Freitag , 20 September 2019
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Deutsche als Einwanderer

Es soll Menschen geben, die Ausländern gegenüber mit Vorurteilen behaftet sind. Allerdings, im größten Teil der Welt ist jeder einzelne von uns Ausländer, ungeachtet ob als Besucher oder als Immigrant. Auch wenn Deutsche klassische Einwanderungsländer nicht mit der gleichen Intensität bevölkern wie andere Nationen, so gibt es doch Millionen von deutschstämmigen Bürgern, vor allem in Übersee. Wie leben diese Menschen heutzutage? Gibt es deutsche Wohnviertel, deutsche Restaurants und deutsche Unterhaltungszentren? Welche Sprache wird zuhause gesprochen? Wie betrachten die Nachkommen, die bereits in der neuen Heimat geboren sind, ihre eigene Identität?

deutsches_restaurant_new_yorkDie Situationen sind natürlich unterschiedlich und hängen von einer Vielzahl verschiedener Umstände ab. So gibt es etwa in Paraguay einen Ort namens Nueva Germania, südlich der Hauptstadt, in der Provinz San Pedro gelegen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts von Bernhard und Elisabeth Förster, der Schwester von Friedrich Nietzsche, ins Leben gerufen, sollte in der südamerikanischen Wildnis ein Zufluchtsort entstehen, um dort die deutsche Kultur vor „dekadenten“ Einflüssen zu schützen. Nicht nur, dass die damals hoffnungsvollen Siedler weder mit den klimatischen noch landwirtschaftlichen Bedingungen vertraut waren, kauften sie vom Ehepaar Förster Land, dass dieses jedoch nur gepachtet hatte. Bernhard Förster zog sich durch Selbstmord aus der Affäre. Nachfahren der damaligen Einwanderer leben heute noch dort und zwar, wie es in dieser Region durchaus üblich ist, in ziemlicher Abgeschiedenheit. Neben spanisch wird auch immer noch deutsch gesprochen.

blumenauIm brasilianischen Bundesstaat Santa Katarina liegt die Stadt Blumenau, die sich durch das größte Oktoberfest außerhalb Bayerns auszeichnet. Das Stadtbild erinnert ebenso an Deutschland wie viele der Namen. Allerdings, deutsch wird so gut wie überhaupt nicht gesprochen. Als Brasilien im Jahr 1942 auf Seiten der Alliierten Mächte in den Krieg eintrat, führte dies zu massiven Angriffen gegen die dortige deutsche Bevölkerung. Wie ein kurzer Artikel bei Wikipedia (englisch) erklärt, wurden deutsche Fabriken, Hotels und Geschäfte vom aufgebrachten Pöbel zertrümmert und eine nicht näher bekannte Zahl von Deutschen wurde in Lager verschleppt. Der Gebrauch der deutschen Sprache wurde unter Strafe gestellt. Auch nach Ende des Krieges wurden die deutschen Schulen nicht wieder eröffnet.

Sowohl in Südamerika als auch in den USA und in Kanada gibt es heute noch eine deutschsprachige Minderheit, die aus religiösen Gründen den Kontakt zur Außenwelt weitgehend ablehnt. Dabei handelt es sich um die Gemeinden der Mennoniten und der Amisch. Ihr mangelnder Integrationswille liegt jedoch nicht am Gastland, sondern an den modernen Lebensbedingungen schlechthin. Einige dieser Gruppen lehnen bis zum heutigen Tag sowohl den Einsatz von Maschinen in der Landwirtschaft als auch die Verwendung von elektrischem Strom und Telefonen ab.

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Von derartigen Beispielen abgesehen, wie leben ganz normale deutsche Familien in der neuen Heimat? Treffen sie sich in deutschen Kneipen, kaufen sie ihre Lebensmittel in deutschen Läden, hören sie deutsche Musik, schwenken sie deutsche Fahnen zu Zeiten der Fußball-WM?

