Donnerstag , 8 Dezember 2022
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Deshalb ist Inflation keine ernsthafte Gefahr

euro symbol brokenDieser Satz ist keine Äußerung des unbedeutenden Autors, sondern stammt vom Chefvolkswirt des Nomura Research Institute, Richard Koo. In der FAZ vom 19. 4. erklärt er seine Ansichten zur Geldentwicklung in den führenden kapitalistischen Staaten. Untermauert werden seine Thesen durch aussagekräftige Schaubilder. Koo war führender Mitarbeiter der FED, ist also im Gegensatz zum Autor eine anerkannte Kapazität. Er ist ein sogenannter Experte und deshalb wiegt natürlich sein Wort auch mehr als das des Autors.

Und nun nach Jahren der Beschallung des Publikums mit dem Mantra einer drohenden Inflation, infolge der Ausweitung der Geldmengen, kommen scheinbar auch die Experten zu der Erkenntnis, dass von Inflation keine Rede sein kann. Die Gefahren einer Deflation sind dagegen viel größer. Aber das Offensichtliche zu erkennen, ist nicht nur eine Sache des Sehens, sondern auch die Frage, ob man das Offensichtliche wahrnehmen und dann auch wahrhaben will.

Die Fakten:

Während die Geldversorgung der Wirtschaft in den USA und im Euroraum seit der Lehman-Pleite auf etwa 300% angestiegen ist, verharrt das, was als Inflation bezeichnet wird, weiterhin bei 2%, sogar mit leicht fallender Tendenz (siehe Schaubilder FAZ). Bestünde diese immer wieder behauptete Bindung der Inflation an die Geldmenge, so müsste bei deren Ausdehnung durch die Notenbanken auf 300% auch die Inflation um annähernd denselben Wert steigen. Das aber ist nicht so. Vielmehr kann sogar, gemessen an den Steigerungsraten der Geldversorgung, ein relativer Fall der Inflationsrate festgestellt werden.

Wenn nun aber behauptet wird, dass mit steigender Geldmenge auch die Inflationsgefahren steigen, so mag das vielleicht stimmen. Denn Gefahren drohen ja überall. Das heißt aber noch lange nicht, dass die Inflation, genauer die Kerninflation, auch wirklich steigt. Denn trotz der Menetekel der Experten verharrt diese schon seit Jahren auf ca. 2% im Euroraum, ähnlich in den USA.

Selbst Japan mit seiner Rekord-Verschuldung von mehr als 200% des BIP, der höchsten weltweit, kämpft mit der Marke von 2%. Aber während die EZB aus Angst vor Inflation deren Wert auf 2% senken will, ist es im Gegensatz zur EZB das Ziel der japanischen Notenbank, die Inflation von 1% auf dieselben 2% zu verdoppeln, wie Reuters am 1. 3. 2012 meldete. Denn, obwohl die Geldmengen in Japan ständig gestiegen sind, stellt sich die Inflation seit dem Platzen der Immobilienblase als tendenziell fallend dar.

Was die EZB also als gefährlich ansieht, ist der BoJ ein erstrebenswertes Ziel. Wie erklärt man das mit den geltenden Inflationstheorien? Trotz der enormen Geldmengen Japans hatte das Land in 2010 keine Inflation, sondern vielmehr eine Deflation von -2% erlebt. Das bedeutet, dass die Preise um 2% fielen, die die Unternehmen am Markt erwirtschaften konnten. Wie soll sich eine Volkswirtschaft vom Wirtschaftsabschwung erholen, wenn die Preise fallen?

Was aktuell die Preissteigerungen im Euroraum über die 2% hinaustreibt, ist das Preiskartell der Energiekonzerne (FAZ 1. 3.: „Ölpreis lässt Inflation auf 2,7% steigen“). Deren Monopolstellung an den Märkten erlaubt ihnen Preissteigerungen trotz der Überangebote von Kraftstoffen, Elektrizität und Gas an den Weltmärkten. Diese Situation ist in den meisten anderen Industrien noch nicht gegeben. Hier zwingen die Konkurrenz auf den Weltmärkten und die enormen Überkapazitäten der Produktionsanlagen zu Zugeständnissen bei den Preisen. Jedes fünfte Auto aus europäischer Produktion kann derzeit am Markt nicht untergebracht werden. Und zudem drängen die Konkurrenten aus Fernost mit ihren billigeren Produkten auf diesen Markt, der schon seit Jahren schrumpft. Wie soll da Inflation um sich greifen? Und Gleiches gilt für andere Industrien auch. Die Überkapazitäten der Produktionsanlagen, die zunehmende Konkurrenz durch neue Anbieter auf den Weltmärkten und die gleichzeitig schrumpfenden Märkte infolge der Marktsättigung und auch zunehmenden Verarmung lassen Preissteigerungen nur bedingt zu.

Wenn aber die Kerninflation nicht in dem erwarteten Maße steigt, müsste doch offensichtlich sein, dass zwischen dem Steigen der Geldmengen und dem Verhalten der Wertentwicklung des Geldes kein Zusammenhang besteht. Zumindest nicht derjenige, der immer behauptet wird. Das bedeutet nicht, dass eine Preissteigerung bestritten wird. Aber diese hat andere Ursachen.

Das Inflationsgerede ist Unsinn, entspricht nicht den wirtschaftlichen Realitäten, wird aber trotzdem weiter gepflegt. Es zeugt nur von einem mangelnden Verständnis für die Wirkungskräfte und inneren Gesetze kapitalistischer Wirtschaft bei den sogenannten Experten.

Woher dann dieses Inflationsgerede?

Die Inflationstheorien haben zwei Hintergründe, einen historischen und einen politischen.

