Sonntag , 26 Mai 2019
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Versicherungen: Kunden sind immer die Verlierer

burning bulidingGegen Eventualitäten versichert zu sein, gehört zum vorsorglichen Denken des modernen Menschen. Dabei ist der überwiegenden Mehrheit durchaus bewusst, mit welchen Praktiken Versicherungs-Gesellschaften ihre sagenhaften Vermögen anhäufen. Wie die Ergebnisse von Umfragen aufzeigen, sind es nicht weniger als 78% der Deutschen, die diesen Institutionen (zusammen mit Banken) misstrauen. Es bedarf wohl einer sonderbaren Denkweise, Kunde eines Unternehmens zu sein, dessen Korrektheit anzuzweifeln ist.

Der Gedanke ist eingeprägt: „Man muss doch versichert sein!“ Und wenig Mitgefühl wird einem Menschen entgegengebracht, der materiellen Schaden erleidet, gegen den er sich nicht zeitgerecht versichert hat. „Der ist doch selber schuld. Er hätte eben eine Versicherung abschließen sollen.“

Bei einer Versicherung handelt es sich um eine Wette mit negativem Erwartungswert! Was bedeutet das?

Zur Veranschaulichung der Basisfunktion einer Versicherung dient das konstruierte Beispiel der Schadensgemeinschaft: In einem Dorf mit hundert Häusern brennt durchschnittliche jedes Jahr eines nieder. Die Bewohner sind gewohnt, einander zu helfen und machen dementsprechend den entstandenen Schaden gemeinsam wieder gut. Nachdem zum gegebenen Zeitpunkt aber nicht immer gewährleistet ist, dass jeder Einzelne über Zeit und Mittel verfügt, um seinen Beitrag zu leisten, gründet die Dorfgemeinschaft einen gemeinsamen Fond, in den Jeder regelmäßig einbezahlt. Nach diesem Prinzip funktioniert eine Versicherung.

Allerdings, wenn dieser „Fond“ nicht gemeinnützig geführt wird, sondern als profitorientiertes Unternehmen, öffnet sich eine breite Kluft zwischen den Summen der einbezahlten Prämien und der schadensbedingten Auszahlungen. Schließlich entstehen Kosten für Verwaltung und Abwicklung, Vertrieb, Werbung etc. Und wenn ein Versicherungsunternehmen über die Jahre hinweg im Wert steigt, dann beruht dieser Wertzuwachs zumindest im Ursprung auf den Beiträgen der Kunden.

fussball wm 2010 spielszeneNun kommen wir auf den zuvor erwähnten Begriff der „Wette mit negativem Erwartungswert“ zurück. Vergleichen wir mit einem Wettpool auf eine Fußball-WM, wie unter Freunden oder Kollegen oft praktiziert. Jeder zahlt einen Euro auf die Mannschaft seiner Wahl ein. Setzen von hundert Teilnehmern nun 20 auf den Favoriten, 15 auf den Zweitbesten etc., dann erhält am Ende jeder Spieler, der auf die siegreiche Mannschaft gewettet hat, seinen entsprechenden Anteil. Gewinnt der Favorit, beträgt die Auszahlung fünf Euro (100 : 20 = 5). Erringt ein Außenseiter den Pokal, so wird das anfangs höhere Risiko durch den entsprechend höheren Gewinn ausgeglichen.

Doch nun fügen wir einige kommerzielle Aspekte hinzu. Schließlich bringt die Abwicklung einen gewissen Aufwand mit sich. Der Initiator, der über einen gesunden Unternehmergeist verfügt, kalkuliert mit einer Entschädigung für sich selbst von – sagen wir – 20%. Nachdem dieser Anteil bei steigenden Umsätzen wächst, bemüht er sich nun, seine Kollegen zu mehr Einsätzen zu überreden. Dies macht er allerdings nicht alleine. Er heuert Vertreter an, die für eine 20%-ige Provision so vielen Leuten wie möglich eine Wette auf die Fußball-WM aufschwatzen. Jetzt erfährt auch noch der Betriebsrat davon und meint, wenn er nicht auch seinen Anteil an dieser Zockerei erhält, dann müsste er sich leider dagegen aussprechen. Also bekommt auch er 10%.

Die Umsätze sind entsprechend gestiegen. Nicht 100, sondern 1000 Euro wurden einbezahlt, 200 davon auf den Favoriten, 150 auf den Zweitbesten etc.

