Sonntag , 26 Mai 2019
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Vier Hindernisse am Weg zur Objektivität

brain in lightbulbOft liegt die Lösung eines Problems so nahe vor unseren Augen, dass wir einfach drüber hinwegsehen. Was hält so viele Menschen davon ab, sowohl absolut logische Schlüsse als auch belegbare Fakten zu akzeptieren? Psychologen nennen es „kognitive Dissonanz“. Vera F. Birkenbihl, eine Management-Trainerin, hat schon vor Jahren die treffendste und einleuchtendste Erklärung dafür gefunden. Sie hat eine, aus vier Punkten bestehende, Checkliste zusammengestellt, an der wir die Reaktionen Anderer ebenso überprüfen können wie unsere eigenen. Wären diese vier Hindernisse, die uns den Weg zu Objektivität versperren, besser bekannt, wären sich mehr Menschen dessen wirklich bewusst, wäre unsere Welt zweifellos eine angenehmere.

Vor einigen Monaten erschien bei The Intelligence ein Artikel mit dem Titel: „Warum die Wahrheit so oft zurückgewiesen wird“. Auch wenn sich die, auf den Kommentaren mehrerer erfahrener Psychologen basierenden, Erklärungen vorwiegend mit der verbreiteten Zurückweisung von Fakten die Ereignisse vom 11. September 2001 betreffend befassten, so verfügen sie durchaus über Allgemeingültigkeit. Es ist einfacher, einzelne, auch belegbare, Informationen zu ignorieren als sein gesamtes Weltbild neu zu überdenken. Auch Wissenschaftler unterliegen regelmäßig diesem Phänomen, das von Psychologen als „kognitive Dissonanz“ bezeichnet wird.

Der besagte Artikel zog eine Unmenge positiver Reaktionen nach sich. Schließlich wundern sich doch so viele von uns darüber, dass manchen Dingen, die wir nicht nur wissen, sondern die wir auch zweifelsfrei belegen können, trotzdem von so vielen Mitmenschen Ablehnung entgegengebracht wird. Frau Birkenbihls Checkliste hilft aber nicht nur, dieses Verhalten Anderer in mehr Details zu verstehen, sondern erlaubt auch uns selbst, neuen Informationen mit wesentlich mehr Offenheit entgegenzutreten. Es ist der Schlüssel zur Überwindung konditionierter Wertmaßstäbe.

Vera F. Birkenbihl ist leider am 3. Dezember des Vorjahres im Alter von 65 Jahren verstorben. Ein Vortrag mit dem Titel „Chancen & Risiken von Memen – Gehirngerechte Einführung in die neue Wissenschaft der Memetik“, den sie schon im Jahr 1999 gehalten hatte, wurde 2008 bei Youtube verfügbar gemacht. Nachdem sich wirklich wertvolles Wissen leider oft nur sehr langsam verbreitet, bin auch ich – dank eines Hinweises von einem unserer Leser – erst kürzlich auf dieses Video gestoßen. Und wenn Sie sich – wozu ich Ihnen dringlich rate – diesen am Ende eingesetzten Vortrag ansehen, dann achten sie darauf, dass Ihnen zumindest anderthalb Stunden Zeit zur Verfügung stehen. Denn ich garantiere Ihnen, wenn Sie Frau Birkenbihl einmal zuhören, dann möchten Sie unter keinen Umständen abbrechen.

Bei der erläuterten Checkliste handelte es sich um einen wesentlichen Teil ihrer Ausführungen, in denen das Vorhandensein sogenannter Meme in unserm Bewusstsein erklärt wird

Als Meme werden einzelne Bewusstseinsinhalte bezeichnet, die ein „Denkraster“ oder „Wissensraster“ bilden. Dieser Begriff lässt sich nicht streng abgrenzen. Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass überliefertes Kulturgut in unserem Bewusstsein ebenso Meme bildet wie vorübergehende, einer Mode unterliegende, Zeiterscheinungen. Sie können sowohl Bestandteil einer Ideologie sein als auch einfach Teil jenes Rasters, der uns hilft, neue Informationen rasch zu bewerten.

Vera Birkenbihl spricht von „einem Filter zwischen uns und der Wirklichkeit“.

