Mittwoch , 30 September 2020
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Meditation – Die Suche nach dem “höheren Selbst“

meditation_markusoEs gibt eine große Zahl verschiedener Techniken der Meditation. Als Gemeinsamkeit könnte man die nach innen gerichtete Aufmerksamkeit nennen, auch wenn ein bestimmtes Objekt im Geist fokussiert wird. Im vorliegenden Artikel befassen wir uns mit jener Art, die dem Rahmen der Yoga-Lehre zugehörig ist. Wie die Leser dieser Serie vermutlich bereits feststellen konnten, gehört es zu den Zielen der Yoga-Praxis, das eigene Selbst zu erkennen. Die Lehre geht davon aus, dass wir uns von zwei verschiedenen Blickwinkeln aus betrachten können. Im täglichen Leben, in der Konfrontation mit der Umwelt, dominiert jenes Ich, das als Ego bezeichnet wird. In der Zurückgezogenheit, im Zustand der Meditation, lernen wir Schritt um Schritt uns des anderen Ichs, des (höheren) Selbst, bewusst zu werden.

Auch für Meditations-Übungen ist es natürlich empfehlenswert, sich in einen ruhigen Raum zurückzuziehen und womöglich einen Yoga-Sitz einzunehmen. Brennende Kerzen und Räucherstäbchen helfen, jene Atmosphäre zu schaffen, in der das Loslösen von den Gewohnheiten des Alltags wesentlich leichter fällt.

Wenn ich hier eine bestimmte Technik erläutere, dann soll dies keineswegs bedeuten, dass andere Arten der Meditation weniger wertvoll sind. Selbstverständlich ist auch alles, was ich selbst zum Thema Yoga hier wiedergebe, irgendwo anders bestimmt schon einmal gesagt oder geschrieben worden.

Ziehen wir uns zur Meditation zurück, so werden wir, ebenso wie bei Konzentrationsübungen, erst einmal feststellen, dass der eigene Geist nicht zur Ruhe kommen will. Gedanken drängen sich auf, entwickeln ihre eigene Dynamik, und oft stellen wir erst nach Minuten fest, dass wir uns völlig in Wachträumen verloren haben.

Wenn ich beschließe, meine Gedanken zu beenden, um meine Aufmerksamkeit nach innen zu richten, und trotzdem gebe ich mich wirren Gedanken hin, welche Instanz innerhalb von mir selbst ist es, die mein Vorhaben boykottiert?

Nicht nur im Sprachgebrauch des Yoga, in praktisch jedem östlich beeinflussten Konzept zur Selbstfindung, wird jenes Ich, das über unser Handeln im täglichen Leben bestimmt, als „Ego“ bezeichnet. Zum Unterschied vom „Selbst“. Sosehr sich das Ego mit seinen Eigenschaften, seinen Stärken und Schwächen, seinen Zielen und seinen Emotionen beschreiben lässt, so schattenhaft sind die Vorstellungen des Selbst, diesem Kern unserer eigenen Existenz, der irgendwo in unserem Inneren schlummert. Und dabei lässt sich nicht einmal eine Richtung angeben, wenn wir dieses sogenannte „Innere“ suchen.

Vorige Woche habe ich über das Bewusstsein berichtet, das sich als solches nicht wahrnehmen lässt. Trotzdem wissen wir zweifelsfrei, dass es Bewusstsein gibt, andernfalls Wahrnehmung, oder auch das Hinterfragen der Existenz von Bewusstsein, nicht möglich wäre. Ähnlich verhält es sich mit dem Selbst. Der erste Schritt im Erkennen des eigenen Selbst ist die Beobachtung des Ego, das so oft – ohne wirklich von uns willentlich kontrolliert zu sein – Gedanken führt, Gefühle empfindet, Ziele anstrebt. Allein der Umstand, dass es mir gelingt, meinen eigenen Geist zu beobachten, beweist mir selbst, dass es eine weitere Instanz, ein „höheres Ich“, in mir geben muss.

