Donnerstag , 1 September 2016
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Lebensmittelverschwendung: gedankenloser Umgang mit unserer Nahrung

Quelle: Mandy  / pixelio.de
Quelle: Mandy / pixelio.de

Was in der Systemgastronomie und in Fast-Food-Restaurants auf Vorrat produziert und nicht rasch verkauft wird, landet im Müll. Ist das Haltbarkeitsdatum auf Lebensmitteln überschritten, entsorgen Millionen Deutsche sie ungeöffnet. Bei Discountern und Einzelhandelsfilialen wandern hierzulande täglich tonnenweise Obst, Gemüse, Fleisch und abgepackte Waren in die Müllcontainer. Diese Zustände empören viele nicht nur angesichts des Hungers in der Welt. Die Lebensmittelverschwendung wird von ökologisch bewussten Menschen immer öfter angeprangert. Massentierhaltung, Billigprodukte und industriell verarbeitete Grundnahrungsmittel stehen stark im Fokus aller, die in puncto gesündere Ernährung ein Umdenken fordern.

Haben wir vergessen, welchen Wert unsere Nahrung besitzt?

Wer wie unsere Großeltern in Kriegs- und Nachkriegszeiten quälenden Hunger erlebt hat, schätzt den Wert von Lebensmitteln meist höher ein als diejenigen, die in der Überflussgesellschaft aufwuchsen. Ist immer genug zu essen da, verliert mancher den Bezug dazu, woher die Nahrung kommt und wie viele Stufen sie bis zur verkaufsfähigen Ware durchlaufen hat. Es soll Zeitgenossen geben, die Milchprodukte wie aromatisierte Butter, mit Frucht angereicherten Joghurt oder pasteurisierte Kaffeesahne gar nicht mit dem in Verbindung bringen, was als Naturprodukt aus dem Euter einer Kuh kommt. Kinder, die dreimal pro Woche Spaghetti mit fertiger Tomatensauce essen, wissen oft nicht einmal, wie eine Tomate aussieht. Konsumenten, die ihr Gemüse grundsätzlich tiefgekühlt kaufen und in der Mikrowelle garen, haben selten eine Ahnung, wie erntefrisches Gemüse geputzt und zubereitet wird. Die Entfremdung von natürlichen Produkten führt ebenfalls dazu, dass wir es mit einer unverantwortlichen Lebensmittelverschwendung zu tun haben.

Quelle: http://www.la-va.com/magazin/der-weg-der-lebensmittelverschwendung.htm
Quelle: http://www.la-va.com/magazin/der-weg-der-lebensmittelverschwendung.htm

Bewusst einkaufen, ohne in die Werbefallen zu tappen

Ein weiterer Faktor bei der Verschwendung von Lebensmitteln sind die im internationalen Vergleich sehr niedrigen Preise für Nahrungsmittel in Deutschland. Die Branche unterbietet sich mit Sonderangeboten und Schnäppchen, auf die preisbewusste Verbraucher häufig mit unbedachten Einkäufen reagieren. Lebensmittel stapeln sich in Küchen und Kühlschränken und werden nicht verbraucht. Hauptsache billig – so lautet die Devise vieler Menschen, die sich maßlos mit Nahrungsmitteln eindecken, die sie gar nicht zum Leben brauchen oder die sie nie ganz verbrauchen. Sie erhöhen mit diesem Verhalten die allgemeine Lebensmittelverschwendung, die bedrohliche Ausmaße annimmt.

Die Konzerne liefern sich einen gnadenlosen Preiskampf, um den Konsum weiter anzuheizen. Sie bringen nicht nur immer neue, sondern auch immer preiswertere Produkte auf den Markt und suggerieren dem Verbraucher, sich damit gut, günstig und ohne großen Arbeitsaufwand ernähren zu können. So unterstützen sie die Lebensmittelverschwendung und die Zivilisationskrankheiten, die auf billig produzierte Nahrungsmittel zurückzuführen sind. Wie lange wollen wir das noch mitmachen? Es ist ja nicht so, dass es keine Proteste gibt. Auch in den Medien wird immer wieder versucht, die Verbraucher auf die Lebensmittelverschwendung und einen lieblosen Umgang mit unserer Nahrung aufmerksam zu machen. Ökologischer Anbau, Bio-Produkte und Fair Trade sind beliebter geworden, aber weggeworfen wird Ware mit Bio-Siegel oft im selben Tempo wie andere Lebensmittel.

Der Gesetzgeber verschlimmert die Lebensmittelverschwendung

Auf abgesperrtem Gelände befinden sich meistens die Müllcontainer, in denen Supermärkte unverkaufte Frischware oder verpackte Lebensmittel, deren Haltbarkeitsdatum überschritten ist, entsorgen. Dabei sind diese fast immer noch genießbar, doch die strengen gesetzlichen Vorschriften oder die Lebensmittekonzerne verlangen einen solchen Umgang mit unserer Nahrung. Nur makelloses Obst und Gemüse darf in den Auslagen liegen, bei Milch- und Fleischprodukten muss ebenfalls absolute Frische gegeben sein. Dass viele der weggeworfenen Produkte aus der Verwertung von Lebewesen beruht, scheint keine Rolle zu spielen.

