Samstag , 25 Mai 2019
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Kali-Yuga – Das dunkle Zeitalter

time_square_nightNicht nur indische Texte aus der Antike verweisen auf die Abfolge verschiedener Zeitalter, beginnend mit einem „goldenen“ bis hin zum „dunklen“, in dem wir uns mittlerweile befinden sollen. Als Kriterien für das Kali-Yuga gelten der Verfall von Moral, gestörte Beziehungen zwischen Menschen, Materialismus, Lüge und Verbrechen. Der grauenhafte Massenmord an Jugendlichen in Norwegen, vom letzten Freitag, ließe sich durchaus zu den Auswüchsen zählen. Insbesondere während des 20. Jahrhunderts veränderte sich unsere Gesellschaft grundlegend. Und zwar nicht nur nach außen hin, sondern in ihrer innersten Denkweise.

Ich war noch keine zwanzig Jahre alt, als ich zum ersten Mal davon hörte, dass wir uns in einem „dunklen Zeitalter“ befinden sollten. Nachdem ich gewiss nicht der Einzige war, der so eine Behauptung spontan für Unsinn hält, möchte ich gleich zu Beginn meine damaligen Überlegungen zusammenfassen:

Dank der Erkenntnisse der modernen Wissenschaft, verfügen wir über ein Verständnis um die Welt, das jenes vergangener Generation deutlich übertrifft. Wie wenige Jahrhunderte ist es her, als der Großteil der Menschheit noch überzeugt war, die Erde sei eine Scheibe. Das Mittelalter mag in Dunkelheit versunken sein, doch nicht die Neuzeit. So dachte ich damals jedenfalls. Auch der Umstand, dass Straßen und Häuser auch nachts beleuchtet waren, dass wir bunte, bewegte Bilder auf Fernsehbildschirmen und Kinoleinwänden genießen konnten, bis hin zur strahlenden Neonreklame, führten meinen unreifen Teenager-Geist zur Überzeugung, dass genau das Gegenteil der Fall war. Mit Dunkelheit konnte diese moderne, aufgeschlossene Welt, mit all ihren Freiheiten und Zukunftsversprechungen, gewiss nichts zu tun haben.

Heute, fast vier Jahrzehnte später, mit noch heller erleuchteten Straßen und noch bunteren Werbeeffekten, bin ich mir allerdings der Schatten, die von grellem, künstlichem Licht überspielt werden, durchaus bewusst. Dunkelheit, im Sinne des Kali-Yuga, bezieht sich nicht auf die Abwesenheit sinnlich wahrnehmbaren Lichts, sondern auf das Ignorieren der geistigen Komponente des Seins. Mit Isaac Newton hat die Auffassung eines rein mechanischen Ablaufs der Ereignisse in unserem Universum eingesetzt. Entwicklungen sollen planlos aus sich selbst heraus entstehen. Ohne Grund und ohne Ziel. Und die gläubigen Anhänger des modernen Rationalismus warten bloß darauf, bis sich die Umwandlung „toter Materie“ in Leben als logische Fortsetzung des Urknalls „beweisen“ lassen wird.

Der indische Begriff „Kali-Yuga“ leitet sich von einem Dämon namens „Kali“ ab und nicht von der Göttin „K?l?“, obwohl diese im entsprechenden Zeitalter ihre Form verändert und ihre eigenen Kinder verschlingt. Wann das Kali-Yuga einsetzte, ist umstritten. In der Epik von Mahabarata wird es als Entwicklung der Zukunft beschrieben. Verfasst wurde dieser Text, zu hoher Wahrscheinlichkeit, 3067 v. Chr. Dieses Jahr lässt sich deswegen so exakt bestimmen, weil insgesamt 140 Sternenkonstellationen, einschließlich einer Sonnenfinsternis, Erwähnung finden. Für jedes einzelne dieser Himmelsereignisse bieten sich verschiedene Daten an. Alle zusammen finden sich jedoch nur in diesem bestimmten Jahr.