Einen Spiegel erkennen wir an der Reflexion, das Bewusstsein durch die Wahrnehmung und das Selbst durch das Beobachten des Egos.

Ich nehme an, Sie geben mir recht, dass wir im täglichen Leben selten mit derartigen Überlegungen konfrontiert werden. Dazu dient die Meditation. Gleichzeitig möchte ich aber auch feststellen, dass es sich bei diesem Ego, das sich so oft zu verselbständigen scheint, keineswegs um etwas Negatives handelt. Auch wenn es der Sitz unserer Schwächen und fehlgeleiteten Motivationen ist, so ist es gleichzeitig aber auch der Steuermann, der uns durchs tägliche Leben manövriert. Als Selbst werde ich dem Ego, solange ich es bewusst beobachte, zwar nicht gestatten, sich einem Wutausbruch hinzugeben, weil es gerade in seinem Stolz gekränkt wurde, trotzdem ist mein Überleben als lebendiges (inkarniertes) Wesen durchaus von diesem Alltags-Ich abhängig.

Was die meisten von uns als Meditation kennen, ist das restlose Abschalten. Das Einstellen der Gedanken. Das Loslösen von der äußeren Wahrnehmung. Tauchen Gedanken auf, dann helfen mir solche, mir des Selbst bewusst zu werden, indem ich zwischen dem meditierenden Ich und dem unerwünscht denkenden Ich unterscheide. Trotzdem vermeide ich es, mich wiederum in jenen Gedanken zu verlieren, die aus der Beobachtung der Aktivitäten des eigenen Geists entstehen könnten. Ich lasse die Gedanken an mir vorbeiziehen. Was bleibt ist eine tiefe Stille.

Welchem Zweck dient das Hingeben an die Wahrnehmungslosigkeit? Welche Schlüsse lassen sich nachträglich daraus ziehen? Verbessert sich etwas an meiner Qualität als Mensch, wenn ich viele Stunden in Meditation verbringe?

In dieser Art der Meditation befinden wir uns in einem Bewusstseinszustand, den wir andernfalls niemals erleben. Er ist dem traumlosen Schlaf ähnlich. Doch, im Unterschied dazu, ist unser Bewusstsein wach. In solchen Momenten geben wir uns einem Zustand hin, der in Sanskrit Ananda genannt wird.

Es widerstrebt mir, die deutsche Übersetzung für dieses Wort, Ananda, anzuführen. Auf englisch wird es „Bliss“ genannt, eine Bezeichnung, die sich deutlicher auf diesen Zustand, auf dieses ungestörte Wohlempfinden bezieht. Wird es in seiner reinsten Form erlebt, spräche nichts einem Fortsetzen in alle Ewigkeit entgegen. Jede Sehnsucht nach Konfrontationen, nach Erlebnissen, nach Abwechslung verschwindet. Und wie lautet nun die deutsche Übersetzung? Glückseligkeit. Ich weiß nicht wie es Ihnen ergeht, doch meine eigenen Assoziationen mit Glückseligkeit korrespondieren keineswegs mit dem, was ich soeben beschrieben habe.

Je öfter und je intensiver es uns gelingt, diesen Zustand der inneren Ausgefülltheit während der Meditation zu erleben desto mehr erkennen wir, wie wertlos so vieles in unserem Leben ist, das wir gewohnt sind anzustreben. So viele Sehnsüchte, Wünsche und Hoffnungen verblassen. Ängste lösen sich auf. Was wir ansonsten als Leid oder als Schmerz empfinden, erkennen wir plötzlich als völlig bedeutungslos.

Ich glaube, genau hierin liegt ein Widerspruch sowohl zum modernen Zeitgeist als auch den Idealen der westlichen Welt. Denken wir an einen jungen erlebnishungrigen Menschen und versuchen ihn zu überzeugen, dass wahres Glücksempfinden im Inneren unserer Seele – ohne Zutun der Umwelt – auf uns wartet, so werden wir, zumindest in den meisten Fällen, kaum seine Begeisterung wecken. Vielleicht könnte er sich selbst noch in die Rolle eines Gurus versetzen, der sich der Bewunderung seiner Schüler erfreut. Aber einfach, ganz für sich alleine, von Glücksgefühl erfüllt zu sein, ich fürchte, dabei handelt es sich für viele Menschen um kein erstrebenswertes Ziel. Die Prioritäten liegen anderswo.

