Samstag , 20 April 2019
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„Ich bin doch kein Nazi!“

couleurDer WKR-Ball in der Wiener Hofburg, ein UNESCO Kulturerbe – Der Burschenschafterball, besser bekannt als Ball des Wiener Korporationsringes (WKR), ging am Freitag, den 27. Januar, wieder mit viel Aufsehen über die Bühne. Tausende Demonstranten hatten sich in der Wiener Innenstadt versammelt, Tausende Gäste kamen auf den Ball. Die Location für diesen Ball war schon Aufregung genug. Dieser fand nämlich in der Wiener Hofburg statt. Der WKR-Ball zieht alljährlich Mitglieder von Burschenschaften aller Couleurs aus Österreich und Deutschland an. Ein empörter deutscher Couleur tragender Ballbesucher zu den Ball begleitenden Protesten: „Ich bin doch kein Nazi!“

Heuer schienen sich aber auch einige Journalisten österreichischer Medien für den WKR-Ball näher interessiert zu haben. Sie schleusten sich, ohne Couleurband und Käppchen natürlich, ein. Es waren Reporter des Kurier und des Standard, welche sich unter das Publikum gemischt hatten. Denn offiziell, so schreibt DerStandard.at, wurde nur der Austria Presseagentur die Berichterstattung vom WKR-Ball erlaubt. Die Reporter mussten sich also Karten besorgen – 72 Euro kostete der Eintritt.

Auf jeden Ballbesucher kam ein Demonstrant, titelte die österreichische Tageszeitung Die Presse. Wütende Proteste sind an diesem Ballereignis mittlerweile Begleiterscheinung geworden und die Demonstranten werden seitens der Ballbesucher auch als „Linke Antidemokraten“ bezeichnet – einige Demonstranten wurden sogar von einem Ballbesucher mit Pfefferspray attackiert. Einen Verursacher der Demonstrationen sieht man in Ariel Muzicant (Präsident der israelitischen Kultusgemeinde Wien und langjähriger Kritiker der FPÖ) und in den linken Medien, nicht Couleur tragende Ballgäste werden als „Spitzel“ bezeichnet, so die eingeschleusten Reporter im O-Ton. FPÖ-Chefideologe Andreas Mölzer sieht den WKR-Ball als Zielscheibe „linkslinker Jagdgesellschaft“. Menschenrechtsgruppen sehen im WKR-Ball hingegen einen „Rechtsextremisten-Aufmarsch“, zumal der in diesem Jahr auf den Befreiungstag von Auschwitz gelegt worden war – Zufälle gibt es!

Unter den Ehrengästen des WKR-Balls befand sich auch „politische Prominenz“ wie Heinz-Christian Strache (FPÖ-Chef) und Martin Graf (3. Nationalratspräsident, FPÖ) mit seinem Sohn Gudenus. Wie DerStandard.at schreibt, waren auch die Bundespräsidentschaftskandidatin Barbara Rosenkranz (sie war in der Vergangenheit durch ihre am äußersten rechten Rand positionierten Ansichten aufgefallen), der Chefideologe der FPÖ, Andreas Mölzer sowie Elmar Podgorschek. Dieser ist Nationalratsabgeordneter und Hauptmann der Miliz. Er erschien in der grauen Ausgehuniform des Bundesheeres und widersetzte sich damit der Weisung von Verteidigungsminister Norbert Darabosch (SPÖ) – eine Verwaltungsstrafe von bis zu 700 Euro droht ihm jetzt. DerStandard.at schreibt, ein Foto von Podgorschek in voller Montur, quasi als Beweis für dessen Auftauchen am WKR-Ball, zu besitzen.

Aber auch ausländische Gäste wurden gesehen. Darunter die Führer der internationalen Rechten, Marine Le Pen (französische Front National), der „Schwedendemokrat“ Kent Ekeroth und Philip Claeys von der belgischen „Vlaams Belang“. Allesamt geladene Gäste des FPÖ-Abgeordneten Franz Obermayr (als EU-Abgeordneter tritt Obermayr für eine verschärfte europäische Asylpolitik ein).

Doch wo logieren die Keimzellen der Burschenschaften und Männerbünde in Österreich? Man findet diese im universitären Umfeld der Uni Innsbruck, der Montanuniversität Leoben, der Universitäten in Graz sowie in Wien. Pikantes Detail zum WKR-Ball: Karlheinz Töchterle (amtierender Bundesminister für Wissenschaft und Forschung, 1994 für die Grünen in den Tiroler Landtag gewählt und jetzt für die ÖVP im Wissenschaftsministerium) stand, so meldete der ORF, auf der Liste der geladenen Gäste. Er erhielt eine Einladung, als Akademisches Ehrenmitglied des WKR-Balls diesem beizutreten und zu besuchen, meldete gestern die APA, die Austria Presseagentur. Töchterle hat diese Einladung nicht angenommen.