Standen im ersten Fall jedoch noch 100 Euro zur Auszahlung zur Verfügung, sind es jetzt, bei zehnfachem Einsatzvolumen, aber nur 500 Euro, nachdem die Vertreter, der Betriebsrat und der Initiator ihren jeweiligen Anteil entnommen haben. Die Quote für den Favoriten sinkt somit von 5,0 für jeden gewetteten Euro auf 2,50. Ungeachtet wie gut der Einzelne die Chancen einer bestimmter Mannschaften beurteilt, als Gewinn erhält er immer deutlich weniger als es ihm bei unverminderter Auszahlung aller Einsätze zustehen würde. Langfristig kann er nur verlieren – und zwar mit mathematischer Gewissheit.

Wenn auch nicht im rechtlichen Sinne, so handelt es sich bei einer abgeschlossenen Versicherung ebenfalls um eine Wette, denn der eintretende Schadensfall ist – so sollte man hoffen – nicht vorhersehbar. Bezahle ich jeden Monat 50 Euro für eine Feuerversicherung, die im Schadensfall 500.000 Euro deckt, so handelt es sich um eine Wette darauf, dass das versicherte Objekt Flammen zum Opfer fällt. Der Kurs beträgt in diesem Fall, für den Zeitraum von jeweils einem Monat, 1 : 10.000. Gäbe es einen Grund zur Annahme, dass das besagte Haus häufiger niederbrennt als einmal in 10.000 Monaten, wäre der Erwartungswert positiv. Nachdem die Prämie jedoch von der Versicherungsgesellschaft kalkuliert wird, liegt die Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines Schadensfalles immer deutlich niedriger. Denn die Versicherungs-Gesellschaft muss ja schließlich dem Agenten seine Provision bezahlen, den Verwaltungsaufwand decken, unerwartete Risiken abdecken und dividendenhungrige Investoren befriedigen.

Und wie könnte es anders sein, wo immer Umsätze erzielt werden, bleiben die Steuereintreiber nicht aus. Zwar sind Kranken-, Lebens- und Rentenversicherungen ausgenommen, doch betragen die verschiedenen Sätze der Versicherungssteuer bis zu 19,0%.

Dass der Staat von jeder Transaktion seinen Anteil fordert, dass jedes Unternehmen seinen Verwaltungsaufwand zu decken hat, dass jede Investition Rendite abwerfen muss, bringt mit sich, dass ein nennenswerter Anteil jeder geleisteten Versicherungsprämie den genannten Zwecken zugutekommt, und nicht dem Schadensfall.

Wer ein Lottoticket kauft, weiß, dass nur die Hälfte von jedem Euro als Gewinn ausbezahlt wird. Trotzdem spekuliert er auf den höchst unwahrscheinlichen Fall eines großen Gewinns. Wird aus dem Euro eine halbe Million, so hält sich der Schmerz über den von der monopolisierten Lottogesellschaft einbehaltenen Anteil, der ziemlich genau 50% beträgt, in Grenzen. Ist meine Feuerversicherung so kalkuliert, als würde mein Haus alle 800 Jahre abbrennen, statistisch betrachtet tritt dieser Fall aber nur alle 2.000 Jahre ein, dann bin ich trotzdem froh, den möglichen Schaden gedeckt zu wissen.

roulette kesselAllerdings, je regelmäßiger der Gewinnfall (im Wettjargon) oder Schadensfall (im Versicherungsjargon) eintritt, desto offensichtlicher wird der für den Spieler bzw. Versicherungsnehmer eintretende Verlust. Die Wahrscheinlichkeit, im Lotto sechs Richtige + Zusatzzahl zu erraten, beträgt 1/139.838.160. Bei zweimal wöchentlich zehn abgegebenen Tipps dauert es im Durchschnitt 133.000 Jahre, bis der Gewinnfall eintritt. Geschieht dies im Laufe einer einzigen Lebensspanne, so fällt der gravierende Unterschied zwischen fairer und tatsächlicher Auszahlung überhaupt nicht ins Gewicht. Würde am Roulettetisch ein ähnlich hoher Hausanteil einbehalten werden, würde dies bedeuten, dass bei einem Einsatz auf „rot“, mit 50%-iger Gewinnchance, für jeweils 100 Euro nur 50 Euro Gewinn bezahlt würden. Im Handumdrehen wäre jeder Spieler pleite.