Nein, nichts von dem. Auch wenn es in vielen nordamerikanischen Großstädten eingetragene deutsche Vereine gibt, so sind ihre Mitglieder gering in ihrer Zahl und weit fortgeschritten im Alter. Die Kinder derer, die vor Jahrzehnten ausgewandert sind, sprechen deutsch oft nur gebrochen. Die Tendenz während der Schulzeit, die Sprache der anderen Kinder zu praktizieren, führte meist dazu, dass auch die Eltern mehr und mehr englisch im eigenen Haus verwendeten.

Deutsche Restaurants gibt es natürlich, wenn auch nicht viele. Doch handelt es sich bei solchen keineswegs um belebte Treffpunkte von Einwanderern, sondern schlicht um eine Abwechslung im Speiseplan. Die meisten der Gäste sind Amerikaner.

Nicht alle europäischen Einwanderer zeichnen sich durch eine derartige Anpassungsfähigkeit aus. Der Film „My Big Fat Greek Wedding – Hochzeit auf Griechisch“ mit Nia Vardalos in der Hauptrolle, die auch das Drehbuch verfasst hatte, erfüllte die meisten in Amerika lebenden Griechen mit Begeisterung. Denn, genauso wie sie in dieser Filmkomödie portraitiert wurden, sehen sie sich selbst. Nicht ganz so extrem, doch findet sich auch unter Italienern eine deutlich ausgeprägtere Verbindung zu den kulturellen Wurzeln.

Die Ursachen für die unterschiedliche Integrationsfähigkeit von Menschen, die ihren Wohnsitz in ein anderes Land verlegen, mögen vielfältig sein. Dass Menschen, die ein gewisses Alter erreicht haben, nicht immer bereit sind, ihre Gewohnheiten zu ändern, ist eine Tatsache. Die eigentliche Frage, die in diesem Zusammenhang entsteht, ist, was passiert mit der nächsten Generation? Kinder, die erfahrungshungrig alle Eindrücke in sich aufsaugen, zeigen grundsätzlich eine Tendenz, sich der Umwelt anzupassen. Diese besteht sowohl aus der Familie als auch aus Schule und Freunden. Werden Freundschaften vorwiegend mit Bürgern des Gastlandes geformt, so sollte dies auf das Empfinden der eigenen Identität entsprechende Einflüsse ausüben. Gelingt es einzelnen Volksgruppen, sich auch in der dritten und vierten Generation noch als ethnisch abgegrenzt zu betrachten, selbst wenn die Physiognomie keine Unterschiede aufweist, müsste dem eigentlich ein Anlass zugrunde liegen, der tief in der Denkweise verankert liegt. Eine nähere Analyse dessen überlassen wir den Psychologen.

Man könnte natürlich annehmen, dass der Zweite Weltkrieg auf die Bereitwilligkeit zur Identitätsveränderung einen Einfluss ausgeübt haben könnte. Allerdings sind die Deutschen nicht das einzige Volk, dass sich durch Anpassungsfähigkeit auszeichnet. Ähnlich verhalten sich Immigranten aus Holland oder den skandinavischen Ländern. Selbst der bekannte Nationalstolz der Franzosen scheint zu verschwinden, wenn eine französische Familie ihren Wohnsitz in ein anderes Land verlegt – sofern es sich nicht um eine, wenn auch ehemalige, französische Kolonie handelt.

Wer sein Heimatland aufgibt, wer glaubt, in einem anderen Teil der Welt bessere Voraussetzungen vorzufinden, sollte sich auch bewusst sein, dass dort andere Lebensumstände herrschen, eine andere Sprache gesprochen, anderes Essen verzehrt, andere Musik gespielt wird. Die meisten Deutschen, die diesen Schritt unternommen haben, brachten und bringen den Bürgern ihres Gastlandes genügend Respekt entgegen, um deren Lebensstil mit ihnen zu teilen. Wer sich entschließt, in einen anderen Kulturkreis einzutreten, sollte diesem Offenheit entgegen bringen. Wer dazu nicht fähig ist, bleibt ohnehin im eigenen Land. Zumindest sehen die meisten Deutschen es so.

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