Es liegt mir fern, diese soeben erwähnte Einstellung zum Leben beziehungsweise zur eigenen Existenz zu kritisieren. In den vedischen Schriften findet sich sogar eine ausgezeichnete Erklärung dazu. Demzufolge teilt sich das Leben des Menschen in vier Abschnitte. Der erste dauert etwa 25 Jahre und dient der Erziehung und Ausbildung. Der zweite Abschnitt dauert ebenfalls rund 25 Jahre und dient dem Erleben, den Erfahrungen und dem Ansammeln von Vermögen. Erst danach, erst im dritten Abschnitt, sollte dem Erkennen der eigenen Seele Vorrang eingeräumt werden. Der vierte und letzte Abschnitt wird Befreiung genannt, das volle Verständnis um die Geheimnisse des Seins.

(Auch Goethes Faust suchte danach, zu „erfahren was die Welt im Innersten zusammenhält“. Und die Kernfrage von Heideggers „Sein und Zeit“ lautet: Warum ist Sein und nicht Nicht-Sein?)

Natürlich ist nicht jeder, der Yoga oder Meditation praktiziert, wirklich auf der Suche nach dem endgültigen Loslösen von der materiellen Welt. Doch handelt es sich einerseits ohnehin um einen sehr langen Weg und, andererseits, auch das Erfüllen seiner täglichen Verpflichtungen, das Ausüben des Berufes, das Zusammenleben mit seiner Familie und anderen Mitmenschen, finden in einem Konzept, das Karma-Yoga genannt wird, Beachtung. Karma bedeutet „Wirken“ oder „Handeln“. Wer Karma-Yoga praktiziert, führt seine Handlungen im täglichen Leben fort. Der einzige Unterschied liegt darin, dass er des Handelns wegen handelt – und nicht der Früchte wegen. Und, außerdem, ohne seine Beziehungen zur materiellen Welt restlos aufzugeben, ist es durchaus angenehm, eine gewisse Distanz zu all den täglichen Konfrontation zu finden. Sich nicht wie ein Spielball des Schicksals durch die Ereignisse getrieben zu fühlen. Sich weder von ungerechtfertigten Ängsten quälen noch von Lächerlichkeiten euphorisch mitreißen zu lassen. Wer regelmäßig meditiert, fühlt sich mit Sicherheit auch im Alltag ausgeglichener.

Auch wenn es nicht empfehlenswert ist, auf Visionen während der Meditation zu warten, auf solche zu hoffen, so treten sie doch hin und wieder auf. Plötzlich stellen sich Wahrnehmungen ein, die einem Traum gleichen. Dass Sie nicht wirklich träumen, wissen Sie deswegen, weil Sie aufrecht sitzen und den Kopf gerade halten. Wären Sie eingeschlafen, hätte ihre Genickmuskulatur nachgegeben und Ihr Kopf wäre nach unten gesunken. Stellen sich Visionen ein, nehmen Sie diese zur Kenntnis und denken Sie am Ende darüber nach. In manchen Fällen spielt Ihnen Ihr Geist schlicht einen Streich und was Sie wahrnehmen ist nichts anderes als Wunschdenken. Ein diesbezügliches Beispiel, das mir erzählt wurde, stammt von einem Mann, der sich in finanziellen Schwierigkeiten befand. In einer Vision erschien ihm, wie im Traum, sein verstorbener Vater und erinnerte ihn, einen Lottoschein zu kaufen. Natürlich hat er dies getan. Und natürlich hat er nicht gewonnen. Jemand anderer jedoch sah sich in einer ähnlichen Vision selbst mit einem Gewehr in der Hand. Vier nicht erkennbare Gestalten befanden sich in seiner Nähe. Eine Stimme fragte ihn, was er tue, und er erklärte, er bewache seine Feinde. Am Ende der Meditation wurde ihm bewusst, wer diese Feinde waren. Seine eigenen Schwächen: Stolz, Egoismus, Habgier und sein übersteigerter Sexualtrieb. Durch dieses Erlebnis wurde ihm erst bewusst, wie sehr er sich geweigert hatte, sich von diesen Schwächen zu lösen.