Ein anschauliches Beispiel dazu bietet die Vollkasko-Versicherung für PKWs. Die Haftpflicht-Versicherung ist natürlich nicht umgehbar, doch für ein Unternehmen, das über einen Fuhrpark ab einer bestimmten Größenordnung verfügt, handelt es sich beim Abschluss einer Vollkasko-Versicherung um einen leicht zu berechnenden Verlust. Umfasst der Fuhrpark z. B. 100 Fahrzeuge, dann treten Schadensfälle mit einer abschätzbaren Beständigkeit ein. Ungeachtet wie günstig das Angebot einzelner Versicherungs-Gesellschaften auch sein mag, das besagte Unternehmen kommt immer billiger weg, das Risiko selbst zu tragen.

Hierbei ist natürlich zu erwähnen, dass unerwartete Umstände eintreten könnten. Sollte es gegen jede Wahrscheinlichkeit passieren, dass innerhalb eines Jahres ein Drittel der Fahrzeuge zu Schrott gefahren wird, dann könnten die dadurch entstehenden Unkosten zu einer gravierenden Belastung werden. Versichert sich der Betrieb jetzt ausschließlich gegen extrem kostenintensive, aber äußerst selten eintretende, Ausnahmefälle, liegt die Prämie – und damit der kalkulierte Verlust – entsprechend niedrig.

Auch bei der KFZ-Haftpflichtversicherung schlägt ein höherer Selbstbehalt bei der Prämie deutlich zu Buche. Bei der Abdeckung des häufig auftretenden geringen Schadensfalls fällt der negative Erwartungswert entsprechend stärker ins Auge.

Im Rahmen dieses oberflächlichen Überblicks sei natürlich erwähnt, dass es sich bei der Abdeckung des Verwaltungsaufwandes, Provisionen für Verkäufer, Werbung etc. um durchaus rechtfertigbare Kosten handelt. Der Konsument, der Versicherungsnehmer, sollte in jedem Fall aber trotzdem nachrechnen, ob es nicht günstiger wäre, das Risiko selbst zu tragen. Allgemein bekannte Praktiken bei der Wiedergutmachung tatsächlich entstandener Schäden seitens der Versicherungs-Gesellschaften lassen sich bei diesbezüglichen Überlegungen natürlich ebenfalls ins Kalkül ziehen.

Der englische Buchmacher, der bei jedem Wetter auf der Rennbahn steht, der seine Standgebühren ebenso begleicht wie seine Steuern, schließt gewiss nicht jeden Tag mit Gewinn ab, übers Jahr gesehen muss er jedoch Profit einspielen, der von der Summe seiner Wettkunden getragen wird. Andernfalls wäre er schließlich gezwungen, Konkurs anzumelden. Dem Zocker, der Woche für Woche sein Geld abliefert, wird kaum jemand Mitgefühl entgegenbringen. Er spielt ja schließlich aus freien Stücken.

Genauso wie, von Pflichtversicherungen abgesehen, der bürgerlich eingestellte und vorsorglich handelnde Mensch freiwillig Geld an Versicherungs-Gesellschaften abtritt. Vertrauen bringt er ihnen wenig entgegen, zeigt ein Umfrageergebnis der Uni-Hohenheim. 78% drückten ihre Skepsis gegenüber Banken und Versicherungen aus. Bezahlt wird trotzdem, was vermutlich daran liegt, dass es sich um eine Beruhigung des Gewissens handelt. Die Umsätze der Versicherungs-Gesellschaften sind jedenfalls beachtlich. 10 Milliarden Euro nimmt der deutsche Staat alleine jährlich an Versicherungssteuern ein,

Es kann natürlich jeder nachrechnen, wie viel Geld – zumindest annähernd – er im Laufe seines Leben bereits an Versicherungen bezahlt hat. Diese Summe lässt sich mit den erhaltenen Leistungen in Vergleich stellen. In den meisten Fällen werden die bezahlten Prämien die eingetretenen Schadensfälle bei weitem übersteigen. „Glück gehabt“, mag der Einzelne denken. Nachdem die Rechnung bei der überwiegenden Mehrheit ähnlich ausfällt, ließe sich daraus schließen, dass wir ein „Volk von Glücklichen“ sind. Gigantische Finanzkonstruktionen, die Begünstigten des menschlichen Hangs zur Absicherung, vertrauen allerdings nicht auf ihr „Glück“. So wie Casinos und Buchmacher von der Spielleidenschaft ihrer Kunden leben, nützen Versicherungs-Gesellschaften den weitaus respektierteren Wunsch zur Vorsorge. Der Profit entsteht in beiden Fällen jedoch nach demselben Prinzip: der Abschluss einer Wette mit negativer Gewinnerwartung.

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