Samstag , 17 November 2018
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Einen Überschuss an Arbeitskraft kann es nicht geben

family of four playingWenn eine Million Stellen frei sind, aber mehrere Millionen einen Arbeitsplatz suchen, handelt es sich dabei nicht um einen Überschuss an Arbeitskraft? Nur unter der Voraussetzung, dass eine wöchentliche Arbeitszeit von annähernd 40 Stunden als unabänderlich betrachtet wird. Wie anders als durch Reduktion der Arbeitsstunden ließen sich Vereinfachungen von Arbeitsprozessen, dank technischer Errungenschaften, ausgleichen? Zumindest langfristig. Mittelfristig helfen natürlich auch höherer Konsum und besserer Kundenservice. Doch diese beiden Annehmlichkeiten scheinen mittlerweile ja auch schon ausgeschlossen zu sein. Wie wäre es mit einem neuen Gemeinschaftsdenken?

Stellen wir uns eine Familie vor, die nach dem Essen gemeinsam die Teller spült. Plötzlich wird eine Spülmaschine angeschafft. Handelt es sich dabei um eine wünschenswerte Verbesserung oder um eine Tragödie, weil Mama, Papa und die Kinder plötzlich etwas mehr Zeit zum Spielen hätten?

Zwar wurden im Laufe der Jahrzehnte die von Arbeitnehmern geforderten wöchentlichen Arbeitsstunden immer weiter reduziert, doch eines Tages, bei etwas weniger als 40 Stunden, kam diese Entwicklung zu einem plötzlichen Halt. Gleichzeitig wurden aber auch immer mehr Frauen, die sich in vergangenen Zeiten der Betreuung ihrer Familien widmeten, in den Arbeitsprozess eingegliedert. Somit ist die Summe der geleisteten Arbeitsstunden über die Jahre hinweg vermutlich sogar angestiegen. Und trotz Arbeitslosigkeit zeichnet sich in Europa eine deutliche Tendenz ab, durch neu zu schaffende Aufbewahrungsstätten für Kleinstkinder noch mehr Mütter von ihren Sprösslingen schon im frühesten Alter loszureißen.

Im Rahmen einer einzigen Familie oder einer wirklich kleinen Gruppe gäbe es wohl kein Problem, anfallende Arbeit gleichmäßig zu teilen. Je rascher diese beendet ist, desto mehr Zeit steht für Kulturgenuss, Bildung oder schlicht Kurzweil oder Müßiggang zur Verfügung. Und wenn der diesbezüglich verfügbare Zeitanteil steigt, wird wohl niemand etwas daran auszusetzen haben.

Je größer die Gemeinschaft, desto schwieriger wird die faire Teilung. Aus diesem Grunde entstanden auch gesetzliche Regelungen zur Begrenzung der wöchentlichen Arbeitsstunden. Gibt es für den überwiegenden Teil der Bevölkerung keine Alternative zur unselbständigen Erwerbstätigkeit, gäbe es für Arbeitgeber – insbesondere in der dehumanisierten Form eines Arbeitsverhältnisses zwischen unpersönlichen Konzernen und menschlichen Wesen – keine gesetzlichen Bestimmungen, könnten diese die maximale Leistung für minimales Entgelt fordern. Ein Beispiel, das sich insbesondere während der Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre in Amerika unter Beweis gestellt hat.

Nachdem die tatsächlichen Arbeitslosenzahlen die angegebenen bei weitem übersteigen, jeder Arbeitssuchende weiß, dass sich gleichzeitig Dutzende und oft Hunderte andere Bewerber einfinden, stellt sich die Frage, warum die wöchentliche Arbeitszeit nicht weiter verkürzt wird. Warum stellen die Bürger demokratischer Länder keine diesbezüglichen Forderungen? Weil wir uns einreden lassen, dass unsere Produkte nicht mehr exportfähig wären, wenn der Lohnkostenanteil steigt? Anstatt diesbezüglich eine Lösung zu finden, etwa einen Abbau der Exportabhängigkeit, lassen wir unsere Mitbürger weiter um schlecht bezahlte Arbeitsplätze betteln. Dient die Wirtschaft dem Menschen, um ihn mit Gütern zu versorgen – oder dient der Mensch der Wirtschaft?

Vergleichen wir kurz mit dem tragischen Schicksal einstiger Sklaven. Wäre in den Südstaaten der USA vor dem Bürgerkrieg plötzlich eine Maschine erfunden worden, die den Baumwollpflückern die Arbeit abgenommen hätte, dann hätte dies zwingend zu einem Problem geführt: Was wäre mit den Sklaven geschehen? Niemand hätte ihnen das Recht zugestanden, an den Früchten des Fortschritts teilzuhaben. Ihre Existenzberechtigung bestand schlicht darin, ihre Arbeitskraft gegen Essen und schlechte Unterkunft einzutauschen. Wäre diese Arbeitskraft aufgrund der neuen Maschinen nicht mehr benötigt worden, wäre ihr Wert niedriger gewesen als die Kosten für ihre „Erhaltung“.

Warum wird von „freien“ Menschen in „freien“ Ländern aber heute noch immer gefordert, den größten Teil ihrer verfügbaren Zeit der Erwerbstätigkeit zu verschreiben, wenn der größte Teil der Arbeit durch Maschinen erfolgt? Warum wird die zu erbringende Arbeitszeit nicht bei gleichbleibendem Einkommen reduziert, wenn einfach mehr Menschen zur Verfügung stehen, um ein bestimmtes Arbeitspensum gemeinsam zu erbringen? Warum stellen mündige Bürger demokratischer Länder keine diesbezüglichen Forderungen? Könnte es sein, dass die Mehrheit im Inneren vielleicht gar nicht daran glaubt, frei zu sein? Oder sind die Parolen von internationaler Konkurrenzfähigkeit, den Erwartungen der Märkte, von Leistungssteigerung bei gleichzeitigem Engerschnallen des Gürtels, sind all diese leeren Phrasen wirklich so überzeugend? Oder ist die Antwort schlicht, dass es doch wir sind, die der Wirtschaft dienen – und nicht umgekehrt – und zwar in unsere Eigenschaft als Humankapital, dem neuzeitlichen Wort für Sklaven?

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