Dienstag , 24 Mai 2016
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Verlogene Zahlenspiele – Fakten zur Situation am Arbeitsmarkt

jobsuche waiting in lineImmer wieder bemühen sich die Massenmedien, die Stimmung im Land durch Frohbotschaften, die Situation am Arbeitsmarkt betreffend, zu heben. Und immer wieder widersprechen die angeführten Zahlen nicht nur anderen Statistiken, sondern auch der tatsächlichen Situation. Gewiss, der Grundtenor lautet: Wichtig ist, dass gearbeitet wird, ungeachtet der Bedingungen, ungeachtet der Entlohnung. Einige Zahlen im Vergleich.

„Deutsche arbeiten so viel wie seit 20 Jahren nicht mehr“, lautet die jüngste Schlagzeile beim Spiegel. Genannt wird die Zahl der gesamten geleisteten Arbeitsstunden im ersten Quartal 2012: 15 Milliarden Stunden. Das klingt doch erst einmal beeindruckend. Im selben Artikel wird die Zahl der Jobs mit 41,143 Millionen angegeben. Diese Zahl korrespondiert mit den Angaben des Statistischen Bundesamtes.

Was sagen 15 Milliarden Arbeitsstunden in einem Zeitraum von drei Monaten bzw. 13 Wochen bei mehr als 41 Millionen Jobs nun aus? Der Verfasser des Spiegel-Artikels machte sich nicht die Mühe, nachzurechnen. Und es ist zu erwarten, dass es nicht viele Leser sein werden, die dieser Aufgabe nachkommen. Immerhin, 15 Milliarden Stunden klingt ja ohnehin schon gewaltig genug.

Teilen wir also erst einmal die gearbeiteten Stunden durch die Zahl der Wochen und danach durch die 41,143 Millionen Jobs, so erhalten wir einen Wert von durchschnittlich 28,04 wöchentlichen Arbeitsstunden. Nachdem der überwiegende Anteil der Erwerbstätigen jedoch einer Vollzeitbeschäftigung nachgeht, muss hier eine nennenswerte Zahl von Mini-Jobs enthalten sein. Teilen wir also diese 15 Milliarden Stunden nochmals durch 13 Wochen und danach durch 37,5 Arbeitsstunden pro Arbeitnehmer, so ergibt dies eine Zahl von 30.769.230 Vollzeitbeschäftigten. Halten wir an dieser Zahl fest, so blieben mehr als 10 Millionen Jobs ohne Arbeitszeit, was natürlich nicht der Fall ist.

Die Bundesagentur für Arbeit beziffert die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten für März 2012 mit 28.755.100. Natürlich handelt es sich dabei nicht ausschließlich um Vollzeitbeschäftigte, sondern bloß um Arbeitende, die der Beitragspflicht für die Sozialversicherung unterliegen. Für denselben Monat wird die Zahl der geringfügig entlohnten Beschäftigten mit 7.226.400 angegeben.

28,6 Millionen + 7,2 Millionen = 35,8 Millionen. Es gibt aber 41,1 Millionen Jobs. Wie ist das möglich? Die einzige Erklärung ist, dass es mehr als 5 Millionen Menschen sind, die zwei Jobs brauchen, um über die Runden zu kommen. Und tatsächlich ist die Zahl noch deutlich höher. Denn, laut Bundesagentur für Arbeit gibt es 4,748 Millionen „ausschließlich geringfügig entlohnte Beschäftigte“ und 2,519 Millionen „im Nebenjob geringfügig entlohnte Beschäftigte“.

Die Zahl der in Deutschland verfügbaren Arbeitskräfte wird mit 43,5 Millionen beziffert (CIA-Word-Factbook). Eine beim Spiegel veröffentlichte Statistik gibt für den Monat April eine Arbeitslosenzahl von 2.963.325 an. Dies entspräche 7%, was hochgerechnet auf 42,3 Millionen Arbeitskräfte verweist. Allerdings, laut Statistischem Bundesamt waren es im April 2012 gar nur 2,19 Millionen Arbeitslose. Doch es erfolgt auch die Erklärung, und zwar nach den Konzepten der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO): „Als erwerbslos gilt im Sinne ILO-Abgrenzung jede Person, die in diesem Zeitraum nicht erwerbstätig war, aber in den letzten vier Wochen vor der Befragung aktiv nach einer Tätigkeit gesucht hat.“ Der Unterschied zu den Angaben durch die Bundesagentur für Arbeit wird folgendermaßen erklärt: „Innerhalb der amtlichen Statistik hat es sich eingebürgert, von Arbeitslosigkeit zu sprechen, wenn es um die Registerdaten der Bundesagentur für Arbeit geht, und von Erwerbslosigkeit, wenn die Zahlen nach dem ILO-Konzept abgegrenzt werden.“ Es scheint als würde es sich dabei um einen geringfügigen Unterschied handeln, der allerdings immerhin 800.000 Menschen betrifft.

