Freitag , 25 September 2020
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Ist unsere Gesellschaft noch menschlich?

crowd_individualistsWie wird die fernere Zukunft wohl über unser Zeitalter urteilen? Wird der sagenhafte Reichtum Einzelner als Musterbeispiel im Vordergrund stehen? Oder wird die Lüge der Chancengleichheit entlarvt werden? Wird man den vielen Millionen Beachtung schenken, die ihr Leben vorwiegend mit Arbeit verbringen und trotzdem gerade über die Runden kommen? Oder jenen Massen, die aus dem Kreislauf bereits ausgeschieden sind, die auf Unterstützungen angewiesen sind, die wiederum von den Mitbürgern finanziert werden, denen es noch nicht ganz so schlecht geht? Vermutlich trägt jeder Mensch beide Anlagen in sich. Mitgefühl, Verständnis, Hilfsbereitschaft, all das, was zu harmonischem Zusammenleben beiträgt. Gleichzeitig aber auch Egoismus und Rücksichtslosigkeit, die Voraussetzungen, um sich in ungezähmtem Kapitalismus durchzuschlagen.

Springt jemand aus großer Höhe ins kalte Wasser, setzt dabei sein eigenes Leben aufs Spiel, um einen Ertrinkenden zu retten, zweifellos wird ihm Anerkennung und verdienter Respekt zuteil. Wie denken wir gleichzeitig jedoch über einen Menschen, der sich selbst in finanzielle Schwierigkeiten bringt, um einem Freund aus der Patsche zu helfen? Wie viele von uns würden für ein derartiges Opfer Verständnis aufbringen? Wie viele würden hingegen sagen, dass es unüberlegt war, das eigene Geld zu verschenken. Dass doch jeder für sich selbst sorgen müsse. Wenn jemand in einem Schuldenberg zu ertrinken droht, wenn er seine Miete nicht mehr bezahlen kann, wenn der Hausbesitzer in die Wege leitet, ihn zusammen mit seiner Frau und seinen Kindern auf die Straße zu setzen, dann wird das schon alles seine Richtigkeit haben. Ich habe es bis jetzt ja auch geschafft, meine Rechnungen pünktlich zu begleichen. Mir ist es letztendlich auch gelungen, meinen Arbeitsplatz zu erhalten.

Natürlich ist es ein Bestandteil unseres Systems, dass jeder erst einmal für sich selbst sorgen muss. Dass sich jeder vor Schmarotzern, die es ja auch tatsächlich zur Genüge gibt, zu schützen hat. Beginnt jemand, der wirklich über finanzielle Reserven verfügt, jenen zu helfen, denen es an Geld fehlt, wird nicht nur sein eigenes Vermögen rasch dahinschmelzen, an der Lebenssituation derer, die immer wieder seine Hilfe in Anspruch nehmen, wird sich langfristig nicht viel ändern. Lottomillionäre, die unüberlegt mit ihren Freunden teilen, wissen ein Lied davon zu singen. Am Ende verlieren sie sowohl ihr Geld als auch die „Freunde“, denen ein Geschenk von 10.000, 20.000 oder 50.000 Euro immer noch zu wenig erschien.

Dann gibt es noch eine Zahl geschickter Gauner, die es verstehen, das Mitgefühl ihrer Mitmenschen in unverschämter Weise auszunützen. Der angebliche Tourist in Rio de Janeiro, der gezielt nach Landsleuten Ausschau hält und ihnen vorlügt, gerade ausgeraubt worden zu sein. Der Bettler in Indien, der sich selbst Wunden zufügt, um auch ja Mitleid zu erregen. Der angeblich Verletzte, der, sobald sich ein Helfer findet, ein Messer zückt und seinen Retter ausraubt.

Es gibt wirklich Gründe, die zwingend zum Abstumpfen menschlicher Gefühle führen. Und wenn es auch nur der alte Bekannte ist, der uns zum x-ten Mal um Geld bittet, das er dann umgehend auf der nächsten Pferderennbahn oder im Kasino verzockt.

