Sonntag , 29 Mai 2016
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Psychologie machts möglich: Eine Wahl kennt (fast) nur Gewinner

gewinnerjubelZu den Ritualen am Abend einer Wahl, über die man sich als Beobachter manchmal wundert, manchmal einfach nur amüsiert, gehört die Interpretation von Wahlergebnissen aus Sicht der unterschiedlichen Parteien. Dabei fällt auf, wie viele Gewinner es doch nach einer Wahl gibt. Die meisten Parteien, die in den TV-Sendungen die Gelegenheit zur Selbstpräsentation erhalten, haben irgend etwas zu feiern. Wer diesmal wirklich etwas zu feiern hat, sind natürlich die Piraten. Dass diese Partei aus dem Stand heraus 8.9 Prozent der Stimmen erzielen würde, damit hat wohl niemand gerechnet. Nicht einmal die Partei selbst, die nur 15 Kandidaten aufgestellt hat, die tatsächlich alle ein Mandat errungen haben. Ob sie damit auch eine vernünftige Politik machen werden, wird sich zeigen.

Klaus Wowereit feiert den Wahlsieg der SPD, die ja mit 28.3 Prozent tatsächlich die meisten Stimmen erzielen konnte. Allerdings hat Wowi selbst sein Direktmandat an einen unbekannten CDU-Politiker verloren.

Die CDU freut sich darüber, dass der rot-rote Senat abgewählt ist, wenngleich sie vermutlich auch weiterhin nicht mitregieren wird. Fragt sich, was diese Partei selbst zu diesem „Erfolg“ beigetragen hat. Meinen die womöglich die Instrumentalisierung der angeblich von Linksextremisten verursachten Autobrände? Der Kriminologe Christian Pfeiffer hatte im Vorfeld davor gewarnt, diese Brände im Wahlkampf zu instrumentalisieren, und darauf hingewiesen, dass ein Großteil der Brandstiftungen keinen linksextremistischen Hintergrund haben kann.

Des weiteren freut sich die CDU darüber, etwas mehr als 23 Prozent der Stimmen erzielt zu haben. Nun gut, über ein solches Ergebnis hat sich die SPD im Bund auch schon mal gefreut.

Bei Grünen und LINKEN lässt sich immerhin eine realistischere Sicht der Ergebnisse feststellen. Die Grünen können sich natürlich über einen Zuwachs an Prozenten freuen. Ihr eigentliches Ziel, zukünftig das Amt des Oberbürgermeisters zu bekleiden, haben sie allerdings nicht erreicht. Die LINKE hat zwar im Vergleich zu 2006 nur 1.7 Prozent verloren, allerdings reichen die Mandate von SPD und LINKEN nun nicht mehr für eine rot-rote Regierung aus.

Nur die FDP hat nicht wirklich etwas zu feiern. Wenngleich das Projekt 18 (Promille) ja diesmal punktgenau erfüllt worden ist.

Von den großen Verlierern, die ein solches Ergebnis auch nicht erwartet haben, hört man meistens gewisse Floskeln, wonach man das Wahlergebnis erst einmal analysieren, Ursachen erforschen und dann auch Konsequenzen daraus ziehen müsse usw. blabla. Was anderes bleibt den Betroffenen dann nicht übrig. Interessanterweise hatte die FDP im Nachgang an die vorherigen Wahlen eigentlich genügend Zeit zum Analysieren und Ziehen von Konsequenzen. Allerdings hat man zumindest die angeführten Floskeln schon auswendig gelernt.

Psychologisch ist das durchaus nichts Neues und Fremdes. Der Grund dafür: Der Mensch ist bestrebt, eine positive Sicht auf die Dinge, vor allem auf sich selbst und seine Erfolge zu bewahren. Wer nicht gerade depressiv ist – man sagt auch, dass Depressive eigentlich eine realistischere Weltsicht haben – der konzentriert sich auf das Positive. So bedeutungslos das eigentlich auch sein mag.

Erfolge werden gern auf eigene Anstrengungen und Fähigkeiten zurückgeführt, Misserfolge auf äußere Umstände. Man kann die besonderen Schwierigkeiten betonen, die man bei der Bearbeitung einer Aufgabe hatte. Die anderen hatten ja viel bessere Voraussetzungen. Man ist ja selber gar nicht schuld. In der Sozialpsychologie wird das auch „Sandbagging“ genannt, d.h. man verweist auf einen großen Sandsack, den man mit sich herumzuschleppen hatte.

Wer nicht parteigebunden ist, hat auch die Möglichkeit, seine Sympathie für einen der großen Gewinner zu entdecken. Die Piraten sollen jedenfalls auf einmal einen großen Mitgliederzulauf haben.

In der Sozialpsychologie nennt man dieses Phänomen „Basking in reflected glory“. Man sonnt sich im Schein der anderen. Wissenschaftlich untersucht hat man das vor allem im Zusammenhang mit Sportveranstaltungen. Hat die favorisierte Mannschaft gewonnen, heißt es üblicherweise „Wir haben gewonnen!“ und man trägt mit Stolz die Vereinsklamotten. Hat die favorisierte Mannschaft allerdings verloren, so meint man „Die haben verloren.“ und die Schals, Mützen usw. landen im Schrank. Was der Bier trinkende und Chips essende TV-Zuschauer mit XXL-Maßen selbst zum Sieg „seiner“ Mannschaft beigetragen hat, sei einmal dahingestellt.

Ein Beitrag von Falk Richter – http://www.falkrichter.de

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