Freitag , 10 Juli 2020
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Die wahren Gründe für das Priester-Zölibat

schlossmirabellNachdem sexuelles Fehlerverhalten katholischer Geistlicher wieder einmal allgemeine Aufmerksamkeit erregt, wirft sich gleichzeitig die Frage auf: Ist es wirklich notwendig, dass katholische Priester dem Zölibat folgen? Warum werden Mitglieder der Kirche diesem, der Natur zuwider stehenden, Druck ausgesetzt? Je höher Kirchenfürsten im Rang standen, desto offener waren die „Geheimnisse“ um ihre Affairen. Das, im Bild zu sehende, Schloss Mirabell in Salzburg war schließlich die allgemein bekannte Residenz der Geliebten des Erzbischofs Wolf Dietrich. Dieser Artikel setzt sich nicht zum Ziel, die Fehler Einzelner zu behandeln, er befasst sich mit der Frage, was wollte der Vatikan damit bezwecken, seine Diener zur Enthaltsamkeit zu zwingen.

Eine klare Linie muss zwischen dem Leben als Priester und dem als Mönch gezogen werden. Wie schon erwähnt, setzt sich dieser Artikel nicht mit den Skandalen, von denen schließlich auch Mönche betroffen sind, auseinander, sondern mit den Gründen für das Priester-Zölibat (genaugenommen, der Zölibat, vom lateinischen caelebs). Eigentliches Ziel eines Ordensbruders ist schließlich die Loslösung vom weltlichen Leben, die Hoffnung, durch Hingabe an Gebet, Meditation und andere geistige Übungen, einer Erleuchtung näher zu kommen. Die Rolle des Priesters, hingegen, ist die des Ratgebers. Er lebt nicht in Isolation, sondern mit und unter Menschen. Vergleichen wir mit anderen Religionen, etwa dem Hinduismus, so folgen Swamis, also Mönche, der Enthaltsamkeit. Für Brahmanen, die sogenannte Kaste der Priester, Verwalter von Tempeln, ist diese zwar möglich, aber nicht bindend.

Kurz zur Ehe selbst: Im Mittelalter, je nach Region bis ins 18. Jahrhundert, war es nur einem Teil der Bevölkerung erlaubt, eine Ehe einzugehen (vgl. Wikipedia). Aus heutiger Sicht, würde man dies wohl als Ungerechtigkeit bezeichnen, unverständlich, tyrannisch. Der Grund dafür war jedoch die Aufrechterhaltung der sozialen Struktur. Ehe bedeutete, üblicherweise, Nachkommenschaft. Während in modernen Zeiten die Besitzlosigkeit, das Leben als unselbständig Erwerbstätiger, durchaus dem Normalfall entspricht, so verfügte, entgegen der allgemeinen Annahme, im Mittelalter rund die Hälfte der Menschen über Besitz. Damit meine ich nicht Reichtum. Solchen genossen, damals wie heute, nur sehr wenige. Doch, wenn auch dem wahren Grundherrn verpflichtet, so besaß der Bauer seinen Hof, der Wirt seine Wirtschaft, der Schuster seine Werkstatt. Vererbt wurde dieser Besitz meist an einen Nachkommen. Das Schicksal der jüngeren Kinder war die Unselbständigkeit. Knecht, Handwerksgeselle, Dienstbote oder auch der Eintritt in ein Kloster. Durch das Heiratsverbot für Besitzlose, wurde die Zahl der Mittellosen in Grenzen gehalten. Vor Beginn des Industriezeitalters gab es schließlich auch deutlich weniger Bedarf für Arbeitnehmer.

Die, von Papst Benedikt VIII, im Jahr 1022 ausgesprochene, Verordnung, die Priestern die Ehe untersagte, ging dabei auf eine wesentlich ältere Regelung zurück, die sich bis ins vierte Jahrhundert zurückverfolgen lässt. In der offiziellen Erklärung, ging es natürlich um die „Reinheit“. Bezüglich der wahren Gründe, lassen sich bloß Schlüsse ziehen; Logische Schlüsse.

