Freitag , 20 September 2019
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Sankt Martin würde sich heute im Grab umdrehen

sankt_martinIn wenigen Tagen ist es wieder soweit und der alte Brauch des Martinitages wird gefeiert. Traditionell laufen hierbei Kinder mit oder ohne ihre Eltern mit erleuchteten Laternen singend durch die Straßen, Hefegebäck in Form von Gänsen sowie Gänsebraten werden an vielen heimischen Tischen kredenzt und so mancher vorweihnachtliche Martinimarkt besucht. Gedacht werden soll einem Mann namens Martin von Tours, der als einer der ersten Heiligen des Abendlandes in die gläubige Geschichte einzog. Ein schöner Brauch, ja, durchaus, aber der barmherzige Mann von einst würde sich bei den heutigen Zuständen im Grab umdrehen.

Ich will hier nicht näher auf die Vita des Mannes eingehen, der im Jahre 316 oder 317 geboren wurde, um nach einem, für damalige Zeiten, langen Leben mit 81 Jahren zu sterben. Obwohl man sich viele Legenden um diesen heilig gesprochenen Mann erzählt, wurde er doch dadurch am meisten bekannt als er im Winter seinen Mantel mit einem armen Mann auf der Straße teilte. Barmherzigkeit wird folglich sehr häufig mit Martin von Tours in einen engen Zusammenhang gebracht und gerade in kirchlichen Kreisen zum Martinstag immer wieder angesprochen. So verwundert es denn kaum, dass er unter anderem als Schutzheiliger der Armen und Bettler gilt und das nicht nur im katholischen, sondern auch im evangelischen, orthodoxen und anglikanischen Glauben.

So weit so gut. Glaubt man an die Erzählungen, dann muss man den Hut ziehen, selbst wenn es nur imaginär ist, denn bitteschön wer ist schon bereit bei eisiger Kälte, Schnee und Eis seinen einzigen Mantel in der Mitte zu teilen, um damit einem anderen Menschen etwas Wärme zu geben!? Würde Martin von Tours heute noch leben, was würde er wohl zu den Zuständen sagen, die da nicht nur in Deutschland, sondern so gut wie in allen Ländern anzutreffen sind? Gibt es noch ein wahres Teilen mit anderen, die da weniger haben als man selbst? Gibt es Barmherzigkeit gegenüber Frauen, Männern und Kindern, die scheinbar mit ihrer Geburt das Los gezogen haben nicht im Warmen zu sitzen, von goldenen Löffeln zu essen oder sich das Gesicht mit Wasser zu waschen, das da aus dem vergoldeten Wasserhahn hervor strömt?

Wird an Sankt Martin wirklich noch daran gedacht, warum dieser Mann zum Heiligen wurde und weshalb man seinen Tag am 11. November überhaupt feiert? Die wenigsten wissen die Geschichte des zweigeteilten Mantels, geschweige von dem Leben dieses Mannes und den tiefen Sinn dieses traditionellen Festes. Ich gehöre keinem kirchlichen Glauben an, weshalb mich dieser Tag, oder heilig Gesprochene und Gedenktage im Sinne eines bestimmten Glaubens, nun wahrlich nicht interessieren müssten. Tut es auch nicht, zumindest nicht angesichts von Kirchen oder Religionen, aber vom Grundsatz her durchaus. Teilen, Wärme geben, auf Menschen achten denen es (noch) schlechter geht als einem selbst, die Ellenbogen mal eng am Körper liegen lassen anstatt jeden damit in die Ecke zu drängen oder auch daran denken, dass man jederzeit selbst dankbar um einen geteilten Mantel sein könnte – dafür muss ich nicht in eine Kirche gehen oder mit einer Hefegans durch die Straßen ziehen. Nein, DAS alles lässt sich mit ein bisschen Herz und Hirn 365 Tage im Jahr durchführen. Und ich sage Ihnen: Es tut auch gar nicht weh.

In diesem Sinne einen schönen Martinstag

Ihre Claudia

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