Doch kommen wir auf die immer wieder auftauchenden Jubelmeldungen zur Arbeitsmarktsituation zurück, und vergleichen wir mit den tatsächlichen Zahlen: Zwar gelten von rund 43 Millionen Arbeitskräften nur 2,96 bzw. 2,19 Millionen als arbeits- oder erwerbslos, doch nicht mehr als 28,6 Millionen verdienen genug, um sozialversicherungspflichtig zu sein, was aber noch lange nicht bedeutet, dass alle davon über ein akzeptables Einkommen verfügen. Schließlich setzt die Sozialversicherungspflicht bereits bei einem Monatseinkommen von 400 Euro ein.

Derselbe Spiegel, der so gerne auf die guten Zukunftsaussichten am Arbeitsmarkt verweist, erinnerte im März dieses Jahres aber auch daran, dass 13 Millionen Menschen in Deutschland als „armutsgefährdet“ gelten. In diese Gruppe fällt, wer über weniger als 60% des Durchschnittseinkommens bzw. weniger als 940 Euro pro Monat verfügt. Dass in diesen Fällen von „Armutsgefährdung“ und nicht von „Armut“ gesprochen wird, dabei dürfte es sich um gezielte Rhetorik handeln. Und wie gut oder schlecht es sich mit 1.000 oder 1.100 Euro Monatsbudget lebt, darüber darf sich jeder selbst sein Urteil bilden.

Bezüglich der mehr als nur beschönigenden Zahlen, die Situation am Arbeitsmarkt betreffend, lässt sich aber auch eine andere Gegenprobe anstellen. Nämlich, wie sieht es aus, wenn jemand tatsächlich und ernsthaft nach einem Arbeitsplatz Ausschau hält?

Intelligence-Autorin Clauda berichtete im Februar von einem Einzelschicksal. Doch vermutlich weiß jeder, der die Stellenangebote durchsucht, ein Lied davon zu singen. Sobald sich eine Stelle bietet, für die die eigenen Qualifikationen ausreichen würden, finden sich gleichzeitig Dutzende, oft Hunderte von Bewerbern ein. Abgesehen davon, dass es nicht leicht sein kann, aus dieser Masse der Bewerber herauszuragen, darüber hinaus noch nach akzeptablen Konditionen – insbesondere einem angemessenen Einkommen – zu fragen, ist illusorisch. Mit Sicherheit findet sich jemand, der’s billiger macht.

Von den 15 Millionen Arbeitskräften, die nicht sozialversicherungspflichtig sind, mag es einen gewissen Anteil geben, der „sich’s richtet“. Menschen, die über genügend Einkommen verfügen, denen es jedoch gelingt, die Beitragszahlungen zu umgehen. Ein anderer Teil mag es vorziehen, in Bescheidenheit zu leben und, anstatt einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, öffentliche Unterstützungen in Anspruch zu nehmen. Doch auch wenn wir diese Fälle in Abzug bringen, so bleiben immer noch einige Millionen, die gerne mehr Leistung erbringen, die gerne das, was sie gelernt haben, anwenden würden, doch es fehlt am passenden Betätigungsfeld.

Es mag rund die Hälfte der Bevölkerung sein, die nicht zu klagen hat. Menschen, die mit ihrem Einkommen auskommen, die mit ihrer Arbeit (relativ) zufrieden sind, die keine Anzeichen erkennen, dass auch ihr Arbeitsplatz gefährdet sein könnte. Der anderen Hälfte gegenüber lassen sich die Augen leicht verschließen.

Und wenn dann noch Der Spiegel daherkommt, und von Rekordarbeitsleistungen berichtet, wie zum letzten Mal während des Wiedervereinigungsbooms, dann wird jene Hälfte, für die die Welt noch so richtig in Ordnung ist, in ihrer Überzeugung auch noch bestätigt. Wer es nicht schafft, wer arm ist, wer in Depressionen verfällt, wer seinen Job hasst, wer keinen findet, wer Unterstützung beantragt, wer klagt, das sind doch ohnehin nur die „Verlierer“, die „Faulen“, die „Sozialschmarotzer“, die „Trinker“, die, die nichts gelernt haben, die ja gar nicht wollen, die Außenseiter unserer Gesellschaft. „Nur die Härtesten kommen durch“ – darauf verwies doch schon …. Lassen wir das! Die Welt braucht eine „gesunde Wirtschaft“, „konkurrenzfähige Löhne“ (mit China), die Welt braucht „Wachstum“ um jeden Preis. Die Welt – oder zumindest die Finanzlobby. Lassen wir die eine Hälfte weiter träumen, und der anderen sagen wir, dass jeder Einzelne ein Außenseiter ist, der sich eben mehr anzustrengen hat. Auch wenn ihre Zahl 10 oder 15 Millionen beträgt. Für ebenso viele oder gar mehr ist ja noch alles in Ordnung. Noch!

Über Konrad Hausener