Freitag , 16 November 2018
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Erlebnisse in China (1)

china qu nian dian(Red) Intelligence-Autor Theophil Sempes ist seit vielen Jahren mit China bestens vertraut. Zusammen mit seiner chinesischen Frau unternimmt er zur Zeit eine mehrwöchige Reise durch das bevölkerungsreichste Land der Welt, von dem die meisten von uns ausnehmend wenig wissen. Um einen Überblick über das Leben, das Denken, die sozialen Bedingungen – und auch die Unterschiede zu Europa – zu vermitteln, hat er sich bereit erklärt, seine Erlebnisse mit uns zu Teilen. Das wäre sein erster Bericht:

Von Beijing nach Zhengzhou

Das letzte Mal waren wir vor sechs Jahren hier – seitdem hat sich Beijing dramatisch verändert. Jede Menge Neubauten sind entstanden und das Verkehrsaufkommen ist erheblich gestiegen. Der Tourismus auch, was wir sehr schnell zu spüren bekommen. Als wir von der Endstation des Busses ein Taxi zum Hotel suchen, lehnen mehrere Taxifahrer die Tour ab. Später erfahren wir, dass manche kurze Strecken als nicht lohnend erachtet werden oder, dass die Wartezeit im Stau und an Ampeln zu lange ist – kurzum: Offenbar verdienen sie zu viel Geld. Die Zeiten ändern sich – man kann nur staunen. An diesem Wirtschaftswunder sollte sich Frau Merkel mal ein Beispiel nehmen: Wenn bei uns schon die Taxifahrer so viel verdienen würden, dass sie nur ausgewählte Sahnetouren fahren, dann wäre wirklich der Wohlstand ausgebrochen. Vielleicht sollte sie mal bei Herrn Hu Jintao um Rat fragen…

china beijing traffic

Unser Hotel, das Red Dragon, liegt in den Hutongs (der Altstadt), direkt am Jingshan-Park und ein paar Schritte von der Verbotenen Stadt china jingshan parkentfernt. Hier hat sich nichts verändert, seit wir das letzte Mal hier waren. In den kleinen Straßen werden immer noch die Nachtmärkte abgehalten, auf denen allerlei Köstlichkeiten angeboten werden, und die kleinen Läden und Restaurants sind auch noch da. Ich fühle mich gleich wieder zu Hause. Abends machen meine Frau und ich noch einen Bummel durch den Park und nutzen eine ruhige Ecke für unsere Tai Chi-Übungen. Danach ein leckeres Abendessen, und die Welt ist rund. Das Bett ruft – zehn Stunden Flug und sechs Stunden Zeitdifferenz machen sich bemerkbar.

Am nächsten Tag schauen wir uns in aller Ruhe den Tian Tan-Garten mit dem Qi Nian-Turm an. Die meisten Sehenswürdigkeiten Beijings kennen wir bereits, und diesmal bleiben wir nur zwei Tage in der Stadt, bevor es weiter in die Provinz Henan geht.

china beijing altstadt

Nachmittags noch schnell einen Kurzbesuch bei Onkel und Tante meiner Frau. Diesmal steigen wir auf die U-Bahn um – ein echter Zeitgewinn. Die alten Leutchen sind herzensgut und freuen sich riesig, uns zu sehen. So ganz nebenbei erfahren wir noch, dass inzwischen jeder in China eine Krankenversicherung hat, und dies für sie als Rentner sogar kostenlos ist. Als Staatsangehöriger eines Landes, dessen Bürger hunderte Milliarden als Zwangsspende für marode Banken aufbringen müssen, während ihnen dauernd erzählt wird, ihre Sozialsysteme seien zu teuer, kann man da nur staunen. Kleiner Tip an Frau Merkel: falls Herr Hu Jintao gerade zu beschäftigt für Sie sein sollte – vielleicht fragen Sie mal bei Herrn Wen Jiaobao nach…

Unter Aufbietung aller Willenskraft müssen wir eine Einladung von Onkel und Tante zum Abendessen ausschlagen, da wir noch eine Stunde zurück zum Hotel brauchen und morgen früh raus müssen.

Am nächsten Tag dann Checkout und Abmarsch zum Westbahnhof. Heute haben wir Glück: Nur zwei Taxifahrer winken ab – der dritte hat Erbarmen und bringt uns zum Bahnhof. Das Ticket hatten wir bereits am Ankunftstag gekauft, und so machen wir es uns in der Wartehalle gemütlich und genießen den Anblick.

china beijing bahnhof

Chinesische Bahnhöfe muss man gesehen haben – eigentlich gleichen sie eher einem gemütlichen Heerlager. Idyllische Szenen spielen sich ab. Man lagert draußen, man lagert drinnen, notfalls auch in den Gängen. Auch stört es niemanden, dass mancher gleich mehrere Sitze für ein gemütliches Nickerchen okkupiert, während andere mangels Sitzgelegenheit im Stehen warten müssen. Da macht man es sich halt auf seinen Koffern bequem.

Ein menschliches Rühren treibt mich in Richtung Toilette. Dort allerdings hat sich ein größerer Menschenauflauf gebildet. Man steht in Zweierreihen vor den Zellen und Urinalen – und außerdem keilförmig vor der Tür. Zwischendrin wuselt ein Putzteufel herum und schaut seelenruhig in die oftmals vom Benutzer von innen gar nicht verriegelten Zellen hinein, ob der darin Befindliche vielleicht schon fertig ist und er seines Amtes walten kann. Andere werfen ebenfalls hoffnungsvolle Blicke hinein – es pressiert offenbar bei manchem. Niemanden scheint es zu stören – es geht immer nach der Devise: hier passiert nichts Geheimnisvolles, niemand hat etwas zu verbergen. So ungefähr stelle ich mir den siebten Kreis der Hölle für Paruretiker vor – gelebter Sozialismus! Für an Intimsphäre gewöhnte (chinesisch: verweichlichte) Europäer allerdings ist dies eher gewöhnungsbedürftig. Obwohl ich oft in China bin, habe ich mich bis heute nicht mit dieser Art Freizügigkeit angefreundet – zur stillen Erheiterung meiner chinesischen Göttergattin. Ich beschließe also spontan, dass mein Bedürfnis doch nicht so dringend ist – es kann warten, bis wir im Zug sind.

Der Aufruf zum Entern des Zuges kommt. In China ist es üblich, dass die Reisenden erst nach Einfahrt des Zuges auf die Bahnsteige gelassen werden. Es dient wohl der Sicherheit.

china high speed trainsMenschenmassen stürmen den Bahnsteig und verschwinden nach und nach in den einzelnen Waggons. Meine Frau und ich machen es uns auf den vorgegebenen Plätzen gemütlich – und eine nicht überlaufene Toilette ist auch da. Das Warten hat sich gelohnt – Buddha sei Dank!

Unser Zug ist ein hochmoderner Schnellzug mit allem Komfort und zurück. Kompliment an die Chinesen – diese Hochgeschwindigkeitsstrecken haben sie in kürzester Zeit aus dem Boden gestampft. Der Zug rollt an – Zhengzhou, wir kommen. Fünfeinhalb Stunden dauert es, die 800-km-Strecke zurückzulegen. Die Abfahrt ist auf die Minute pünktlich – auch dies soll ja bei der Deutschen Bahn, einst für ihre Pünktlichkeit weltberühmt, nicht mehr so sicher sein…. Ich liebe China!

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