Montag , 28 September 2020
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Stirb langsam Teil 5 – auch wir töten täglich

kurz_vor_zwoelfSchon früh am Morgen beginnt der erste Todesstoß und ob dieser vor oder nach dem ersten Kaffee oder Tee des Tages vollführt wird, ist im Grundsatz der Thematik unerheblich. Nicht selten töten wir desweiteren am Vormittag, lassen auch in den Nachmittagsstunden keine Gelegenheit aus und der Abend ist geradezu dafür prädestiniert nur eines zu tun: Töten, töten, töten. Es freut mich, dass Sie erneut zu unserem Gespräch anwesend sind, das sich heute um ein Thema dreht, welches jedes Alter und Geschlecht betrifft. Das Töten der wertvollen Lebenszeit.

Wie kann man die Zeit des Lebens töten und das täglich aufs Neue, so werden Sie sich nun vielleicht fragen. Die Antwort wird aus folgenden Worten rasch ersichtlich, denn oftmals töten wir die Zeit ohne es bewusst zu beabsichtigen. Es ist mathematisch Fakt, dass wir 24 Stunden am Tag zur Verfügung haben. Betrachten wir uns das durchschnittliche Schlafverhalten des erwachsenen Menschen, das rund sieben Stunden beträgt, bleiben folgerichtig 17 Stunden übrig, die „gelebt“ werden wollen. Die Betonung liegt nun auch gleich bei dem Wort wollen, denn bei einer intensiven Betrachtung, werden diese Stunden zumeist dafür eingesetzt nichts oder unsinniges zu tun, was im Umkehrschluss aufzeigt, dass Lebenszeit systematisch abgetötet wird.

Tötungsinstrument Nummer Eins in der Frauenwelt: Der Haushalt. Ob eine Frau berufstätig, arbeitssuchend ist oder den Balanceakt zwischen Beruf, Haushalt und Kindern ausübt – das Aufräumen und Putzen nimmt viele Stunden in der Woche im Leben eines weiblichen Wesens ein. Was grundsätzlich natürlich gut ist, denn ein gewisses Maß an Ordnung und Sauberkeit ist ja nun wirklich nicht zu verachten. Aber wenn ich da so mitbekomme, wie doppelt und dreifach gewischt, Staub gesaugt und selbst die Unterhosen noch gebügelt werden, da stellt sich mir dann doch die Frage: Kann man nicht die Lebenszeit sinnvoller verbringen? Hirntöten, so sagen mir oftmals die jüngeren und älteren Frauen, wenn ich sie darauf anspreche. „Ich weiß nicht was ich sonst tun soll“ oder „ich bin so gefrustet, da lenkt das Putzen und Schrubben einfach ab“. Den Haushalt erledigen als Therapiemaßnahme gegen Frust, Langeweile und Sehnsucht? Ein Thema, das real betrachtet auch viele Männer betrifft.

Tod der Lebenszeit, nicht nur ein Frauenthema

Doch damit nicht genug. Auch wenn stundenlang mittels der Haushaltsarbeiten die Zeit getötet wird, bleibt immer noch genügend vom Tag übrig, das in den Lebenssarg gelegt werden will. Fernsehen zum Beispiel, ist ebenfalls ein beliebtes Mittel der Tötung und das wahrlich nicht nur unter dem Aspekt „das Sehen und Zappen macht doch Spaß“. Ist es nicht eher ein Betäubungsmittel sich auch die 100. Wiederholung einer Daily-Soap oder eines asbach-uralten Schinkens an zu tun? Ein Betäubungsmittel, das jedes Jahr ein bisschen abgestumpfter für die schönen, interessanten und wohlfühlenden Momente im Leben sorgt? Das mit sich selbst beschäftigen oder mit seinen nahen Angehörigen und Freunden, wäre schon einmal eine gute Alternative, um bewusst gelebte Zeit erleben zu können. Eine weitere Möglichkeit wäre es, sich eine Sportart oder ein Hobby auszusuchen, das den Körper und den Geist ebenso rege hält als auch die Aneignung von neuem Wissen. Letzteres muss nicht stupidem Büffeln von weltwirtschaftlichem Zahlenmaterial bestehen, doch vielleicht aus Lernmaterial und Informationen, die dem eigenen (beruflichen) Leben einen neuen Schwung verpassen. Ein Stups des Hamsterrades, in dem sich doch die meisten Frauen und Männer bewegen und selbst den Nachwuchs bereits darin trainiert, sich im Töten von Lebenszeit zu üben.

Es ist nicht einfach sich täglich aufs Neue bewusst zu machen, dass Zeittöten schleichend in das Leben dringt. Und es kann auch schmerzlich sein zu erkennen wie viel Zeit man bereits vergeudet hat. Doch das Schöne an dieser Erkenntnis ist und bleibt: Jeder neue Morgen bietet die Gelegenheit die vor einem liegenden Stunden voller Bewusstsein mit Aktivitäten und Gedanken zu füllen, die einen am Abend entspannt im Bett liegen lassen, nicht ohne zu denken „der Tag wurde intensiv erlebt“. Versuchen Sie es doch mal, aber Vorsicht: Sie könnten sich daran gewöhnen oder ähnliche Gedanken hegen, wie sie in den folgenden Worten von Jorge Luis Borges aufzufinden sind.

Herzlichst

Ihre Claudia

 

Wenn ich noch einmal leben könnte

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte,
im Nächsten Leben würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.

Ich würde nicht so perfekt sein wollen,
ich würde mich mehr Entspannen.

Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben.
Ich würde mehr riskieren,
würde mehr reisen,
Sonnenuntergänge betrachten,
mehr Bergsteigen,
mehr in Flüssen schwimmen.

Ich war einer dieser klugen Menschen,
die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten;
freilich hatte ich auch Momente der Freude,
aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.

Falls du es noch nicht weißt,
aus diesen besteht nämlich das Leben;
nur aus Augenblicken;
vergiß nicht den jetzigen.

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an
bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen.
Und ich würde mehr mit Kindern spielen,
wenn ich das Leben noch vor mir hätte.

Aber sehen Sie … ich bin 85 Jahre alt
Und weiß, daß ich bald sterben werde.

(Jorge Luis Borges, 1899-1986)

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