Ein bewusst eingesetzter Filter dient dem Zweck, Verunreinigungen oder unerwünschte Bestandteile zu beseitigen. Den Staub aus der Luft, Bakterien aus dem Wasser, verwirrende Details aus einem Text. Was zur Bildung der Filterfunktion in unserem Bewusstsein führt, wodurch sie ausgelöst wird und welchen Zwecken sie dient, erscheint beim Überdenken der folgenden Erklärungen als so offensichtlich, dass es mehr als nur verwundert, dass sich nicht wirklich jeder denkende Mensch dieses Umstandes von Haus aus bewusst ist.

Bevor ich auf den ersten Punkt besagter Checkliste zu sprechen komme, möchte ich noch kurz auf den Unterschied zwischen „Glauben“ und „Wissen“ eingehen. Wie erklärte es Frau Birkenbihl in ihrer humorvollen Ausdrucksweise? Von Wissen sprechen wir, wenn wir uns sicher sind, von Glauben, wenn wir uns nicht ganz so sicher sind, und was darüber noch hinausgeht, das nennen wir Aberglaube. Ich möchte hier aber noch etwas weiter ausholen, denn „Glaube“ und „Wissen“ werden leider sehr oft verwechselt. Vertrauen wir der Quelle, so bewerten wir erhaltene Informationen, die noch dazu in ein Gesamtschema passen, gerne als Wissen, obwohl uns eine tatsächliche Überprüfung oft gar nicht möglich ist. Zwar ließe sich jetzt endlos über die feine Grenze, über angebrachte und nicht berücksichtigungswürdige Zweifel, über Vorurteile und versteckte Dogmen philosophieren, doch gibt es eine Kernfrage, die sich jeder Mensch selbst stellen kann: Bin ich bereit, meine Annahme zu überprüfen?

(Lassen wir den religiösen Glauben beiseite, denn der unterliegt etwas anderen Prinzipien.) Bin ich mir dessen bewusst, dass ich etwas nur glaube, nehme ich natürlich gerne neue Informationen auf. Ist diese Annahme in meinem Gedächtnis tatsächlich unter der Kategorie „Wissen“ gespeichert, so bin ich ebenfalls bereit, dieses Wissen zu ergänzen und gegebenenfalls neu zu überdenken. Verfalle ich jedoch dem Fehler, meinen Glauben für Wissen zu halten, dann weise ich jede Überprüfung des Wahrheitsgehaltes kategorisch zurück; und bin mir dessen natürlich keineswegs bewusst, denke eher, dass ich mich mit solch „unsinnigen Behauptungen“ gar nicht erst auseinandersetze, denn schließlich weiß ich, weiß man, es ja bereits.

Und somit kommen wir zum ersten Punkt der Checkliste:

Widerspricht eine Behauptung meinem Glauben?

Ist die erste Hürde überwunden, stellt sich die nächste Frage:

Ist die Behauptung tugendhaft?

Der Begriff der Tugend gilt heutzutage als überholt, als veraltet. Er wurzelt jedoch in dem Wort „taugen“ und in unserem Denkschema ist das Konzept durchaus erhalten, wenn auch dem neuen Zeitgeist angepasst. Zwar ist die Ideologie der „politischen Korrektheit“ noch nicht genügend ausgereift, doch bewegt sie sich in genau die Richtung, um den Begriff der Tugend zu ersetzen. Einige Gedanken, die uns in die Köpfe schießen, wenn wir etwas für untugendhaft halten, könnten lauten: „Wie kann der so etwas aussprechen?“, „Wie kann er denn so denken?“, „Das ist doch unerhört!“, usw.

Der dritte Punkt der Checkliste wäre:

Handelt es sich um ein Tabu?

Frau Birkenbihl hütet sich davor, Tabus der Neuzeit anzusprechen. Sie schlägt den Zuhörern vor, sich in das Jahr 1912 zurückzuversetzen und sich vorzustellen, sie würde von sich geben, dass Masturbation okay sei. Wäre – damals – so eine Aussage als untugendhaft zurückgewiesen worden? Mit Sicherheit. Hätte sie durch das Anschneiden dieses Themas ein Tabu gebrochen? Auch das.

Wird etwas, das in einer bestimmten Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit tabuisiert wird, angesprochen, fehlt es an jeder Bereitwilligkeit, sich mit diesem Thema auch nur in irgendeiner Form auseinander zu setzen. Eine geistige Schockstarre setzt ein. Und es bedarf gewiss keiner langen Überlegungen, um die größten Tabus der Gegenwart als solche zu erkennen.

