Freitag , 2 Dezember 2016
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NATO-Massaker in Libyen

zliten_bombings_aug_8Bei einem Bombenangriff durch NATO-Streitkräfte wurden in der Nacht von Montag auf Dienstag nahe der libyschen Stadt Slitan, 150 km östliche von Tripolis, 85 Menschen getötet, unter ihnen Frauen und Kinder. Die kurzen Stellungnahmen der NATO decken sich keinesfalls mit den Anschuldigungen, die von libyscher Seite erhoben, und von der lokalen Bevölkerung bestätigt, werden. Die Rede eines Regierungssprechers vor internationaler Presse, mit der Aufforderung, die tragischen Bilder zu filmen, erscheint nicht nur überzeugender als die Erläuterungen, die im Westen Verbreitung finden, sondern auch logisch. Objektive Berichterstattung erfordert es auf alle Fälle, auch die libyschen Kommentare zu berücksichtigen.

Der Stern schreibt schon in der Schlagzeile: „Keine Beweise für den Tod von Zivilisten in Libyen“. Worauf basiert diese Behauptung? Man beruft sich auf die NATO, die jede Anschuldigung kategorisch zurückweist. Allerdings, ein Reporter von BBC, der von dem Vorfall vor Ort berichtet, gibt sich keineswegs so überzeugt. Auch wenn es sich bei rund zwanzig Toten um Männer im kampffähigen Alter handelt, verweist er trotzdem auf die Leichen eines zweijährigen Kindes und zweier Frauen, die ihm gezeigt wurden. Ein 15-jähriges Mädchen erzählt, dass es sich um kein militärisches Camp gehandelt hätte. „Warum haben sie uns angegriffen?“, fragt sie mit verzweifeltem Blick. Und der BBC-Reporter fügt hinzu: „Her grief is genuine“ – Ihre Trauer ist echt.

Reuters zitiert einen NATO-Sprecher aus Brüssel, der erklärte, Ziel des Angriffs sei eine Sammelstelle gewesen, „die von Regierungstruppen zum Angriff auf Zivilisten genutzt werde“.

Klingt doch überzeugend, dieser Satz, oder nicht? Wir haben während der vergangenen Monate ja immer wieder gehört, dass Gaddafi-Truppen Zivilisten angreifen. Allerdings, wo steckt die Logik?

Die libysche Regierung steht unter internationalem Druck. Jeden Tag fliegen NATO-Truppen Angriffe. Gleichzeitig kämpfen Regierungstruppen gegen bewaffnete Rebellen. Aus welchem Grunde sollte die libysche Armee Zeit, Energie und Munition damit verschwenden, harmlosen Zivilisten nach dem Leben zu trachten? Es sei denn, die schwer bewaffneten Rebellen werden, nachdem sie schließlich keiner offiziellen Armee angehören, als Zivilisten bezeichnet. In so einem Fall würde sich aber auch jeder NATO-Staat mit Waffengewalt zur Wehr setzen, wenn militante Gruppen die Macht im Staate gewaltsam zu übernehmen versuchten.

Während die westlichen Zeitungen vorwiegend die Meldungen der westlichen Nachrichtenagenturen weitergeben, versammelte Musa Ibrahim, ein Sprecher der libyschen Regierung, Journalisten um sich und forderte sie auf, ihrer moralischen und historischen Pflicht nachzukommen. Er forderte sie auf, die Bilder der getöteten Familien um die Welt zu senden. Er wolle nicht schulmeistern, erklärte er in erstklassigem Englisch und fügte hinzu: „Es handelt sich um einen Aufruf an Ihre Herzen!“

Er stellte die Frage, um welche Art von Volkserhebung es sich handle, wenn internationale Armeen gebraucht werden, um für diese zu kämpfen? Was für eine Art von Volkserhebung müsste mit Milliarden und Milliarden von Dollars finanziert werden?

