Dienstag , 11 August 2020
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Aus dem Tagebuch eines Hartz IV Empfängers (2)

zieh_ne_nummer„Wenn sie keinen Termin haben…“, sagte die Frau an der Anmeldung und schaute dabei prüfend auf ihre Fingernägel, die sie wohl heute beim Frühstück, in aller Eile lackiert hatte und die farblich weder zu ihrer Kleidung, noch zu ihren Haaren, oder ihrem Lippenstift passten. Jedenfalls ließ ihr Gesichtsausdruck genau diese Gedanken vermuten, was ihr „Freundlichkeitspotenzial“ nicht unbedingt erhöhte.“… dann müssen sie sich wohl eine Nummer ziehen und warten“, sprach sie weiter, ohne den Blick auch nur im Geringsten in meine Richtung zu wenden. „Ich habe ja einen Termin“, sagte ich recht kleinlaut. „Ich meine ich hatte einen, vor einer halben Stunde. Ich konnte aber leider nicht pünktlich sein, denn Herr Hubert, das ist der Bernhardiner meiner Vermieterin, wissen sie, der wollte mich einfach nicht gehen lassen. Wissen sie, die „Doggys Rindssnacks“ sind nämlich alle und…“

„Ja klar!“, unterbrach sie mich patzig. „Und meine Oma hat heute morgen, im Baströckchen, auf dem Küchentisch Limbo getanzt und deshalb hab ich den falschen Nagellack erwischt. Wenn sie einen neuen Termin brauchen, dann müssen sie eine Nummer ziehen und warten. So wie alle anderen.“

Ganz kurz wollte so etwas wie die Euphorie eines Siegers in mir aufkommen, da ich ja wenigsten bei ihren Gedanken recht hatte, wurde aber sofort jäh von ihrem: „Der Nächste…“, abgestoppt. Also gut. Eine Nummer ziehen. Wieder einmal stand ich etwas hilflos vor den Schildern, auf denen stand, in welchem Flur der für meinen Anfangsbuchstaben zuständige Bereich lag. „Sagen sie, Buchstabe K …?“, fragte ich den Mann von der Security, der mir aussah als würde er gerade nicht wirklich viel zu tun haben.

„Wat iss mit Buchstabe K?! Soll ick sagen Buchstabe K, oder wat? Könnt ihr Jesockse nich´ma´´n vollständigen Satz sagen?! Buchstabe K. Sagen Sie Buchstabe K. Wat willste wissen, du Heini? Wo es zum zuständigen Bereich für den Anfangsbuchstaben K geht?!“

„Ähhmm…, ja“, sagte ich. „Na denn sag´das doch auch, meine Fresse. Ick meine, ganz davon abgesehen, das mich hier alle für ´n Platzanweiser halten, obwohl ich ja nun sehr eindeutig Sicherheitsbeamter bin, wie man an meiner wichtigen Uniform unschwer erkennen kann, kann man doch wenigstens verlangen, das ihr in ganzen Sätzen redet. Ihr habt doch wohl genug Zeit, habt doch sonst nix zu tun den janzen Tach.“

„Also ich…,“ erwiderte ich, mit nicht gerade selbstbewußter Stimmlage.

„Also nach K…, „unterbrach er mich sofort wieder, „… geht es da die Treppe hoch, links durch die Eisentür, wenn die offen ist. Wenn nicht, den Gang runter bis zum Treppenhaus II und dann da noch eine höher. Dann durch den Bereich L-Q, vorbei am PC Raum, im Treppenhaus IIa wieder runter und dann halb rechts. Da denn durch die Glastür, links durch den Gang zum Zimmer 227 und da ´ne Nummer ziehen. Dann zurück durch den Gang, links und im Zimmer  229b warten bis ihre Nummer aufgerufen wird.“

„Danke“, sagte ich, meine Verwirrung verbergend, um mir nicht noch eine verbale Klatsche einzufangen und stiefelte los. Etwa 40 Minuten und drei weitere Wegbeschreibungen  später, hatte ich den Raum 227 erreicht und zog aus dem Automaten eine Nummer. 387. Im Raum 229b, in dem unzählige Leute saßen, standen, oder sogar, mehr oder weniger,  auf dem Boden lagen, sah ich hoch zu der elektronischen Anzeigetafel, auf der von insgesamt sechs Anzeigefeldern, nur eines in Betrieb war. Nummer 202 stand da. „Ich hätte mir was zu lesen mitnehmen sollen“, murmelte ich grantig vor mich hin, suchte mir auf dem Flur einen freien Platz an der Wand, lehnte mich mit dem Rücken dagegen und stellte mich auf ein „Langeweile Martyrium“ ein. 9.42 Uhr zeigte meine Armbanduhr. Links neben mir stand eine Frau, die verzweifelt versuchte ihr schreiendes Baby zu beruhigen, indem sie es heftig hin und her wiegte. Ich war versucht ihr zu sagen, dass es besser wäre es hoch und runter zu wiegen, weil sich das Baby dann mehr an den Mutterleib erinnerte, ließ aber davon ab, als die Frau mich ansah. 10.31 Uhr. Ein Sitzplatz wurde frei. Ich warf einen Blick zu der Frau mit dem Baby und überlegte kurz, setzte mich dann aber trotzig hin. Wer meinen Rat als Babytröster nicht haben wollte, der brauchte auch keinen Sitzplatz.

11.47 Uhr. Nummer 265. Langsam verspürte ich den Drang auf die Toilette gehen zu müssen, doch das war gleichbedeutend mit dem Verlust des Sitzplatzes. Ich versuchte mich also so weit wie möglich zusammen zu reißen und gleichzeitig zu entspannen. Um 12.32 Uhr schaute ich nochmal auf die Uhr und nickte fast im selben Moment für eine Sekunde ein. Ein kurzes Augen schließen, so dachte ich, wäre vergangen als ich von einem harten Stoß an die Schulter wieder geweckt wurde. Der Security Mann stand vor mir. „Jetzt aber mal hopp, Blödbacke. Pennen kannste woanders!“ „Bin ich dran?“ fragte ich und stellte beim Blick auf die Uhr fest, dass der kurze Augenblick fast eine Stunde gedauert hatte. Ein weiterer Blick auf die Anzeigetafel ließ mich von meinem Stuhl hoch schnellen. Nummer 398. „Feierabend für heute. Du bist dran mit nach Hause gehen und wenn´s geht recht hastig, sonst muss ich nachhelfen!“ sagte der Sicherheitsmann, mit inzwischen wirklich bedrohlichem Tonfall.  „Aber ich…, ich…“, stammelte ich und versuchte zu begreifen, was genau hier los war. „Ja, Dienstag kannste wieder kommen. Vielleicht mal ein bisschen früher.“

Vor der Tür des Jobcenters nahm ich mir vor, jetzt immer eine Notration „Doggys Rindssnacks“ für Herrn Hubert da zu haben, musste mir aber im selben Moment zugeben, dass ich damit noch fünf Tage warten musste, denn solange würde es dauern bis ich endlich Geld hatte, um einkaufen zu gehen.

Fortsetzung folgt und wer Teil 1 verpasst hat, der findet ihn hier.

www.oliver-wellmann.de

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