Mittwoch , 30 September 2020
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Evangelikalismus – Eine Religion ohne geistige Anforderung

benny_hinnWem die Lehren der Katholischen Kirche zu modern sind, darf sich der, auch in Deutschland wachsenden, Gemeinde der Evangelikaner anschließen. Wie alt ist unsere Erde? Wissenschaftler haben keine Ahnung. Alles steht in der Bibel. Sie ist nicht älter als 6.000 Jahre. Jesus Christus steht im Zentrum, doch der Kern der Lehren entspringt dem Alten Testament. Die einzelnen Prediger agieren scheinbar unabhängig voneinander. Jeder glaubt, von Gott höchstpersönlich inspiriert zu sein. Ihre Show ist überzeugend, zumindest für diejenigen, die hingehen. 

Vielen ist dieser Begriff, Evangelikalismus, nicht einmal noch bekannt. Zwar dürften die Wurzeln dieser Glaubensrichtung in England um 1730 entstanden sein, doch, wie so vieles, populär wurde die Bewegung in den Vereinigten Staaten. Die Zahl der Gefolgschaft wird dort auf zwischen 9 und 17 Prozent der Bevölkerung geschätzt. Und was rückt diese Lehre in Deutschland plötzlich in den Vordergrund? Merkels Präsidentschaftskandidat Christian Wulff steht ihr nahe.

Die Evangelikaner verfügen, zumindest offiziell, über keine zentrale Koordinationsstelle, von der die Bibelinterpretationen gesteuert werden. Es gibt allerdings Agenturen wie den Evangelical Council for Financial Accountabilty, die sich um korrekte finanzielle Abrechnungen der steuerlich absetzbaren Spendengelder in Amerika bemüht. Doch nicht jede evangelikalische Organisation zählt zu deren Mitgliedern, wie etwa jene von Benny Hinn, auf den wir hier zu sprechen kommen.

Wer über sie berichtet, gar kritisiert, läuft Gefahr, zum Angriffspunkt zu werden. So wie einige Gruppen bekannter nichtchristlicher Religionen, finden sich auch immer wieder Evangelikaner, die sich diskriminiert fühlen. So wurde ein Schulbuchverlag gezwungen, vermeintliche antievangelikalische Passagen zu entfernen.

Mangels einer offiziellen Doktrin, lassen sich Schlüsse auf die Lehren nur anhand der einzelnen Vertreter ziehen. Und diese haben ihr Handwerk bestens gelernt. Wo? Wenn man sie fragt, so ist die Antwort für sie einfach: „Ich bin von Gott inspiriert!“

Dabei macht es relativ wenig Unterschied, ob sich der Prediger einer Audienz von Zehntausenden erfreut oder einfach hundert oder zweihundert Menschen. Meine erste persönliche Erfahrung mit Evangelikanern liegt zwei Jahrzehnte zurück. In einer aufgelassenen Fabrikhalle saß eine überschaubare Gruppe. Die Hälfte der Besucher hielt Bibeln in Händen. Dann kam der Star der Veranstaltung. Mit sanfter Stimme begann er zu sprechen. Seine Wortwahl war ausgezeichnet, der Klang überzeugend. Minute für Minute verfielen die Zuhörer in tiefere Faszination. Plötzlich stand der etwa 30jährige mit verklärtem Gesicht da, gab keinen Laut von sich, blickte in die Leere. Die Spannung stieg.

Er breitete die Arme aus und wendete den Kopf zur Seite. „Jetzt tritt der Heilige Geist ein. Er kommt von rechts. Fühlt den Heiligen Geist mit mir. Ja, oh Herr, es ist so unglaublich schön. Fühlt mit mir, meine Brüder und Schwester. Der Heilige Geist ist bei mir angelangt. Oh Herr, ich danke dir – es ist so wunderbar schön!“.

Und die Audienz fühlte mit ihm. Bibeln wurden hochgehalten, „halleluja“ wurde ausgerufen – und dem Prediger gelang es allen Ernstes, die hypnotische Stimmung auf gut eine halbe Stunde zu erhalten. Dass er sich am Ende in einem Luxusvehikel entfernte, mag nur ein Detail am Rande sein.

Der große Star in Amerika ist Benny Hinn. Ihm werden Sportstadien zur Verfügung gestellt. Meistens sind sie bis zum letzten Platz gefüllt. Seine Shows ziehen sich über Stunden, oft sogar über zwei Tage. Er nennt sie: Wunderkreuzzüge.

Auch hier halten die Besucher Bibeln in den Händen und rufen begeistert immer wieder „halleluja“. Welche Art von Menschen man trifft? Akademiker, Wissenschaftler, Geschäftsleute? Es hat sich noch niemand die Mühe gemacht, nach dem durchschnittlichen Intelligenzgrad zu forschen. Doch das Verhalten der Besucher, der Gesichtsausdruck, die immer wieder getätigten Äußerungen, sagen sehr viel darüber aus.

