Freitag , 19 Januar 2018
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Das Glück des Schreibers und die Entzückung der Leserschaft

fuellfederhalter_1Sehr geehrte Damen und Herren, Sie wissen sicherlich selbst ganz genau, warum Sie mit großer Freude, mit Lust und Hingabe sofort zu lesen beginnen, wenn Sie Zeilen finden, welche durch mich und mit meinen Worten für Sie gefüllt wurden. Geist und Schlagfertigkeit, Witz und Intelligenz – eine pure Lust, meiner Schreiberei zu folgen. Aber ist das schon genug? Nein, nein und nochmals nein, es ist nicht genug, es ist viel mehr. Mein Durchbruch ist geschafft, Sie waren von Anfang an dabei, wir haben uns bestens ertragen und noch besser vertragen, und jetzt die FAZ. Das Feuilleton der FAZ hat mich entdeckt, hat sich mit mir beschäftigt. Die FAZ selbst analysierte mein literarisches Werk und stellte es in eine Reihe mit den ganz Großen der Literatur. Davon abgesehen, dass ich zweifelsfrei dort hin gehöre, es bleibt ein Rest von Stolz und ein Gefühl der Ehre.

Jetzt zu den Einzelheiten, auf welche Sie sicherlich schon gespannt warten. Auf der Seite „FAZ.net“, im Feuilleton findet man den F.A.Z.-Stiltest. Erfunden hat ihn ein Russe aus Montenegro namens Dmitry Chestnykh. Das Prinzip ist ganz einfach aufgebaut. Sie haben die Möglichkeit, einen selbst durch Sie verfassten Text einzugeben. Die Maschine gleicht dann in einer affenartigen Geschwindigkeit den Text mit dem Schreibstil der vorgenannten Großen ab. Sie erfahren also sehr präzise, ob Sie wie Karl Marx oder Karl Valentin schreiben. Ich verfüge zwar über einen aufreizend guten, flüssigen und individuellen Schreibstil, warum aber nicht. So dachte ich.

Die erste Frage war sehr knifflig, welchen Text und wie viel Text sollte ich eingeben? Mein Repertoire ist umfangreich, vielseitig, witzig und ansprechend. Dies machte die Auswahl nicht unbedingt leichter. Aber, ich musste mich entscheiden, und ich entschied mich für einen Text, welchen ich extra für diesen Test schaffen wollte. Ich habe es getan:

Die Geschichte des Schreibers, tja…
Es war einmal ein Schreiber.
Der hatte einen Federhalter und Papier.

Gestern war in Afrika Vatertag.
Muttertag ist nächste Woche.
Regen im Mai – April vorbei.
Der Baggersee hatte Kopfweh, laufend.

Durch Zeilenumstellung gelang es mir, eine Vielzahl von Varianten zu erarbeiten, zu den Ergebnissen später. Jetzt zur Geschichte des Schreibers, ich gab den Text ein, die Maschine prüfte – und:

Ich schreibe wie „Theodor Fontane“. Das war nicht schlecht für den Anfang. Jetzt veränderte ich den Text auf die folgende Variante:

Es war einmal ein Schreiber.
Der Baggersee hatte Kopfweh, laufend.
Der hatte einen Federhalter und Papier
Gestern war in Afrika Vatertag.
Muttertag ist nächste Woche.
Regen im Mai – April vorbei.
Die Geschichte des Schreibers, tja…

Laut Maschine war ich immer noch der Theo. Das ist in Ordnung, entspricht aber nicht meiner persönlichen und schriftstellerischen Vielseitigkeit. Hier die nächste Variante:

war einmal  Schreiber. hatte Kopfweh, laufend.
Der hatte einen Federhalter und Papier
Geschichte des tja…
Vatertag-Muttertag
April im Regen

Jetzt war ich „Uwe Tellkamp“.

