereich der Politik oder im Geschäft, in unserem Sozialverhalten oder Moraldenken, unterliegen wir der Herrschaft einer relativ kleinen Anzahl von Personen, die unsere Gedankenabläufe und unser Sozialverhalten verstehen. Von diesen Menschen werden die Fäden gezogen, durch welche die öffentliche Meinung kontrolliert wird.

Wer heutzutage derartige Behauptungen aufstellt, wird unverzüglich in die Ecke der Verschwörungstheoretiker gedrängt. Edward Bernays veröffentlichte das genannte Buch im Jahr 1928. Und er wusste, wovon er berichtete, denn er gehörte zu jenen Menschen, die sich dem Ziehen der Fäden, dem Formen der Meinung der Massen, widmeten. Edward Bernays leistete seinen nicht zu unterschätzenden Beitrag, aus Menschen willige Opfer einer Konsumgesellschaft zu formen, denen nicht im geringsten bewusst ist, welche Rolle ihnen in dieser Welt zugedacht wurde.

Drei Monate nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich erkannte Sigmund Freud die aufkommende Gefahr und entschloss sich, seinen Wohnsitz nach London zu verlegen, wo er ein Jahr später 83-jährig verstarb. Seine Thesen, von der Mehrzahl anerkannter Mediziner seiner Epoche abgelehnt, bezichtigen uns wirrer verborgener Sehnsüchte. Heute, sieben Jahrzehnte später, lässt sich mit Behauptungen über unser Innenleben jonglieren, die sich aufgrund ihrer Haltlosigkeit weder bestätigen noch widerlegen lassen. Michel Onfray gab kürzlich in einem Gespräch beim französischen Fernsehsender TV5 folgendes Beispiel: Wer dem Psychoanalytiker gegenüber erklärt, er verspühre Verlangen nach sexuellen Kontakten zu seiner Mutter, findet selbstverständlich Bestätigung. Wer diese Tendenz jedoch leugnet, dem wird vorgehalten, dass ihm dieses Verlangen deswegen nicht bewusst sei, weil er es unterbewusst verdrängt. Was kann man dazu noch sagen? Doch, um nochmals auf Edward Bernays zurück zu kommen,  die wesentlich weniger bekannte Essenz der Psychoanalyse, die sich auf unser Verhalten im täglichen Leben, auf das, was wir von der Welt erwarten, bezieht, dient als Instrument der Aufrechterhaltung gemeinsamer Ziele, von denen wir glauben, dass ihr Ursprung in uns selbst liegt.

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