Benny Hinns Shows sind überzeugend. Große Orchester, Chöre mit Hunderten von Stimmen, mitreißende Vorredner, Lichteffekte, Geruchsessenzen. Es kann bis zu zwei Stunden dauern, bis der von allen so sehnsüchtig erwartete Star endlich auf die Bühne tritt. Benny Hinn – meist in weißem Anzug mit großen Kulleraugen und treuherziger Stimme. Der Jubel scheint nicht abzureißen.

Immer noch dauert es Stunden bis zum Höhepunkt. Bis die Lahmen und die Blinden, die Krebskranken und die Verzweifelten in den Vordergrund treten. Und siehe da, Benny Hinn heilt sie alle. Ach nein, es ist nicht er, es ist Gott persönlich, der durch ihn wirkt.

Nur selten findet sich ein Mitarbeiter, der aus der Schule plaudert. Der zu denen gehört, die die Sperrzonen für die Besucher einteilen, auf dass Menschen im Rollstuhl und andere offensichtlich Leidende, Menschen, die auf das versprochene Wunder hoffen, der Bühne nicht zu nahe kommen. Nur selten gibt es Reportagen, die den vermeintlichen Wundern nachgehen und immer wieder feststellen, dass die Frau im Rollstuhl nie gelähmt war oder der blinde Junge, trotz seiner groß verkündeten Heilung, auch danach noch immer blind war.

Benny Hinns Organisation verlangt von niemandem Geld. Alle spenden freiwillig. Wie viel? Übers Jahr sind es 100 Millionen Dollar. Benny Hinn gesteht bloß ein, dass er mehr als eine halbe Million jährlich verdient. Wie viel mehr, das sagt er nicht. Wenn er reist, fliegt er mit Privatjet und schläft in Luxussuiten. Auf Spesen, versteht sich. Trotzdem rühmt er sich, für seine Tätigkeit kein Geld zu nehmen.

Immer wieder tauchen in unserer Gesellschaft Sekten auf. Charismatische Scheinheilige, die denen, die in diesem Leben keinen Sinn finden, einen solchen versprechen. Nicht selten passiert es, dass, wegen einiger unlauterer Showgurus und skrupelloser Geschäftemacher, alte Weisheiten in ein völlig falsches Licht geraten.

Die Evangelikaner sind ebenfalls eine lose Vereinigung von Sekten. Sie versprechen Menschen, die in dieser Welt nicht wirklich zurecht kommen, Hilfe aus erster Hand. Ihre Bibelinterpretationen sind primitiv und oberflächlich. Völlig unsinnige Behauptungen werden verbreitet und von der Gefolgschaft blind übernommen. Wissenschaftler hätten keine Ahnung. Mittels Carbon14-Tests analysierte Knochen seien Millionen von Jahren alt? Unsinn, sie stammen vom kürzlich verendeten Hund des Nachbarn! Mit Computern seien die Bibeltexte analysiert worden, und sie entstammten alle einem einzigen Geist. Derartige Geschichten machen die Runde. „Selig sind die Armen im Geiste“ (Mattheus 5:3) könnte einem dazu einfallen, wenn es sich bei diesem Zitat nicht um eine sinngemäß falsche Übersetzung handeln würde.

Wer steckt hinter den Evangelikanern? Wer bestimmt über die ideologischen Ziele, ganz abgesehen vom Einsammeln der Spendengelder, die vorwiegend von Menschen stammen, die sich das Spenden eigentlich nicht leisten könnten? Wer beschützt sie davor, dass sie nicht öfter von den Medien näher beleuchtet werden?

Wie erwähnt, es gibt keine Zentralstelle, von der die Lehren überprüft werden. Es lässt sich zustimmen und gleichzeitig bestreiten, ganz nach Belieben. Somit erwarte ich auch, dass gegen diesen Artikel Proteste auftauchen werden. Vermutlich wird man mir vorwerfen, mit dem Teufel im Bunde zu stehen, um ihre „guten Nachrichten“ zu verunglimpfen. Doch möchte ich hier klarstellen: Ich bin nicht gegen Religion. Ich respektiere die Christliche Lehre ebenso wie den Buddhismus, den Hinduismus und viele andere Quellen der Weisheit. Ich protestiere aber gegen dogmatischen Unsinn.

Das folgende Video gibt einen Überblick über Benny Hinn, den großen Star der amerikanischen Evangelikaner. Er verfügt über mehr als drei Jahrzehnte Erfahrung. Für Mitdenkende ist die Situation offensichtlich. Doch, die Art, in der Benny auf die Anschuldigungen reagiert, bestärkt seine Anhängerschaft gewiss noch mehr darin, dass er es wohl der Teufel selbst ist, der ihn immer wieder anzugreifen versucht.

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