Zu dieser Zeit soll, dem Text entsprechend, die inkarnierte Gottheit Krishna auf Erden geweilt haben. Es heißt, er sei der letzte Bote des vorangegangenen Zeitalters, Dvapara-Yuga, gewesen. Die davor liegende Epoche wird als Treta-Yuga, und das erste der vier Zeitalter als Satya-Yuga bezeichnet. Am Ende des Kali-Yuga soll ein neues Satya-Yuga (Satya = Wahrheit) folgen.

Auch wenn die Zeitangaben nicht übereinstimmen, so finden sich auch in der Tradition der nordamerikanischen Hopi-Indianer vier Epochen. Dieser Überlieferung entsprechend, gab es als erstes das „Goldene Zeitalter“, dessen positive Kriterien mit denen des Satya-Yuga durchaus korrespondieren. Eine Feuerkatastrophe (möglicherweise die Explosion eines Supervulkans) brachte das Ende. Es folgte das „Silberne Zeitalter“ bis zur Zerstörung durch Eis. Die nächste Epoche wird von den Hopis „Kupfernes Zeitalter“ genannt und endete durch eine Flut.  Jetzt leben wir, so die Hopis, im „Eisenzeitalter“, dem wieder ein „goldenes“ folgen wird.

Sowohl die Hindus als auch die Hopis gehen davon aus, dass sich die negativen Erscheinungen des Kali-Yuga oder Eisenzeitalters in der Endphase intensivieren werden.

Für die Nennung der Kriterien greife ich auf die Epik von Mahabarata zurück. Folgende Punkte werden genannt:

  • Herrscher werden von Unvernunft geleitet und außerordentlich hohe und ungerechte Steuern einheben.
  • Herrscher werden sich von geistigem Wissen abwenden, ihre Untertanen nicht mehr beschützen und werden eine Gefahr für die ganze Welt darstellen.
  • Durch Hunger (oder wirtschaftlicher Not) werden Völkerwanderungen einsetzen.
  • Menschen werden einander im Zorn begegnen und ihre gegenseitige Feindschaft offen zur Schau stellen.
  • Traditionelle Lehren werden ignoriert.
  • Morde ohne jegliche Rechtfertigung werden begangen und die Menschen werden stolz darauf sein.
  • Sexuelle Ausschweifungen und Promiskuität werden um sich greifen und als wichtiges Element des Lebens betrachtet.
  • Tugenden werden durch Sünden abgelöst.
  • Menschen werden sich dem Genuss von Alkohol und Drogen hingeben.
  • Weise Menschen und spirituelle Lehrer (Gurus) werden keine Anerkennung finden.
  • Die Angehörigen der verschiedenen sozialen Schichten werden ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen. Frauen werden sich mit Männern aus niedrigeren Gesellschaftsschichten vermischen.

Zweifellos lässt sich eine Intensivierung der angeführten Punkte während der vergangenen Jahrzehnte beobachten. Vom derzeitigen Standpunkt aus betrachtet, könnte man davon ausgehen, dass all dies eben in der Natur des Menschen läge. Dass es den Führern von Staat und Kirche früher einfach gelungen sei, diese natürlichen Tendenzen im Volk zu unterdrücken, während sie sich selbst ungehemmt der Dekadenz hingaben. Nachdem das Kali-Yuga schon vor Jahrtausenden seinen Anfang genommen hatte, wäre diesem Argument gegenüber auch gar nichts einzuwenden. Inwieweit Habgier, Mordlust und Ignoranz tatsächlich in der Natur des Menschen verankert sind, dabei handelt es sich um eine Frage, die eine nähere Analyse verdient.

