Samstag , 17 November 2018
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Erlebnisse in China (3)

Schlafgewohnheiten, Küche und Buddhas Rauchvergiftung – Die Nacht in Kaifeng war unruhiger als erhofft. Gegen zwei Uhr morgens werde ich durch lautes Geschrei auf dem Hinterhof geweckt. Ein offenbar unter mittelschwerem Alkoholeinfluss stehendes Pärchen lebt zwanglos seine Ehekrise aus. Er schreit immer wieder „Ni bu ai wo“ – Du liebst mich nicht – und sie plärrt unverdrossen lautstark zurück. Ich schwelge in dem Gedanken an einen Lustmord.

Irgendwann haben sie sich offenbar erschöpft, und es kehrt wieder Ruhe ein. Meine Göttergattin, in China aufgewachsen und gestählt, hat von all dem nicht das mindeste mitbekommen; sie schläft den Schlaf der Gerechten. Ich folge ihrem Beispiel, glücklich über die endlich eingetretene Stille.

Gegen fünf oder sechs Uhr in der Frühe ertönt draußen erneut lautes Gezeter, diesmal der Geräuschkulisse nach zu schließen in einem Hühnerstall. Das Federvieh veranstaltet ein derartiges Gekreisch, dass es Gott erbarmen könnte. Offenbar wird gerade der Delinquent für das Mittagessen auserkoren, um anschließend die letzte Ölung im Wok zu erhalten. Buddha schenke ihm eine günstige Wiedergeburt.

Während ich mittlerweile im Bett auf und ab gehe, schläft meine bessere Hälfte immer noch völlig ungerührt tief und fest. Wie nahezu alle Chinesen besitzt sie die erstaunliche Fähigkeit, überall und zu jeder Zeit von einem Moment auf den anderen in den Tiefschlaf zu fallen. Man sieht dies immer wieder überall: in Parks, auf Märkten, in der Eisenbahn oder an der Bushaltestelle. Ob Motorrad, Parkbank oder Schubkarre, nahezu alles dient bei Bedarf als Ruhebett – die Geräuschkulisse spielt dabei keine Rolle. Manchmal beneide ich meine Göttergattin wirklich…

Nach einem für europäische Verhältnisse eher kargen Frühstück (Buddha sei Dank für die Erfindung der Tassenportionen Kaffee) geht es erneut auf Besichtigungstour. Diesmal steht der Tempel Da Xiang Guo Shi auf dem Programm. Der durch Unmengen von Räucherstäbchen produzierte Geruch nach Heiligkeit weht uns in solchen Wolken auf der Straße entgegen, dass jeder Teufel im Umkreis garantiert das Weite sucht. Hier steht der Seligkeit nichts mehr im Wege.

china rauch tempel

Die Szenerie vor dem Tor erinnert an biblische Beschreibungen des Tempels zu Jerusalem vor der Austreibung der Geldwechsler. Kleine Läden rund um das Tempelareal verkaufen ungezählte Devotionalien, Räucherstäbchen, Glücksbringer etc. Die im Tempel ansässigen Mönche beteiligen sich nach Kräften an diesem lukrativen Geschäft und haben drinnen ihr eigenes reichhaltiges Angebot ausgebreitet. Buddha sieht’s gelassen – jahrelange Meditationspraxis zahlt sich eben aus.

Im Inneren des Tempels allerdings umfängt uns wunderbare Stille. Der Lärm der Außenwelt ist plötzlich wie abgeschnitten. Der gesamte Innenbereich des Tempels strahlt unglaubliche Ruhe, Gelassenheit und Harmonie aus, denen man sich einfach nicht entziehen kann. In dieser Atmosphäre lässt es sich wunderbar mit der Seele baumeln, es ist wirklich beeindruckend und wir genießen es ausgiebig.

Auch im Inneren wird vor verschiedenen Buddha-Statuen geräuchert auf Teufel komm raus. Der Qualm weht in dicken Schwaden um die Nase des Erleuchteten. Wie es scheint, soll er durch Atemnot dazu gezwungen werden, denn Bitten der Gläubigen Gehör zu schenken. Vermutlich ist er inzwischen Asthmatiker.

Beim Gang ins das stille Örtchen sehe ich einen jungen Mönch, der dem gleichen Ziel zustrebt. In der Hand verbirgt er schamhaft Zigarettenschachtel und Feuerzeug. Er schließt sich in einer Zelle ein, das Feuerzeug klickt, und mit einem erleichterten Seufzen inhaliert er den Rauch. Ein Vertreter der teuflischen Zunft hat es also doch in den Tempel geschafft und für sein Werk der Versuchung ein williges Opfer gefunden. Kein Wunder: dass für dieses Laster zuständige Teufelchen ist durch Räucherwerk vermutlich nicht zu beeindrucken.