So wie die Natur es von jedem Lebewesen verlangt, sich an veränderte Bedingungen anzupassen, so muss auch der Mensch lernen, in seiner jeweiligen Umgebung zu überleben. Entspricht es in einem entlegenen isolierten Dorf der Tradition, dass jeder seinen Beitrag leistet, wenn die Situation es erfordert, würde der Egoist zum Außenseiter werden. In der Großstadt hingegen, so heißt es, ist jeder für sich selbst verantwortlich. Dafür gibt es ja auch Gesetze, Regelungen, Versicherungen, Unterstützungen. Hier dominiert die sogenannte Leistungsgesellschaft. Für Manche dient Komfort als Ansporn, sein Bestes zu geben. Für Andere ist es die Hoffnung, den gewohnten Standard zu erhalten. Und für wiederum Andere geht es darum, nicht auf die unterste Stufe abzurutschen, Teil jener mittlerweile 15,5 Prozent der Deutschen zu werden, die als unterhalb der offiziellen Armutsgrenze lebend gelten.

Wie denken wir über die vielen Millionen, die es nicht schaffen, ein Einkommen zu erzielen, das dem Durchschnitt entspricht? Betrachten wir sie als faul, als schlecht ausgebildet, als unzuverlässig? Geben wir uns dem Glauben hin, dass es ihnen einfach an Initiative fehlt? Zweifellos handelt es sich um Menschen, denen es nicht gelungen ist, sich an die gegebenen Voraussetzungen anzupassen. Natürlich übersteigt es unser aller Möglichkeiten, an der Situation etwas zu ändern. Doch wie oft fragen wir uns, ob in unserer Gesellschaft nicht irgend etwas schiefgelaufen ist, wenn ein Sechstel unserer Mitmenschen mit weniger als 700 Euro im Monat sein Auslangen finden muss?

Gewiss ist es leichter, die Frage zu verdrängen, anstatt eine Antwort zu suchen. „Aber, den Hartz-IV-Empfängern geht’s doch gar nicht so schlecht. Alles kriegen sie bezahlt und dazu noch mehr als 300 Euro ‚Taschengeld’. Ich selbst schufte Tag für Tag, und nachdem die Rechnungen einmal bezahlt sind, bleibt mir ja auch nicht viel mehr übrig.“ Leider entsprechen derartige Überlegungen sogar den Tatsachen. Trotzdem denken wir nicht gerne darüber nach, wie rasch es jedem von uns ähnlich ergehen könnte. Heute ist es noch jeder Sechste, der als arm gilt. Wenn es nicht bald zu einer grundlegenden Veränderung der wirtschaftlichen Situation kommen wird, mag es in naher Zukunft jeder Fünfte sein, und dann jeder Vierte und irgendwann die Hälfte der Bevölkerung, deren Leben nur noch von Hoffnungslosigkeit überschattet ist.

Ich möchte an dieser Stelle bemerken, dass es keineswegs an Konsumgütern fehlt. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, haben auch die Ärmsten noch ein Dach über dem Kopf, verfügen über Kleidung, wenn auch nicht der neuesten Mode entsprechend, und des Hungertodes erliegen in Deutschland gewiss nicht viele. Wenn es an diesem System etwas zu hinterfragen gibt, dann ist es die Leistung, die gefordert wird, und die Einstellung gegenüber jenen Menschen, die es nicht mehr schaffen, sich sprichwörtlich „über Wasser“ zu halten.

Offensichtlich stehen genügend Häuser und Wohnungen zur Verfügung. Schlendern wir durch Einkaufszentren oder Supermärkte, finden wir uns mit einem Überangebot an praktisch allem konfrontiert, was der Mensch braucht oder gerne hätte. Nachdem all dies verfügbar ist, warum stehen dann trotzdem so viele unter Druck? Warum ist es nicht möglich, miteinander zu leben, anstatt in gegenseitigem Konkurrenzkampf? Die moderne Struktur der Wirtschaft führt zwingend zu Arbeitslosigkeit. Maschinen ersetzen die menschliche Arbeitskraft. Die Konkurrenzfähigkeit von Unternehmen verlangt nach Rationalisierung, was letztendlich bedeutet, dass jedem Arbeitnehmer mehr abverlangt wird. Nicht unwesentlich trägt auch der Import von Waren aus Ländern, in denen ein Arbeiter nicht mehr als ein paar Euro pro Tag kostet, zu dieser Situation bei.