Eine mögliche, durchaus noble, Erklärung wäre die Berufung. Söhne ergriffen den Beruf des Vaters. Einerseits, weil der Hof oder die Betriebsstätte zur Verfügung stand, andererseits, weil der Mensch einfach in diesen Beruf hineingewachsen ist. Der Sohn des Bauern mag ein guter Bauer sein, der Sohn des Schneiders, mag die Erwartungen, die an ihn gestellt werden, durchaus erfüllen. Doch ist ein junger Mann, bloß weil er der Sohn eines Priesters ist, ein Beruf, dem man zumindest damals enorme Verantwortung zugeschrieben hatte, schließlich war er der Ratgeber in allen Lebensbelangen, auch immer dazu prädestiniert, diesen Beruf auch wirklich auszuüben?

Nachdem Priester somit (zumindest offiziell) keine Söhne hatten, ließ sich der Nachfolger für die Pfarre unter denen suchen, die sich dafür wirklich bestimmt fühlten, die über die notwendigen Eigenschaften verfügten.

Und nun der zweite logische Schluss: Der Besitz des Vaters ging üblicherweise an den ältesten Sohn. Somit wäre auch die Pfarre, die Verwaltung einer Kirche, an den Sohn des Priesters, hätte dieser über offizielle Nachkommenschaft verfügt, übergegangen. Hier zeigt ein Blick nach Indien wiederum, dass die dortigen Tempel seit Jahrhunderten von der selben Familie betreut werden. In Indien gibt es aber, und gab es nie, eine zentralgesteuerte kirchliche Organisation, die sich als „Gottes Instrument auf Erden“ betrachtete, die das Ansehen als höchste Autorität genoss. Anders der Vatikan, der sogar Kaisern die Krone aufs Haupt setzte. Sobald ein Priester, ungeachtet, ob zu Recht oder zu Unrecht, beginnt, seine eigenen Auslegungen der christlichen Lehren zu predigen, kann ihn sein Vorgesetzter jederzeit abberufen. Die Gemeinde mag darüber vielleicht nicht immer glücklich sein, doch es entspricht der tausend Jahre alten Regel. Wäre eine Familie jedoch seit Jahrhunderten als Priester-Dynastie an einem Ort etabliert, wäre eine völlig andere Situation gegeben.

Religiöse Lehren, oder zumindest ihre Auslegungen, sind Veränderungen unterworfen, auch wenn diese nur langsam und oft unmerklich vonstatten gehen. Selten widerlegen wissenschaftliche Erkenntnisse den Kern religiöser Konzepte, mit Regelmäßigkeit jedoch veraltetes Verständnis. Symbolik und historische Tatsachen verschwimmen. Auf Unwissen basierende Missinterpretationen laden zu Kritik ein.

Während der vergangenen Jahrhunderte, ist es dem Vatikan gelungen, die allgemein verbreiteten Lehren so gut wie unverändert aufrecht zu erhalten. Denn alle Autorität zur Auslegung der Schriften, auf denen die katholische Religion basiert, oblag ausschließlich der Führung in Rom. Wer anderes zu behaupten versuchte, dem drohte die Exkommunikation, die bis vor gar nicht so langer Zeit ernsthaft gefürchtet wurde. Ob die Aufrechterhaltung überholter Auslegungen dem besseren Verständnis dient, lässt sich mit Sicherheit bezweifeln, und die Beziehung, die mittlerweile zwischen Volk und Kirche, gleichzeitig aber auch zwischen Mensch und Religion, in der westlichen Welt besteht, gibt letztendlich Zeugnis dafür. Eines ist dem Vatikan jedoch gelungen, und ich bin überzeugt, das Priester-Zölibat, das Verhindern eigenständiger Priester-Dynastien, hat seinen Beitrag dazu geleistet. Der Vatikan existiert auch heute noch in praktisch unveränderter Form. Wozu? Das wäre eine andere Frage.

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