Samstag , 25 März 2017
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Gemachte Armut in Europa – auch in Deutschland gibt es immer mehr mittellose Menschen

Hätten Sie es gewusst? Die meisten armen Kinder (über 30 Prozent!) leben in Mecklenburg-Vorpommern. Auch Bremen, Berlin, der Nordosten Brandenburgs, Sachsen-Anhalt und der Westen Sachsens zeigen mit Werten zwischen 25 und 30 Prozent besorgniserregende Zahlen. In der reichen Hansestadt Hamburg leben sage und schreibe 20 bis 25 Prozent der Kinder unterhalb der Armutsgrenze, ebenfalls in weiten Teilen Niedersachsens und Nordrhein-Westfalens.

Mehr als eine Meldung oder ein betroffener Filmbericht sind meistens nicht drin, wenn es um das Elend vor unserer Haustür geht. Die Wirtschaft boomt, die neue Regierung will, dass es der Bevölkerung in Deutschland gut geht. Aber davon, dass immer mehr Gruppen innerhalb der deutschen Gesellschaft von Armut getroffen werden, erfahren wir insgesamt nicht allzu viel. Denn wir könnten ja auch auf die Barrikaden gehen wie unsere Nachbarn im Süden und Osten Europas. Wie würde unsere Kanzlerin dann dastehen? In Polen, Frankreich, Portugal und Spanien meutern die Menschen zu Zehntausenden auf der Straße und nicht nur gelegentlich im Fernsehen. In Italien und Griechenland gehören öffentliche Proteste seit Jahren ebenso zum Alltag. Bei uns gibt es fast nur noch Demos von Autonomen, deren Ziele den meisten Bürgern gleichgültig sind.

 

Armut in Deutschland
Foto: Jörg N / pixelio.de

Ende 2012 konnten wir lesen; dass die Wut in den Krisenstaaten Europa lahm lege, damals gingen die Frauen und Männer in Belgien, Italien, Spanien, Frankreich und Griechenland aufgrund der knallharten Sparpolitik auf die Straße. Damals nahmen die durch eigenes Verschulden gebeutelten Banken Länder von Irland über Großbritannien bis nach Spanien und Zypern ganz Europa in „Geiselhaft„: 1.600.000.000.000 Euro zahlten die Steuerzahler für den Bankenwahnsinn. 1,6 Billionen: Das würden für jeden Deutschen 20.0000 Euro, zwei Drittel eines durchschnittlichen Jahreslohnes, bedeuten. Die sogenannte Bankenkrise könnte auch als Umverteilungsaktion von gigantischen Ausmaßen zu Lasten der Steuerzahler in Europa bezeichnet werden.

Armut in reichen Ländern, zum Beispiel in Deutschland

In den westeuropäischen Industrieländern galt die Armut als überwunden, Wohlstand für alle war die Maxime. Doch diese Zeiten sind vorbei – ausgelöst durch die Umbrüche in der Wirtschaft und durch die gravierenden Umstrukturierungen des Sozialstaates. Neoliberale Reformen führten Millionen Menschen in eine Sackgasse der Existenzängste und nicht in gesicherte Lebensverhältnisse. Diese Entwicklung lässt sich nicht nur in den Problemländern wie Spanien beobachten. Dort hat ein Viertel der Bevölkerung keine Arbeit, immer mehr Kinder leben in Armut oder befinden sich im Abstieg dorthin.

Doch auch hierzulande wächst die Zahl der Armen ebenso wie in Frankreich.

Das Schlimme: Heute wird Armut von Generation zu Generation vererbt, sodass sich bestimmte Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt fühlen. Damit sind weitaus größere Herausforderungen an unsere Gesellschaft verbunden: Denn schließlich sollen Kinder doch unsere Zukunft sein – doch wenn diese in einem öden und demotivierenden Kreislauf aufwachsen, der von Mutlosigkeit und mangelnder Perspektive geprägt ist, wird diese Zukunft zwangsläufig ohne ihre Mitwirkung gestaltet.

Bilder der Armut -am Beispiel Dortmund

In dieser Großstadt, deren Fußballverein BVB in ganz Deutschland berühmt ist, lebt laut Statistik jedes vierte Kind in Armut. Die betroffenen Kids werden nicht selten in der Schule gemobbt, weil sie nicht die richtigen trendigen Klamotten tragen. Neben der sozialen Ausgrenzung leiden viele darunter, dass sie weder reisen noch kulturelle Anregung bekommen können. Überall fehlt das Geld. Hartz IV kommt vielen wie eine Art Beruf oder zumindest wie etwas vor, wofür man sich bewusst und aus freien Stücken entscheidet.

Kurz vor Monatsende sind zahlreiche arme Familien darauf angewiesen, sich bei „der Tafel“ zu versorgen, die vom Überfluss unserer allgemeinen Nahrungsmittelversorgung profitiert. Das System „verklappt“ bekanntlich alles, was als unverkäuflich gilt, bestenfalls bei den Tafeln im Lande. Die Helfer engagieren sich als Ein-Euro-Jobber. Die Agenda 2010 hat dazu geführt, dass sich die Zahl der Tafeln in Deutschland verdreifacht hat. Inzwischen gibt es 2.000 solcher Ausgabestellen, die einen Zulauf von rund einer Million Bedürftiger zählen. Dabei lässt sich beobachten, dass viele Bürger in sozialer Schieflage leben – und das ohne eigenes Verschulden. Vielmehr haben soziale Verwerfungen, die der Normalbürger nicht beeinflussen kann, dazu geführt.

Dokumentation über europäische Armut

Der Dokumentarfilm „Gemachte Armut“ von Lourdes Picareta, die im November 2012 auf Arte gezeigt wurde, beleuchtete das Problem der europaweiten Armut. Sie recherchierte beispielsweise in Spanien, wo es einen Wohlfahrtsstaat wie etwa in Skandinavien nie gab. Dort lebten ca. 400.000 Familien im letzten Jahr von den Renten der Großeltern, und die Kinderarmut war zu jener Zeit nur in Rumänien und Bulgarien größer als im beliebten Reiseland Spanien. In dem Film äußerten sich Politikwissenschaftler und Sozialforscher, die den Trend zu Armut nicht für unvermeidlich hielten, sondern vielmehr von „gemachter Armut“ sprachen. Die horrende Jugendarbeitslosigkeit, die besonders in Spanien und Griechenland alarmierend hoch ist und bei 56 und 63 Prozent liegt, ist ein Indikator dafür. Nicht auszudenken, wenn eine ganze Generation den Mut für die Zukunft verliert – damit würde Europa in weiten Teilen jede Perspektive genommen. Diese aber wird bereits heute und nicht erst morgen benötigt.

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