So wie vor jeder Schlacht feststeht, dass ein Teil der Soldaten fallen wird, so handelt es sich um keine unvorhergesehene Entwicklung der Wirtschaft, dass es für einige Millionen einfach keinen Arbeitsplatz gibt. Die daraus resultierende Konsequenz, dass die Reallöhne für verfügbare Arbeitsplätze absinken, basiert auf dem Prinzip von „Angebot und Nachfrage“. Bewerben Sie sich um einen Job, der Ihrer Meinung nach mit 3.000 Euro pro Monat honoriert werden sollte, ein Dutzend Mitbewerber mit ähnlicher Qualifikation erklärt sich jedoch bereit, die Arbeit für ein Gehalt von 2.000 Euro anzunehmen, dann werden Sie sich wohl in Ihren Forderungen danach ausrichten müssen.

Bleibt hier noch Spielraum für menschliche Gefühle? Kann sich etwa jemand leisten, die offene Stelle jemandem zu überlassen, der noch dringlicher ein Einkommen braucht? Darf sich der Bankangestellte erlauben, einem Schuldner gegenüber einfach deswegen großzügig zu sein, weil er für dessen unverschuldete Misere Verständnis aufbringt? Steht es einem Gerichtsvollzieher offen, sein Mitgefühl sprechen lassen, wenn er seine „Pflicht erfüllt“ und einer Familie die Möbel pfändet?

Was denken wir über den Werbepsychologen, dem es gelungen ist, durch eine auf Kinder abzielende Werbekampagne deren unhaltbares Verlangen nach einem bestimmten Spielzeug zu wecken? Verachten wir ihn, weil er Unstimmigkeiten in Familien bringt, deren Mittel zu knapp sind, um Geld für solchen Unsinn auszugeben? Oder bewundern wir ihn seines Erfolges wegen?

Bringen wir dem neu eröffneten Großmarkt, der nicht nur ein unübertreffliches Sortiment an Waren offeriert, sondern auch 200 neue Arbeitsplätze schafft, Bewunderung und Anerkennung entgegen oder fühlen wir mit den vielen kleinen Ladenbesitzern in der Umgebung, die mit dieser Konkurrenz nicht mithalten können, Konkurs anmelden und ihre Arbeitskräfte entlassen, deren Zahl in Summe deutlich größer ist als die Neueinstellungen im Großmarkt?

Wie leicht laufen wir Gefahr, nachdem unsere gesamte Umwelt gleichermaßen reagiert, derartige Denkweisen als natürlich, als normal, als dem Kern des Menschen entsprechend, zu akzeptieren?

Fragen Sie sich einmal, ganz für sich selbst, welches der beiden folgenden Beispiele zu mehr innerer Befriedigung führt. Stellen Sie sich vor, es bittet Sie jemand um Hilfe. Er braucht ganz dringend 100 Euro, er will sie aber nicht geschenkt, sondern er bietet Ihnen einen goldenen Ring an, den er vom Finger zieht. Sie nehmen den Ring an, gehen damit zum nächsten Juwelier und verkaufen ihn um den doppelten Preis. Jetzt haben Sie die Wahl: Sie können diesem Menschen, der sich offensichtlich in einer Notsituation befindet, damit überraschen, dass Sie ihm noch einen Hunderter aushändigen. Sie können sich aber auch über das gute Geschäft freuen und die Differenz behalten.

Ich kann nicht abschätzen, wie hoch der Anteil unter den Lesern sein mag, die sich für die erste der beiden Möglichkeiten entscheiden würden. Zweifellos werden einige es für logisch erachten, den Gewinn zu behalten. Ich glaube jedoch, wenn wir beide Szenarien im Geist durchspielen, dass die Freude, den notleidenden Mitmenschen durch moralisches Verhalten zu überraschen, unvergleichlich intensiver ist als jene, die ein nicht ganz so moralisch verdienter Hunderter mit sich bringt.

Wie lässt es sich jedoch erklären, dass Mitgefühl, sofern es sich nicht um unverschämte Ausnutzung dessen handelt, uns mehr Freude vermittelt als materieller Gewinn? Dem zur Zeit allgemein akzeptierten Weltbild entsprechend, sind wir Individuen unter Individuen. Wir lernen, dass wir einen Konkurrenzkampf bestehen müssen. Dass uns kaum jemand danach fragt, wo wir unser Geld herhaben. Bei dem alten Sprichwort, dass „Armut keine Schande sei“, scheint es sich mittlerweile hingegen um eher leere Wort zu handeln.