Doch wie kommt man als Ballveranstalter dazu, Karlheinz Töchterle einzuladen? Vielleicht liegt die Antwort im Umfeld des Altphilologen, der seit seiner Jugendzeit Mitglied der nicht schlagenden katholisch-österreichischen Studentenverbindung Sternkorona Hall ist. Die Verbindung ist stark religiös geprägt und Mitglied beim europaweit organisierten, unparteiischen MKV (Mittelschüler Kartell Verband), deren Mitgliedern eine konservative Ausrichtung nachgesagt wird. Man grenzt sich zu schlagenden Burschenschaften ab, darf sich aber, laut Wikipedia, die Kritik gefallen lassen, Frauen auszuschließen, weil der MKV eben ein reiner Männerbund ist und Engelbert Dollfuß (Begründer des Austrofaschismus) noch immer die Ehre zu halten scheint. Apropos Mitgliedschaft zu solchen Bünden. Ein Absolvent der Innsbrucker Uni erklärte mir, wenn man nicht Mitglied einer Burschenschaft ist, hätte man karrieremäßig in Österreich verspielt. Ungeachtet der Übertreibung, eine gewisse Tendenz ist durchaus erkennbar. Die Mitgliederliste prominenter österreichischer Politiker des MKV spricht beispielsweise für sich.

Doch zurück zum „Burschenschafteraufmarsch“ in der Wiener Hofburg. Die eigentümliche FPÖ-Rhetorik im Rahmen der Eröffnungsrede des WKR-Balles passt in den Gesamtauftritt dieser österreichischen Partei, die sich selbst gerne in der rechten Mitte der heimischen Parteilandschaft sehen möchte (die Eröffnungsrede ist auf Youtube verfügbar). Schließlich skandiert man auf Parteitagen als „soziale Heimatpartei“, wobei allein schon die Formulierung einen unangenehmen Beigeschmack nach sich zieht. Auch die Nähe zur deutschen NPD sorgt bei aufmerksamen Beobachtern der österreichischen FPÖ immer wieder für Unmut. So steht am Blog „Stoppt die Rechten“ der Grünen, dass der FPÖ-Neujahrsauftakt in Salzburg von NPD-Leuten besucht worden war. Auf besagtem Blog ist auch eine Rede des österreichischen Schriftstellers Doron Rabinovici anlässlich des WKR-Balles veröffentlicht. Denn von der FPÖ-Seite wird der WKR-Ball als „unpolitisches Brauchtum“ bezeichnet. Diese Formulierung schlägt ins selbe Horn wie die Bezeichnung einer Jugendgruppe, die in den Räumlichkeiten einer steirischen Bezirksorganisation der FPÖ ihre Treffen abgehalten hat, die als eine Gruppe, der Landjugend gleich, vom Gruppenleiter bezeichnet worden war. Was noch weitaus mehr verstört, ist die Aussage in Rabinovicis Rede, dass sich die FPÖ zum Deutschtum bekennt. Man will nicht Österreicher sein, nein man zählt sich zum deutschen Kulturgut. Und genau das kam in der Eröffnungsrede des WKR-Balls deutlich zur Sprache. Deutschtümelei auf rechtem Niveau. Apropos Brauchtum: Die österreichische UNESCO Kommission anerkennt den WKR-Ball als „immaterielles Kulturerbe“ Wiens, weil dieser Ball zur Wiener Ballsaison gehört, welche eben zu diesem Kulturerbe erhoben worden ist. Man bedenke – die von Deutschtum geprägte Rede des FPÖ-Chefs Heinz-Christian Strache erhält somit ein UNESCO-Siegel.

Die Presse schreibt, dass dies der letzte WKR-Ball seiner Art in der Hofburg gewesen ist. Man habe den Medienrummel um diese Veranstaltung satt, zitiert die Presse die Betreiber der Location und damit die Hausherrin der Hofburg, Renate Danler. Kein WKR-Ball also 2013 mehr in den höfischen Räumlichkeiten der österreichischen Republik.

Verwunderlich bleibt nach wie vor der burschikose Umgang mit der österreichischen Rechten in der Öffentlichkeit. Vielleicht mag es aber daran liegen, dass rechtes Gedankengut eben in allen politischen Richtungen Österreichs zu finden ist, wenn schon nicht offen, dann als Mangel historischen Bewusstseins und mangelndem Willen zur Geschichte zu stehen und sie aufzuarbeiten – vielleicht mit Ausnahme der Grünen, die man eventuell als militant, totalitär links wahrnehmen kann, glaubt man ehemaligen Parteimitgliedern.

Die Ausgrenzung und Abgrenzung gegenüber Andersdenkenden, Andersgläubigen und einfach gegenüber allen Menschen, die sich nicht in die österreichische Mentalität hineinformen lassen, ist vielleicht das einzige „Kulturgut“ Österreichs, das man unter internationale Beobachtung stellen sollte. Ein Ball, der die extremen Rechtspolitiker Europas nach Wien versammelt und ihnen einen ungezwungenen Abend bietet, darf kein Kulturerbe sein.

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