Er lud dazu ein, die Situation analytisch zu betrachten. Würde das libysche Volk die Regierung Gaddafis wirklich mehrheitlich ablehnen, wie ist es dann möglich, dass ein angeblich so verhasstes Regime über Monate hinweg so viel Widerstand leistet? Dieses Regime, das sich gegen die Macht der NATO behauptet, gegen die bewaffneten Rebellen, gegen die Seeblockade, gegen die Flugverbotszone, gegen den Diplomatenkrieg und all das, obwohl die finanziellen Mittel eingefroren wurden. Es müsste sich um ein übermenschliches Regime handelt, wenn es, trotz der vorgegebenen Isoliertheit im Land, zu all dem fähig wäre.

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Während die meisten internationalen Medien die Darstellung der libyschen Regierung weitgehend ignorieren, findet sich doch ein objektiver Bericht bei CNN. Ein Teil der Rede von Musa Ibrahim wird ebenso gezeigt wie die aufgebrachten Massen, deren Aggressionen sich keineswegs gegen Gaddafi, sondern gegen die NATO richten. Zwar konnte der Reporter die Behauptung, dass von den 85 Getöteten 33 Kinder und 32 Frauen wären, nicht verifizieren, er gab aber trotzdem bekannt, dass sich unter den Leichen, die ihm gezeigt wurden, mehrere Frauen und Kinder befanden. Eine ältere Frau, die im Krankenhaus gefilmt wurde, hatte bei den Angriffen ein Bein verloren.

Von der offiziellen NATO-Stellungnahme, dass es sich um ein Militärcamp gehandelt habe, in dem sich libysche Soldaten und Söldner befunden hätten, zeigte er sich nicht sonderlich überzeugt. Stimmen aus der zivilen Bevölkerung erklärten genau das Gegenteil.

Warum Gaddafi ausgeschaltet werden soll, lässt sich keineswegs eindeutig erklären. Die wahren Gründe reichen vermutlich weit über die Ölvorkommen hinaus. Gaddafi schien ernsthafte Bemühungen in die Wege geleitet zu haben, den afrikanischen Kontinent in eine wirtschaftliche und monetäre Unabhängigkeit zu führen. Es mag sein, dass Gaddafi seine eigene Position im Spiel um die Welt bei weitem überschätzt hatte. Was immer die Gründe für den Krieg gegen Libyen sind, mit Sicherheit handelt es sich nicht um den Schutz der Zivilbevölkerung. Die Beweise, die gegen diese Behauptung sprechen, erhärten sich von Tag zu Tag.

Als außenstehende Beobachter haben wir sicher wenig Grund, Gaddafi zu bemitleiden. Wer hoch spielt, verliert hoch. Die Menschen, die unter dem Krieg leiden, verdienen jedoch mit Sicherheit unser Mitgefühl. Was uns allerdings am meisten bewegen sollte, ist diese Unverschämtheit, mit der uns Lügen aufgetischt werden. Die Propagandamaschine wiederholt immer und immer wieder völlig unhaltbare Behauptungen. Und natürlich ist Libyen in diesem Zusammenhang sogar nur ein Randbeispiel. Von den Bürgern des Westens wird schlichtweg erwartet, jedes vermutliche Verbrechen, das von NATO-Einheiten begangen wird, zu akzeptieren. Die NATO sind ja schließlich wir. Und wir sind „die Guten“. Doch wenn wir, die Bürger, im Zusammenhang mit Kriegen und mysteriösen Terroranschlägen belogen werden, gibt es noch irgend etwas, was wir den offiziellen Stellen glauben dürfen?

Sich auf die Berichterstattung durch die etablierten Presse zu verlassen, führt mit Sicherheit zu keinem besseren Verständnis der Situation. Diktatorische Regime werden beschuldigt, die staatlichen Medien als Instrument der Meinungsbildung zu verwenden. Unsere „freie Presse“ erhebt den Anspruch der Objektivität. Trotzdem zeigt sich ein ebenso einheitliches Bild wie bei staatlichen Medien. Objektive Informationsquellen erscheinen den etablierten Kreisen dabei keineswegs als Störfaktor. Sie werden, ihrer angeblich „verschwörerischen Ansichten“ wegen, einfach ins Abseits gedrängt. Der aufmerksame Leser kann sich jederzeit sein eigenes Urteil bilden, indem er beide Seiten vergleicht. Allerdings, Aufmerksame Leser stellen mit Sicherheit nicht die Mehrheit dar.

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