Übrigens ist es strafbar, sich aus den Containern zu bedienen. Das hindert aber viele Menschen nicht daran, es trotzdem zu tun. Manche machen es, um ihren Protest gegen die Lebensmittelverschwendung zu verdeutlichen, andere fischen sich aus Geldmangel gut erhaltene Nahrungsmittel aus dem Wohlstandsmüll. Waren mit überschrittenem Haltbarkeitsdatum dürfen nach dem Gesetz auch nicht an Hilfsbedürftige oder karitative Einrichtungen abgegeben werden. Doch es gibt Händler, die sich nicht an diese Vorschriften halten und abgelaufene Produkte kostenlos zum Mitnehmen anbieten. So wertschätzend kann der Umgang mit unserer Nahrung auch aussehen. Außerdem wissen zahlreiche Geschäftsleute, mit welchem Makel die verordnete und ritualisierte Lebensmittelverschwendung mittlerweile belegt ist. Zum Glück wächst die Bereitschaft, diesen Auswüchsen Einhalt zu gebieten.

Wie uns Subventionen zur Lebensmittelverschwendung verführen

Erfolgreiche Nahrungsbeschaffung erfüllt uns wie den Steinzeitmenschen mit tiefer Genugtuung. Zwar müssen wir nicht mehr jagen und sammeln, sondern nur das günstigste eingeschweißte Schnitzel oder den als Sonderangebot ausgezeichneten Joghurt aus dem Regal nehmen. Unsere Urinstinkte funktionieren, obwohl wir es heute mit einem Überangebot an Nahrung und mit unfassbaren Halden entsorgter Produkte zu tun haben. Dabei hat die Lebensmittelverschwendung im heutigen Ausmaß erst vor rund 60 Jahren ihren Anfang genommen, als sich das unterversorgte Nachkriegsdeutschland das sogenannte Wirtschaftswunder erarbeitete. Damals kamen die staatlichen Subventionen auf, die es erlaubten, Nahrungsmittel zu erschwinglichen Preisen an Normalbürger zu verkaufen. Dass damit die Entwicklung zur Lebensmittelverschwendung eingeleitet wurde, war den Verantwortlichen nicht klar. Die Kehrseite der Medaille, dass sich jedermann in diesem Land preiswert ernähren kann: Aufgrund unserer Programmierung lassen wir uns scharenweise hinters Licht führen.

Denn die bis heute verteilten Fördermittel für die Erzeuger von Nahrung werden aus unseren Steuern finanziert. Insofern unterstützen wir indirekt die Massentierhaltung, während kleine Betriebe oder Bio-Bauern nur einen Bruchteil der zur Verfügung stehenden Subventionen erhalten. Der Staat leitet die Gelder auch EU-weit an Erzeugerländer weiter, in denen die Auflagen für artgerechte Tierhaltung noch lascher sind als bei uns. Trotzdem wird uns selbst minderwertiges Fleisch unter dem Etikett schmackhafter Ware verkauft, bei der das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt. Derlei Marketing-Machenschaften befördern ebenfalls die Lebensmittelverschwendung. Hinzu kommt, dass die Erzeuger und Lieferanten einem enormen Druck seitens der Konzerne ausgesetzt sind, ihre Produkte billig zu produzieren und abzugeben.

Der Kunde ist König, und der Verbraucher hat die Macht

Das Thema Lebensmittelverschwendung ist komplex und für viele Konsumenten ziemlich frustrierend. Doch wir müssen angesichts der Übermacht der Lebensmittelkonzerne nicht resignieren. So privilegiert wir mit einem reichhaltigen Angebot, das sich viele leisten können, auch sind, so mächtig sind wir gleichzeitig, um Angebot und Nachfrage zu regulieren Wir müssen uns nicht hilflos den verkaufsfördernden Maßnahmen aussetzen, die sich Marketing-Experten ausdenken. Denn wir haben die Wahl, unsere Einkäufe auf Biomärkten und in kleinen Fachgeschäften zu tätigen, um der Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken. Wenn wir begreifen, dass gute Nahrung ihren Preis hat, und diese kaufen, fördern wir die Erzeuger hochwertiger Lebensmittel.

Außerdem sollten wir unseren eigenen Lebensmittelkonsum hinterfragen: Wollen wir wirklich Fleisch essen, das von gestressten Vierbeinern und rasant gemästetem Geflügel stammt? Ist es uns egal, ob Früchte und Gemüse auf unserem Teller mit Pestiziden behandelt wurden, um einen höheren Ernteertrag zu garantieren? Sind wir uns darüber im Klaren, was wir eigentlich im Laufe einer Woche zu Hause verbrauchen? Dementsprechend bewusst können wir einkaufen und kochen. Unterstützen wir heimische Erzeuge, indem wir regionale und saisonale Angebote nutzen? Ist Food-Sharing eine Alternative für uns, um die Lebensmittelverschwendung aus eigener Kraft einzudämmen? Online-Programme für Food-Sharing ermöglichen es, übermäßige Lebensmittelvorräte mit anderen zu teilen und abholen zu lassen, damit weniger Nahrung im Müll landet.

Der technische Fortschritt hilft uns ebenfalls dabei, Nahrungsmittel nicht verderben zu lassen. Im Kühlschrank halten sich diverse Produkte lange frisch. Essensreste, Brot, frisches Gemüse und Fleisch können auch eingefroren werden. Als hilfreich erweist sich auch ein Vakuumiergerät, um Lebensmittel länger haltbar zu machen. Letztendlich entscheidet, wie bedacht und sorgsam wir einkaufen und welche Produkte wir meiden, damit wir die Lebensmittelverschwendung zu minimieren helfen. Denn dieses Thema wird im Laufe der nächsten Jahre immer mehr an Bedeutung gewinnen – nicht zuletzt wegen der vielen Zuwanderer in Deutschland.

Über Andreas Kappler

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