Freitag , 7 August 2020
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90 Tage Haft und Berufsverbot für Lehrer

max_und_moritzKindesmisshandlung? Prügel oder gar sexuelle Belästigung? Was ist passiert? Eigentlich nichts, was nicht viele von uns selbst als Kinder zu „erleiden“ hatten. Und, wenn wir uns erinnern, wussten wir selbst immer ganz genau, wodurch wir den Unmut unseres Lehrers provozierten. Ein Schüler, der nicht zur Klasse gehörte, weigerte sich, der mehrmaligen Aufforderung, das Klassenzimmer zu verlassen, zu folgen. Im Gegenteil, er begann den Lehrer zu beschimpfen. Daraufhin zog dieser ihn am Ohr vom Stuhl hoch und führte ihn zur Tür. Der Vorfall endete vor Gericht. Das Urteil: 90 Tage Haft. Außerdem wurde dem 49-Jährigen untersagt, eine neue Stelle im öffentlichen Dienst anzutreten.

Der Vorfall ereignete sich um US-Bundesstaat New Jersey. Doch, wie so viele Veränderungen im gesellschaftlichen Leben in Amerika ihren Anfang nehmen, um sich folglich in Europa zu verbreiten, sind ähnliche Entwicklungen im eigenen Land durchaus vorstellbar.

Troy Rushing war Lehrer an einer High-School. Der Vorfall ereignete sich am 19. Februar. Obwohl er daraufhin seine Stelle niederlegte und sich vor Gericht wegen „rechtswidrigen Verhaltens“ schuldig bekannte, fiel das, von Richter Frederick de Vesa gefällte, Urteil keineswegs milde aus.

Die Frage, die sich aufwirft, wäre, wie soll sich ein Lehrer verhalten, wenn seine Autorität von einem Schüler in grober Form missachtet wird? Eine nennenswerte Anzahl von Kindern und Jugendlichen verspürt seit jeher eine Tendenz, Autoritäten zu hinterfragen, zu untergraben, zu provozieren. Die meisten von uns experimentierten in dieser Richtung, und zwar solange, bis wir an eine deutliche Grenze stießen. Hätte uns, damals, ein Lehrer am Ohr gezogen und wir hätten dies den Eltern geklagt, ich glaube, ich brauche nicht daran zu erinnern, wie diese reagiert hätten.

Korrektes Vorgehen im vorliegenden Fall hätte erfordert, falls „gutes Zureden“ alleine nicht hilft, den Schulleiter zu Hilfe zu rufen. Wie reagiert der Rest der Klasse, wenn es dem Lehrer nicht gelingt, sich gegen einen einzelnen provokanten Schüler durchzusetzen? Würde es sich dabei nicht um eine Einladung zu neuerlichen Provokationen handeln? Erwarten die Gesetzgeber allen Ernstes, dass ein Lehrer, ohne Strafmaßnahmen oder zumindest deren Androhungen, an die Vernunft eines rebellischen Teenagers appellieren kann? Wie soll sich der gerufene Schulleiter letztendlich verhalten, wenn er ebenfalls beschimpft wird?

An dieser Stelle sei erwähnt, dass, zumindest in Amerika, Eltern immer öfter die Polizei um Hilfe rufen, wenn ihr 12- oder 13-jähriger Sprössling, während eines Tobsuchtsanfalls, die Wohnungseinrichtung zertrümmert. Schließlich steht es Eltern genauso wenig wie Lehrern zu, in solchen Fällen angemessene Gewalt anzuwenden. Wie entwickeln sich aggressiv veranlagte Jugendliche, wenn es Erziehern nicht erlaubt ist, die Einhaltung elementarer Grundsätze des Zusammenlebens durchzusetzen?

Eine dreimonatige Haftstrafe für einen Lehrer, der – und zwar durchaus berechtigt – vielleicht Schmerzen, aber keinerlei Verletzungen hervorgerufen hat, mag als außergewöhnlich hartes Beispiel gelten. Trotzdem beleuchtet es ein Problem, mit dem sich eine Unzahl von Berufskollegen regelmäßig konfrontiert findet. Mit Sicherheit werden sich aber auch in diesem Fall Experten finden, die alle möglichen psychischen Langzeitschäden, die durch „brutale Erziehungsmethoden“ entstehen könnten, wissenschaftlich zu analysieren verstehen. Wie Lehrer mit solchen Problemen umgehen sollen, bleibt letztendlich ihnen überlassen. Und über die Zukunft rebellischer Jugendlicher, die nicht jung genug erlernen, dass unangebrachtes Verhalten Konsequenzen mit sich bringt, brauchen wir uns auch keine Kopfzerbrechen machen. Das wird, zumindest in einigen Fällen, zur Aufgabe der Sicherheitsorgane.

 

Quelle: Wall Street Journal

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