Sonntag , 19 Mai 2019
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(Mit)Schuld trägt der Konsument

shopping_1937Jeder Mensch ist Konsument und gleichzeitig, zumindest in den meisten Fällen, auch erwerbstätig. Während die Märkte im Bereich der Erwerbstätigkeit die Richtung vorgeben, ist es der Konsument, der über die Entwicklung der Märkte bestimmt. Durchaus mit dem politischen System der Demokratie vergleichbar, gewinnen die Aktionen Einzelner aber erst in ihrer Summe an Bedeutung. Erkennen wir wirtschaftliche Veränderungen, die sich gegen das Allgemeinwohl richten, so wäre es eigentlich die Aufgabe des Konsumenten, dem entgegen zu wirken, anstatt auf politische Rettungsaktionen zu hoffen.

Ist es dem Besitzer des Supermarktes vorzuwerfen, dass er die Tante-Emma-Läden der Umgebung ruiniert, oder ist es die Schuld der Kunden, die niedrigere Preise und enorme Auswahl dem freundlichen Service vorziehen? Ist es die Schuld des Besitzers der Tankstelle, dass es keine Bedienung mehr gibt oder ist es der Konsument, der sich das Trinkgeld sparen will? Was nützt es, sich über Hamburger-Ketten lustig zu machen, solange dort Menschen Schlange stehen, um zu viel für zu schlechtes Essen zu bezahlen?

Natürlich ist der Mangel an Geld und oft auch Zeit im Spiel. Wer mit seinem Budget gerade über die Runden kommt, achtet sicher darauf, wie viel er für ein Pfund Schinken ausgibt. Wenn ein Produkt „Made in Germany“ doppelt so teuer ist wie Vergleichbares aus China, wird patriotisches Denken zum Luxus. Wer gerade eine Viertelstunde zur Verfügung hat, um seinen Magen zu füllen, wird sich kaum in ein gemütliches Gasthaus setzen.

Allerdings kommt dazu noch eine menschliche Schwäche, die in vielen von uns verankert ist. Ich weiß nicht, ob Neid wirklich der richtige Begriff dafür ist, doch haben wir nicht alle schon erlebt, dass sich der Besitzer unserer Stammkneipe ein neues Auto kauft, und plötzlich das Gemurmel auftaucht: „Schau, schau, mit unserem Geld!“? Je weniger wir den Geschäftsinhaber kennen desto geringer ist die Gefahr, dass wir ihm seinen Verdienst vorhalten.

Wir können über die Volksverdummung durch peinlich wertlose Fernsehsendungen diskutieren, doch wird niemand gezwungen, sich diese anzusehen. Kommen neue Computerspiele auf den Markt, so gibt es üblicherweise genügend Abnehmer. Wird ein wirklich interessantes Buch veröffentlicht und es finden sich überraschend wenig Käufer, reicht es, den Medien vorzuwerfen, dass sie derartige Produkte nicht genügend in den Vordergrund rücken? Spricht sich Qualität nicht mehr von selbst herum? Reichen unsere persönlichen Kontakte, die Adressen in unserem Email-Verzeichnis, unsere „Freunde“ bei Facebook, unsere Verfolger bei Twitter nicht aus, dass wir selbst etwas in Bewegung setzen?

Was gleichzeitig zur Frage führt, wollen wir – oder die meisten von uns – ernsthaft etwas verändern?

In meinem kürzlich verfassten Artikel über Sigmund Freud und, insbesondere, über seinen Neffen Edward Bernays habe ich ein paar Zeilen aus dessen Buch „Propaganda“ zitiert. Da steht unter anderem: „Wir werden gelenkt, unsere Ansichten werden geformt, unsere Ideen eingegeben, größtenteils von Menschen, von denen wir noch nie gehört haben. Dabei handelt es sich um das logische Resultat der Art, in der unsere demokratische Gesellschaft organisiert ist. Enorm viele Menschen müssen in ihren Ansichten zusammenhalten, wenn sie als harmonisch funktionierende Gesellschaft zusammenleben möchten.“

Worauf Edward Bernays hier verweist ist die Tatsache, dass viele unserer Ideen, unserer Wünsche, unserer Erwartungen von außen eingegeben sind. Und diese Behauptung stammt aus der Feder eines jener Männer, die ihr Leben dem Formen von Meinungen gewidmet haben. Doch nicht nur, dass wir uns dessen nicht im geringsten bewusst sind, mit Eifer wehren wir uns gegen jeden Vorwurf, willenlose Opfer von Manipulation zu sein. Was macht uns glauben, dass eine bestimmte Bekleidungsmarke „cool“ ist? Was bewegt uns dazu, uns Trends anzuschließen, die wir vielleicht kurz davor noch abgelehnt hätten? Was lässt uns protestlos mit den Zwängen leben, von denen wir umgeben sind?

Wir haben uns daran gewöhnt, dass eine Leistung, die wir selbst erbringen, nur mit einem Bruchteil dessen abgegolten wird, was wir für die gleiche Leistung als Konsumenten begleichen müssten. Wie vielen Kunden muss der Angestellte eines Friseur-Salons die Haare schneiden, um sich mit dem verdienten Geld selbst einen Haarschnitt zu leisten?

Wir nehmen es hin. Wir leben damit. Wir fragen nicht nach den Ursachen. Und so wie wir bei Wahlen den gleichen Parteien immer wieder unser „Vertrauen“ schenken, kaufen wir weiter die Produkte jener Konzerne, nehmen die Dienste jener Banken in Anspruch, deren Macht zu einem erschreckenden Faktor in unserer modernen Gesellschaft geworden sind. Vermutlich ist die Zahl derjenigen, denen bewusst ist, dass etwa schief gelaufen ist, beträchtlich. Doch wie wenige sind bereit, den ersten Schritt zu tun, um zumindest einer Eskalation der derzeitigen Entwicklung Einhalt zu gebieten?

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