Und die letzte Frage wäre:

Bin ich einer Behauptung gegenüber intolerant?

birkenbihlsche checklisteEine diesbezüglich positive Antwort würde dann erfolgen, wenn mich die Behauptung ärgert – wobei es sich um eine Emotion und – natürlich – keine objektive Beurteilung handelt. Und an dieser Stelle meint Frau Birkenbihl, was ebenfalls zum Ansehen des Videos ermuntert: „Ich werde den einen oder anderen Gedanken heute äußern, wo Sie innerlich denken werden, so ein Schmarren! Was erlaubt die sich! Frechheit! Und dann gehen Sie wieder da durch“ – und sie deutet auf die vier Punkte der Checkliste, die mit Kreide auf die Tafel geschrieben sind.

Eigentlich sollte an dieser Stelle bereits alles klar sein. Trotzdem möchte ich doch ein naheliegendes Beispiel anführen: 9/11. Ein Ereignis, das weltweite Auswirkungen nach sich zog, das zwei Kriege zur Folge hatte, das eine Kette von Maßnahmen zur Überwachung von Bürgern mit sich brachte. Die offizielle Darstellung steckt voll von Ungereimheiten. Einzelne Behauptungen der US-Regierung, von den Massenmedien unterstützt und von den europäischen Regierungen unangezweifelt, entsprechen nachweislich nicht den Tatsachen. Und immer noch sind es so viele Menschen, mit denen sich über dieses Thema einfach nicht reden lässt. Warum nicht?

  1. Weil es ihrem Glauben widerspricht. Die amerikanische Regierung würde doch niemals zulassen, dass 3.000 Menschen im eigenen Land vom eigenen Geheimdienst ermordet werden. Und selbst wenn man dort so weit gehen würde, unsere deutsche Regierung würde doch niemals ein Verbrechen solchen Ausmaßes decken. Und alle bekannten Medien sollen dabei mitspielen? Das glaube ich nicht! Das kann ich nicht glauben. Das will ich nicht glauben. Da helfen auch keine Argumente, wie das Anführen einzelner Politiker, die an der offiziellen Version durchaus zweifeln, wie etwa Andreas von Bülow. Da hilft kein Hinweis auf Journalisten, die sich gerade deswegen aus dem Geschäft zurückzogen. Da hilft auch keine Erinnerung an bereits eingestandene Lügen, wie dem erfundenen Angriff auf ein Kriegsschiff im Golf von Tonkin, um den Vietnamkrieg zu rechtfertigen – oder Iraks Massenvernichtungswaffen.
  2. Als tugendhaft ließe sich ein selbst inszenierter Angriff auf zwei Wolkenkratzer in New York, die fälschliche Beschuldigung eines Osama Bin Laden, ein ungerechtfertigter Krieg gegen Afghanistan und ein noch ungerechtfertigterer gegen den Irak mit Sicherheit nicht bezeichnen. Die Amerikaner sind doch unsere Freunde. Das wäre undenkbar. Allein schon so einen Verdacht zu erheben übertrifft alles Vorstellbare. Wenn dem so wäre, dann lebten wir doch in einer durch und durch verrotteten Welt. Und in so einer Welt will ich nicht leben!
  3. Welcher Begriff wurde geschaffen, um Menschen, die an offiziellen Darstellungen zweifeln, abzustempeln? Verschwörungstheorie! Und wie ein Großteil unserer Mitmenschen reagiert, wenn wir uns als Verschwörungstheoretiker verdächtig machen, diese Erfahrung haben die meisten von uns gewiss schon genossen. Natürlich, es gibt noch schlimmere Tabus. Doch wer auf seinen „guten Ruf“ achtet, wird sich über derartige Themen nur äußerst vorsichtig äußern – oder sie besser gar nicht erst zur Sprache bringen.
  4. Der vierte Punkt, die Intoleranz, wird sicher nie zum einzigen Hindernis. Sie unterstützt lediglich das Zurückweisen von Behauptungen, die es ohnehin nicht schaffen, die anderen Barrieren zu überwinden. Sie trägt aber trotzdem dazu bei, bestimmte Themen zu ersticken. Denn wer möchte schon bewusst anderer Menschen Ärger provozieren?