Meine Neugier war noch nicht befriedigt. Glauben Sie nicht, es wäre eine Frage der Eitelkeit. Nein, dies ist es nicht. Man möchte eigentlich nur wissen, wo man steht. Also gut, noch ein Test mit einem Text, welcher dem Basistext angelehnt war. Er lautete:

Laufend Kopfweh Schreiber tja
Muttertag war letzte Woche.
Das Papier bringt dir Papa.
Und im Wasser schwimmt ein Roche.
Füllden glänzt der Federhalter.
Im Hof das ist ein Taxi.
Und am Steuer sitz der Walter
Trinkt auch gern den Schnapsi.

Diesmal war ich schon sehr gespannt, hatte ich doch meinen Ruf als Lyriker vor eine Maschine gelegt. Schon gut, Sie wissen es sicherlich schon, der Theo.

Ein letzter Versuch sollte noch gewagt werden. Das Experiment musste zu einem krönenden Abschluss gebracht werden, nochmals ein neuer Text. Aus einem meiner zahllosen und erfolgreichen Abendprogramme bestückte ich die Maschine mit elf Elfchen, hier die Elfchen und das Ergebnis:

Elf Elfchen sollt ihr sein…
Vogel
flieg und
übe mit anderen
Vögeln – Vögeln, dann zisch
ab.
Die
Luft trägt
meinen Vogel, bis
ich elend runter knalle.
Scheisse.
Letztmals
nach der
Trauung flatterte wie
wild die weiße Friedenstaube.
Erledigt.
Du
hast einen
Vogel, sagte sie.
Da hat sie Recht.
Piep.
Das
Vorbild Rabe
schreibt mit Feder
alles auf. Er schreibt
federleicht.
Ich
knabb`re gern
an deinen Schenkeln.
Es nagt sich gut,
gebraten.
Als
Chicken Nuggets
schmeckst du wunderbar.
Als Pommes taugst du
nicht.
Du
schreibst eine
Geschichte von Vögeln.
Da musst du dich
beherrschen.
Du
schreibst keine
Geschichte von Vögeln.
Da bin ich richtig
Froh.
Der
Oliver Bierhoff
ist ein Vogel.
Als Glühwürmchen wäre er
besser.
Ich
schreibe nie
über Politiker und

Vögel. Meist haben sie
einen.

Jetzt war ich laut Maschine „Melinda Nadj Abonji“. Es ist eine wunderbare Schriftstellerin, welche sich gerne an mich anlehnen darf – stilistisch.

Eine letzte Bestätigung meiner unbedingten Eignung erbrachte der kleine und wirklich abschließende Text, welchen Sie, sofern Sie noch da sind, lesen müssen:

Heute trug ich schwarze Socken und farblich abgestimmte Wäsche. Ich hatte noch nicht in der Nase gebohrt, obwohl ich schon angezogen war. Das Wetter war mies und meine Laune gut. Ich beschloss, ab sofort an dieser Geschichte nicht weiter zu schreiben. Also steckte ich den Füllfederhalter weg, räumte den Schreibtisch auf und widmete mich meinem Hunger. Das war schön.

Die Maschine identifizierte mich jetzt als Franz Grillparzer, dafür schämt man sich auch nicht.

Wenn man dann überlegt, wie vielseitig ich bin, welche Stilrichtungen ich in mir vereine, welche Bücher Sie nicht kaufen müssen und trotzdem stilistisch auf dem Laufenden sind, dann macht das doch Sinn. Die Botschaft daraus lautet: Kauft die Bücher vom Reuter und bezahlt ihm das, welches von Fontane und anderen Schreiber(innen) nicht mehr von Euch gelesen werden muss. Morgen teste ich weiter, meine Kontonummer, wie beim letzten Mal auch, bitte bei der Redaktion erfragen, vielen Dank.

© Peter Reuter

Falls sie selbst ihren Schrebstil mit den großen der Zunft vergleichen möchten, hier ist das oben genannte Tool bei der FAZ

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