In der Yoga-Lehre wird üblicherweise ein Objekt angeführt, auf das sich die Meditation bezieht. Im beschriebenen Fall wäre es eine „Meditation auf das Selbst“. Zu diesem Selbst könnte noch sehr viel gesagt werden, und doch ist wirkliches Verständnis darüber mit Worten nur andeutungsweise zu vermitteln. So wie das Bewusstsein nur durch eigenes Erleben – und nicht durch intellektuelle Diskussion – in seiner wahren Form verstanden werden kann, so kann auch das Selbst nur erlebt und kaum wirklich beschrieben werden. Unsere Sprache ist auf das Leben in einer dreidimensionalen vergänglichen Welt ausgerichtet. Für Beschreibungen, die darüber hinausreichen, fehlt es an passenden Worten. Weder Bewusstsein noch Selbst lassen sich messen, vergleichen, darstellen. Beides lässt sich nur erleben. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, es lässt sich weder be-greifen noch er-fassen. Selbst für diesen alltäglichen, rein geistigen Vorgang, bedarf es der Umschreibung in Relation zu Aktivitäten der Hände.

Während wir in der Meditation auf das Selbst alle Objekte dieser Welt aus unserem Geist verschwinden lassen, befindet sich alles, was auf dieser Welt existiert, nicht außerhalb, sondern innerhalb des Selbst. So hat es mein Lehrer formuliert. Und so gebe ich es an Sie weiter und lasse Sie selbst darüber nachdenken.

Ausgewählte Yoga-Übungen und somit auch bestimmte Meditationstechniken sollten unverändert über längere Zeit durchgeführt werden. Es ist zwecklos, einige Tage auf diese und einige Tage auf jene Art zu experimentieren. Erst nach zumindest einigen Wochen ergibt es Sinn, Veränderungen, im Sinne von Erweiterungen, anzuwenden.

Somit erwähne ich abschließend nur einige Anregungen, worauf sich sonst noch, außer auf das Selbst, meditieren lässt. Sie können auf Ihre eigenen positiven Eigenschaften meditieren, um diese zu verstärken. Sie können auf andere Menschen meditieren, um mehr Verständnis oder Mitgefühl für sie zu entwickeln. Sie können auf einen Himmelskörper, auf die Sonne, meditieren, was zu einem tieferen Verständnis bezüglich der „Ausdehnung des Raumes“ führt.

Als kleinen Hinweis darauf, dass die Kombination zwischen Alltag und Meditation durchaus begrüßenswert ist, gebe ich noch eine jener kurzen Geschichten weiter, wie sie in Indien zur Veranschaulichung gerne erzählt werden:

Ein Schafhirte traf auf einen Einsiedler, der in einer Höhle lebte. „Was machst du den ganzen Tag?“, wollte der Schafhirte wissen. „Ich meditiere,“ antwortete der Eremit. „Und worauf meditierst du?“, gab sich der Hirte neugierig. „Auf Mitgefühl“, war die Antwort. Bevor sich der Schafhirte am späten Nachmittag mit seiner Herde zurückzog, suchte er nochmals den Einsiedler auf, um sich zu verabschieden. Er tat es mit folgenden Worten: „Es ist spät. Ich gehe jetzt. Und dir sage ich, dass du in der Hölle schmoren wirst.“ „Was fällt dir ein, mir mit der Hölle zu drohen?“, tat der Einsiedler seinen Ärger kund. Der Hirte lachte und erklärte: „Ich wollte eigentlich nur wissen, wie weit du mit deinem Mitgefühl bist!“

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