Mit Sicherheit zählt egoistisches Streben nach Erfüllung von Sinnensfreuden zu den verfügbaren Eigenschaften des Menschen und zeigt sich in individuell unterschiedlicher Ausgeprägtheit. Doch zählen nicht auch Hilfsbereitschaft, Mitgefühl, Freundschaft, Ehrlichkeit und Liebe zu den menschlichen Eigenschaften? Könnte es sein, dass jeder Mensch sowohl die Keime für egoistisches Verhalten als auch für ein harmonisches Gemeinschaftsdenken in sich trägt? Könnte es sein, dass all das, was wir von frühester Kindheit an in unserer Umgebung beobachten, dazu beiträgt, welche der gegensätzlichen Eigenschaften die Oberhand gewinnt?

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass jedes Gefühl für Hilfsbereitschaft verkümmert, wenn solche immer nur angeboten, kaum jedoch selbst empfangen wird. Es könnte die Zahl der Enttäuschungen sein, die zu Misstrauen gegenüber den Mitmenschen führt. Sind es nicht überwiegend eigene Erfahrungen und Erlebnisse, die uns zu dem machen, was wir sind?

Ich erinnere mich an keine näheren Zusammenhänge, doch zeigten einige utopische Filme Gesellschaften auf fernen Planeten, in denen das Leben von einem innigen Miteinander geprägt wurde. Vergessen wir all die Umstände, die auf unsere derzeitigen Lebensbedienungen Einfluss ausüben. Stellen wir uns einfach vor, wir lebten innerhalb einer isolierten Gruppe. Nicht durch Zwang, sondern durch Einsicht kommt jeder seiner Aufgabe nach. Die Früchte der Arbeit werden zumindest soweit geteilt, dass jeder über das verfügt, was er braucht. Die Menschen stehen nicht in Konkurrenz zueinander, bemühen sich nicht, sich gegenseitig durch Kleidung, Schmuck oder ähnliche Äußerlichkeiten zu übertreffen. Niemand würde auch nur im Ansatz daran denken, den anderen Mitgliedern der Gemeinschaft zu schaden. Haustüren bleiben unverschlossen, denn niemand stiehlt. Niemand lügt. Niemand ist daran interessiert, seine Brüder und Schwester zu übervorteilen, auszunützen. Wäre eine derartige Harmonie wirklich so unvorstellbar?

matrimandirNehmen wir die heutige Zeit als Rahmen, die verbreitete Prägung der Denkweise, so erscheint ein Zusammenleben, wie soeben beschrieben, nicht wirklich als durchführbar. Es gibt Beispiele von Gruppen, etwa im indischen Auroville, unweit der Stadt Pondicherry in der im Süden gelegenen Provinz Tamil Nadu, wo ein soziales Experiment von einer Menge unerfreulicher Begleiterscheinungen überschattet wird. Gegründet wurde Auroville 1968 von der Gefährtin Sri Aurobindos, Mirra Alfassa. Die mit voller Begeisterung aufgenommene Idee war, einen Ort zu schaffen, an dem bis zu 50.000 Menschen aus aller Welt friedlich zusammen leben können, frei von Zwängen und Dogmen, vereint durch den gemeinsamen Wunsch nach spirituellem Verständnis.

Schon kurz nach ihrem Tod, 1973, setzten Streitigkeiten zwischen dem, in Pondicherry beheimateten, Aurobindo-Ashram und der Siedlung Auroville ein. Es folgte ein rasches Ende der Zusammenarbeit.

Die Funktionäre Aurovilles legen ein Verhalten an den Tag, das dem der ehemaligen englischen Kolonialbeamten gleichen könnte. Während es sich bei einem, vielleicht sogar dem größeren, Teil der Bewohner tatsächlich um Menschen handelt, die Idealen zu folgen versuchen, findet sich gleichzeitig auch eine nicht geringe Zahl ausgeprägter Egos. Von der erwarteten Harmonie ist leider nicht viel zu finden.