Es gibt eine Unzahl von Themen, über die sich diskutieren ließe. Über die es sich lohnen würde, Informationen auszutauschen. Die behandelt werden müssten, um bestehende Probleme in unserer Gesellschaft zu lösen. Doch sie werden nicht aufgegriffen. Sie lassen sich nicht aufgreifen, weil unsere Mitmenschen in überaus großer Zahl es nicht schaffen, ihr Denkraster zu durchschauen. Weil in so vielen Fällen wir selbst nicht dazu fähig sind, unsere eigene Vorurteile zu erkennen und zu überwinden.

Prägen Sie sich diese Checkliste ein. Drucken Sie sie aus und kleben Sie sie an die Wand.

  1. Widerspricht eine Behauptung/Information meinem Glauben?
  2. Ist sie tugendhaft?
  3. Handelt es sich um ein Tabu?
  4. Löst sie Intoleranz/Ärger aus?

Natürlich ließen sich alle vier Punkte unter dem Begriff „Vorurteile“ zusammenfassen. Doch, um der Lösung eines Problems, in diesem Fall den Mangel an Offenheit bestimmten Tatsachen gegenüber, näherzukommen, bedarf es einer Analyse der Gründe für diese Vorurteile; ein Aufspalten des Kernproblems in seine verschiedenen Bestandteile.

In der gegebenen Situation, und darauf verweist auch Frau Birkenbihl, werden Menschen, die an unpopulären Annahmen festhalten, in Randgruppen gedrängt. Man will sich nicht immer wieder offen kritisieren lassen. Man will nicht „als der Blöde“ dastehen. Und dann werden Diskussion zu bestimmten Themen eben ausschließlich in Kreisen Gleichgesinnter geführt.

Frau Birkenbihl empfiehlt, die Checkliste zuerst einmal – natürlich stillschweigend – bei anderen anzuwenden. Sie ging davon aus, dass, wenn wir erst einmal erkennen, wie viele Menschen von solchen Memen befallen sind, es jedem Einzelnen leichter fällt, sie auch in sich selbst zu suchen. Denn sind wir nicht alle von uns selbst überzeugt? Sind wir uns nicht alle sicher, dass wir immer objektiv und vernünftig reagieren?

Wir können aber noch einen Schritt weiter gehen. Wir wissen, dass viele der Probleme, unter denen unsere Gesellschaft leidet, darauf beruhen, dass sich die Mehrzahl der Bürger willig manipulieren lässt. Und beim „Einpflanzen“ dieser Meme handelt es sich – ich würde vermuten, dass hier durchaus Absicht dahinter steckt – um eine bestens ausgearbeitete Manipulationsstrategie!

(Manipulationsstrategie? Was für einen Unsinn behauptet der da? Schon wieder so eine Verschwörungstheorie! – Zurück zur Checkliste!)

Bemühen wir uns nun, das Interesse von Freunden und Bekannten für bestimmte Vorgänge zu wecken und wir wissen, warum sich diese kategorisch weigern, uns zuzuhören, so ist es wesentlich leichter, eine gemeinsame Kommunikationsbasis zu finden, wenn wir verstehen, warum dieses Thema so vehement zurückgewiesen wird. Widerspricht es ihrem Glauben, ihren Vorstellungen, wie die Welt sein sollte? Fällt es in eine Kategorie, die grundsätzlich zum Tabu geworden ist?

Ich gestehe, dass mir die „Birkenbihlsche Checkliste“, seit ich das Video gesehen habe, nicht mehr aus dem Kopf geht. Ich hoffe, Ihnen auch nicht. Und ich hoffe, die Zahl unserer Mitbürger, die sich dieses Konzept durch den Kopf gehen lassen, wird von Tag zu Tag ansteigen. Ich hoffe, ARD, ZDF und alle privaten Fernsehanstalten werden eine Reportage darüber ausstrahlen. Ich hoffe, Der Spiegel, … okay, ich bleib am Teppich.

Aber lassen Sie sich das folgende Video nicht entgehen. Eine 30-minütige Frageperiode eingeschlossen, dauert es knapp zwei Stunden. Und es ist wirklich schade, dass Frau Birkenbihl nicht mehr unter uns weilt. Wir werden ihr Andenken wahren.

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