Mittags fahren wir mit dem Bus zurück nach Zhengzhou. Nachdem wir wieder in unserem Luxushotel eingecheckt haben, gönnen wir uns ein einfaches, aber leckeres Mittagessen.

china kloblauchgerichtDie chinesische Küche wird zu Recht als eine der besten der Welt bezeichnet. Sie hat Köstlichkeiten zu bieten, die in der westlichen Welt oft unbekannt, aber dennoch unglaublich lecker sind. Dabei muss es nicht einmal besonders ausgefallen sein: Eine meiner Lieblingsspeisen ist zum Beispiel Knoblauch. Dieser wird in China nicht nur, wie in Europa üblich, als Zehe verwendet, sondern zudem auch als Gemüse, und das in zweierlei Form: Einerseits geben die Blätter, ähnlich der Frühlingszwiebel, eine sehr schmackhafte Beilage ab. Um diese zu erhalten, braucht man nur einzelne Knoblauchzehen einzupflanzen und zu warten, bis die Pflanze hoch genug ist. Die Blätter können sogar mehrmals geerntet werden.

Noch besser jedoch schmecken die Knoblauchstangen, die im Frühjahr zwischen den Blättern zu wachsen beginnen, sofern man die Blätter nicht vorher bereits ihrer Verwendung zugeführt hat, sondern sie statt dessen wachsen lässt. Diese Stangen geben ein unvergleichliches Aroma, sind ein selten leckeres Gemüse, und das Schöne ist: Man duftet nicht nach Knoblauch danach. Köstlich…!!

Apropos Essen: in China, wie auch in den meisten anderen asiatischen oder orientalischen Ländern, sollte man den alten Grundsatz „peel it, boil it, or forget it“ – also: schälen, kochen, oder vergessen – eisern beherzigen. Ein flotter Otto ist das wenigste, was man sich bei mangelnder Nahrungshygiene einfangen kann, es gibt sehr viel unangenehmere Möglichkeiten, wovon ich selbst ein Lied singen kann: Vor fünf Jahren habe ich in einem Anfall von Nachlässigkeit in Chengdu/Sichuan Nudeln mit kalter Soße verspeist. Die Wirkung setzte nach ca. 24 Stunden ein, dann jedoch durchschlagend. Es war die Ruhr.

Natürlich gab es da nur den Weg ins Krankenhaus. Die Ärzte und Schwestern dort haben mich allerdings wirklich beeindruckt. Während man in Deutschland normalerweise ziemlich lange warten muss, bis endlich ein Laborergebnis vorliegt, lieferten die chinesischen Laborassistentinnen das Ergebnis innerhalb von 15 Minuten nach meinem Eintreffen in der Klinik. Danach wurde nicht lange gefackelt. Nach weiteren 10 Minuten hing ich am Tropf, danach gab man mir noch Antibiotika mit, und die Sache war zwei Tage später nahezu ausgestanden. Allerdings: Chinesische Krankenhäuser sind zwar gut und die Ärzte wirklich kompetent, aber als Erholungsheim kann man sie wahrlich nicht bezeichnen. Wer sie einmal, und sei es nur besuchsweise, von innen gesehen hat, der wird als Europäer auf einen Aufenthalt dort gern verzichten wollen.

Allzu viel Enthaltsamkeit muss man sich zur Einhaltung der Hygieneregeln jedoch kaum auferlegen. Es genügt völlig, keinerlei kalte Gerichte zu verspeisen, kein ungeschältes oder bloß gewaschenes Obst, und entweder nur abgekochtes Wasser oder solches aus verschlossenen Flaschen zu trinken. Bezüglich frisch zubereiteter warmer Speisen oder Getränke braucht man selbst in kleinen, unscheinbaren Restaurants unserer Erfahrung nach keine Befürchtungen zu hegen. Das Wasser in Hotels oder Appartements ist unbedenklich, jedoch wegen seines höheren Chlorgehaltes als Trinkwasser ungeeignet. Abgekocht hingegen kann es bedenkenlos getrunken werden.

Auf dem Weg zurück zum Hotel sehen wir noch eine Arbeitsvermittlung der besonderen Art: neben einer Baustelle, auf der gerade ein Restaurant errichtet wird, hat eine junge Frau ein Tischchen aufgebaut und sich daran niedergelassen. An den Bauzaun hat sie ein großes Schild geheftet, auf dem die Stellenbeschreibungen incl. Gehaltsangebote der zukünftigen, noch anzustellenden Mitarbeiter dieses Restaurants ausgehängt sind. Interessenten können sich gleich auf der Straße bei ihr bewerben. So geht’s auch…

china arbeitsvermittlung

Nach einer ruhigen Nacht im Hotel und einem gemächlichen Frühstück packen wir wieder die Rucksäcke, lagern die Koffer erneut ein, und begeben uns per Taxi zum Bahnhof, unserem neuen Ziel entgegen: der alten Kaiserstadt Luoyang.

Erlebnisse in China – Teil 1

Erlebnisse in China – Teil 2

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