Viele jener menschlichen Eigenschaften, die nicht zu den positiven zählen, werden noch dazu durch gezielte Manipulation genährt. Damit meine ich insbesondere die Flut von kommerzieller Werbung und den ideologischen Einfluss unzähliger Spielfilme. Unsere moderne Wirtschaft braucht Menschen, die unzufrieden sind, die sich gegenseitig misstrauen, die in Konkurrenz zueinander stehen. Würde ein bestimmter Anteil der Bewohner eines Landes tatsächlich Wege finden, die ursprünglichen Pläne Aurovilles andernorts zu verwirklichen, wie würde das Bruttosozialprodukt darunter leiden? Was für Umsätze werden von so vielen Branchen dank ausgeprägten Sexualverhaltens erzielt? Die Palette reicht vom Lippenstift bis zum zu teuren Auto. Wie würden die Gewinne der Versicherungsbranche schrumpfen, gäbe es nur ehrliche Menschen. Wenn Nachbarn sich gegenseitig helfen würden, sobald ein Haus abgebrannt ist, anstatt zu sagen: „Selber schuld. Hätte er doch eine Versicherung abgeschlossen.“

Ein positives soziales Beispiel unserer Zeit ist also kaum zu finden. Denn es ist nicht nur ein Land, sondern unsere Zivilisation, die das Kali-Yuga durchlebt. Suche ich nach Beispielen aus der Vergangenheit, als der Verfall vielleicht noch nicht so fortgeschritten war, fehlt der Gesamteindruck. Genügend negative Beispiele lassen sich in Geschichtsbüchern finden. Gibt es über eine bestimmte Region zu einer bestimmten Zeit keine Berichte, so bleibt es trotzdem Spekulation zu vermuten, dass die Historiker deswegen nichts zu erzählen haben, weil die Menschen in Harmonie gelebt hätten, anstatt sich gegenseitig auszunützen oder abzuschlachten.

Wir können die Zeit weder vor- noch zurückdrehen. Wir können die Gesellschaft nicht verbessern. Sri Swami Sivananda schrieb diesbezüglich als ersten Satz einer Reihe gut gemeinter Ratschläge: „Ändere DICH. Die Gesellschaft wird sich von selber ändern.“

Was jeder Einzelne, sofern ihm daran gelegen ist, tun kann, wäre, sich vom Verfall nicht mitreißen zu lassen. Jedem steht es zu, den Zeitgeist zu analysieren, zu hinterfragen, zu durchschauen. Es ist unser aller Recht, Ehrlichkeit mehr Respekt entgegen zu bringen als nach außen hin glänzendem Erfolg. Wir dürfen verbreitete Lügen als solche erkennen. Niemand zwingt uns dazu, dass wir uns dem Urteil anderer anschließen.

Weder von unseren Politikern noch von den tatsächlichen Herrschern dürfen wir erwarten, dass sie uns auf den richtigen Weg weisen. Im Gegenteil. Solange es Umsätze bringt, werden gerade die negativen Eigenschaften angesprochen und kultiviert. Es wird uns vorgekaut, was zu Glück und Erfüllung führt. Und wenn es unsere Vorfahren anders gesehen haben sollten, dann waren sie halt eingeschränkt, manipuliert und unterdrückt. Wir werden glauben gemacht, dass der Mensch ein Recht darauf hätte, seine negativen Seiten auszuleben. Nur weltliche Gesetze zählen, wie schon Victor Hugo es einen Polisten sagen ließ („Es gibt keinen Gott. Es gibt nur ein Gesetz, Schuld und Unschuld!“ – aus „Les Miserables“). Ansonsten dürfen wir einander Misstrauen entgegenbringen und jedes legale Mittel einsetzen, einen Vorteil über unsere Mitmenschen zu erzielen. Wir dürfen, aber wir müssen nicht. Jedem steht es zu, die Entscheidung für sich selbst zu treffen. Und die Hoffnung, dass sich die Gesamtsituation eines Tages vielleicht doch ändern könnte, brauchen wir nicht aufzugeben. Vielleicht wird das Kali-Yuga noch zu unserer Zeit, wenn auch unter Geburtsschmerzen, von einem neuen Satya-Yuga abgelöst.

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