Die Yoga-Lehre bemüht sich zu erklären, dass Menschen nur auf dieser irdischen Ebene als voneinander getrennt erscheinen. Das eigentliche Selbst, die bewusste Lebensenergie, steht in direkter Beziehung zu allen anderen Wesen. Der Buddhismus unterlässt es, auf ein höheres Selbst oder auch eine Seele zu verweisen, erklärt aber doch, dass jede Handlung gegenüber anderen empfindsamen Wesen sich als Karma in unserem eigenen Schicksal verankert und wir das, was wir anderen angetan haben, eines Tages, in diesem Leben oder in einem folgenden, selbst erleiden werden. Dem Mattäus-Evangelium (25; 40) zufolge, soll auch Jesus erklärt haben: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Und der große deutsche Denker Schiller begann die zweite Strophe seiner „Ode an die Freude“ mit folgenden Worten: „Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein ..“

Es mag berechtigte Gründe dafür geben, den Kirchenfürsten vorzuwerfen, dass sie geistige Lehren für ihre eigenen politischen Zwecke missbrauchten. Wenn eine bestimmte Aussage in ihrem Kern jedoch mit dem auf Logik aufgebauten Buddhismus korrespondiert, gleichzeitig auch mit den Konzepten von Yoga, einer Lehre, die zur individuellen Selbstverwirklichung führt, dann sollte dies eigentlich zum Anlass gereichen, den tieferen Sinn einer solchen Auslegung zu hinterfragen.

Der moderne Mensch glaubt von sich, ein rational denkendes Wesen zu sein. Ungeachtet dessen, folgt der den alttestamentarischen Prinzipien vom „Auge für ein Auge“ und vom „Zahn für einen Zahn“. Er folgt den Praktiken des biblischen Josef, der eine Hungersnot vorhergesehen haben soll und Getreidevorräte anlegte. Und diese wurden (Genesis 47) zuerst gegen Geld an die Ägypter verkauft, dann gegen ihr Vieh und am Ende gegen ihr Ackerland ebenso wie gegen ihre eigene Freiheit. Der biblischen Beschreibung zufolge, endete das gesamte ägyptische Volk, mit Ausnahme der Priester, in besitzloser Leibeigenschaft.

Und derartigen Prinzipien folgt unsere moderne Wirtschaft. An solche Voraussetzungen hat sich unsere Gesellschaft angepasst. Wir haben uns daran gewöhnt, unter diesen Regeln zu leben. Wir haben gelernt, dass Großzügigkeit nicht zum Erfolg führt. Nachdem die Mehrzahl unserer Mitmenschen in uns den Konkurrenten sieht, bleibt uns meist auch nichts anderes übrig als uns als Konkurrent zu verhalten. Wo all dies letztendlich hinführt, erkennen wir, wenn wir einfach einmal darüber nachdenken, dass es einige Leute gibt, die mit Milliarden an den Börsen spekulieren, während Millionen ihre letzten Groschen zusammen kratzen, um für die nächste Tage Essen zu kaufen.

Es mehren sich die Anzeichen dafür, dass sowohl das auf Expansion aufgebaute Wirtschafts- als auch das Geldsystem an ihre Grenzen gestoßen sind. Es mag sein, dass dies, falls Geld seinen Wert verliert und die Läden plötzlich geschlossen bleiben, weil es keine Kaufkraft mehr gibt, zu vorübergehenden empfindlichen Konsequenzen für alle Menschen führen könnte. Mit Sicherheit werden Gruppen, die bereit sind, sich im Notfall gegenseitig zu helfen, mit den Problemen wesentlich leichter fertig werden als Leute, die glauben, ihre Nachbarn fürchten zu müssen.

Wäre es nicht wünschenswert, so ein Miteinander auch ohne Katastrophe neu zu erschaffen? Zweifellos. Doch wodurch sonst könnte ein Umdenken bewirkt werden? Dass ganz plötzlich eine kritische Masse von Einsicht überkommen werden könnte, lässt sich mit Sicherheit ausschließen. Gute Beispiele Einzelner machen selten Schule, solange der materielle Erfolg im Vordergrund steht. Solange wir Teil eines unmenschlichen, rücksichtslosen, unbarmherzigen Systems sind, stehen nicht viele Möglichkeiten offen, einfach Mensch zu sein. Aber, wenn wir auch nicht wissen wann, eines Tages soll ja auch dieses Kali-Yuga zu einem Ende kommen. Und in der Zwischenzeit steht es jedem Einzelnen ja immer noch offen, sich zumindest gelegentlich als Mensch zu erweisen.

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