Die Theorien, dass Inflation durch die Geldmenge bestimmt wird, hatten sich im Lauf der Jahrzehnte entwickelt als Ergebnis einer rein oberflächlichen Betrachtung inflationärer Phasen innerhalb des letzten Jahrhunderts. Diesen Inflationsbewegungen lagen im Unterschied zu heute national abgeschottete Märkte mit nationalen Währungen zugrunde. Ein freier Austausch von Währungen auf einem unregulierten Weltmarkt bestand damals noch nicht. Die Währungen tauschten sich nicht im direkten Verhältnis zueinander aus, sondern indirekt im Umweg über das Gold. Aber sowohl im indirekten Austauschverhältnis über das Gold als auch im direkten der freien Konvertibilität auf den Devisenmärkten waren und sind Währungsverhältnisse der Ausdruck für die Wirtschaftskraft des Wirtschaftsraumes, für den sie stehen.

Solange die Währungen nicht auf dem Devisenmarkt frei gehandelt wurden, konnten nationale Regierungen die Preise auf ihrem Binnenmarkt manipulieren. Dieser Umstand ermöglichte es dem Deutschen Reich nach dem Ersten Weltkrieg und den europäischen Nationen nach dem Zweiten ihre nationalen Währungen in die Inflation zu treiben, um damit ihre Schulden gegenüber der eigenen Bevölkerung zu tilgen. Diese hatten ihren Staaten Geld geliehen zur Finanzierung der Kriege, in denen sie dann selbst verheizt worden waren. Mit der Geldentwertung wurden nun die, die den Krieg und das Elend überlebt hatten, nun noch zusätzlich enteignet. Die Staaten tilgten die Schulden bei ihren Bürgern mit Geld, für das man sich kaum noch etwas kaufen konnte.

Das betraf aber nur den Binnenwert der Währung. Nach außen hin war das in der Regel nicht möglich. Handel mit dem Ausland erfolgte über Golddeckung, solange dieser noch bestand. Mussten deutsche Unternehmen während der Weimarer Republik Waren im Ausland erwerben, so wurden diese nicht in der Binnenwährung Reichsmark, sondern in der eigens dafür geschaffenen Goldmark abgewickelt. Für Reichsmark hätte man im Ausland keine Waren kaufen können.

Gleiches galt beispielsweise auch für viele Entwicklungsländer nach dem Zweiten Weltkrieg. Afghanistan hatte beispielsweise etwa dreißig verschiedene Kurse für seine Währung Afghan. Diese wurden von der Regierung für verschiedene Güter unterschiedlich festgesetzt. Sie unterschieden sich dann noch einmal danach, ob Waren ex- oder importiert wurden.

Meistens dienten diese Kursgestaltungen der Förderung der eigenen Wirtschaft, indem Importwaren verteuert wurden oder Exporte verbilligt, und damit auch der Pflege der eigenen Handelsbilanz.

Diese Möglichkeiten der Manipulation der nationalen Währungen bestehen heute nicht mehr, weil die Währungen Ausdruck für die wirtschaftliche Stärke eines Währungsraumes sind. Je produktiver die Wirtschaft eines Währungsraumes ist, umso stärker ist dessen Währung. Wenn die Währung Zimbabwes in astronomische Höhen steigt, dann, weil das Land nichts hat, womit es auf den Weltmärkten konkurrenzfähig ist und deshalb kaum Devisen erhält. Auf den Weltmärkten erhält Simbabwe keine Waren für seine Währung, sondern nur gegen werthaltige Devisen oder Rohstoffe. Wenn Simbabwe auf den Weltmärkten einkauft, dann muss es diese Waren im Land zu ständig höheren Preisen an die Abnehmer weitergeben. Viele Schwachwährungsländer sind, um die Inflationsspirale auszusetzen, dazu übergegangen, ihre Währungen an Fremdwährungen wie den Dollar zu binden oder im eigenen Land selbst z.B. Dollar als Zweitwährung zuzulassen. Meistens blüht in solchen Ländern der Schwarzmarkt mit Hartwährungen. Gegen diese Währungen verliert das eigene Geld dann immer mehr an Wert.

Die Inflation oder besser Geldentwertung ist Ausdruck der mangelnden Leistungskraft der eigenen Wirtschaft. Da Geld der Spiegel des Wertes anderer Waren ist, drückt der Verfall der Währung den Verfall des Wertes der Waren aus, die eine Volkswirtschaft herzustellen und auf dem Weltmarkt anzubieten in der Lage ist.

Der politische Hintergrund ist ein anderer. Bei dem, was hierzulande als Inflation bezeichnet wird, handelt es sich nicht um das, was mit diesem Begriff ursprünglich in Verbindung gebracht worden war. Diese Entwicklungen während der Weimarer Republik und in den meisten Staaten Europas nach dem Zweiten Weltkrieg waren gekennzeichnet durch einen immensen Anstieg der Preise für die Lebenshaltung, dem die Entwicklung der Löhne nicht annähernd folgte. Die Folge war eine Verarmung und Verelendung der Bevölkerung, die wir uns heute nicht mehr vorstellen können. Der Hungertod war keine Seltenheit. Das machte den Schrecken dieses Begriffes aus, derselbe Schrecken, den in den USA der Begriff der Deflation verbreitet. Auch er ist mit demselben Elend und Hungertod besetzt.

Was wir heute erleben ist keine Inflation, sondern die ganz alltägliche, ordinäre Preissteigerung. Diese Preissteigerung entspricht den Möglichkeiten der Unternehmen, Preiserhöhungen am Markt durchzusetzen. Das geht in einigen Branchen einfacher, wie z.B. bei den Energieunternehmen, in anderen schwieriger, wie z.B. in der Autoindustrie und ist in erster Linie abhängig von dem Konzentrationsgrad der Produktionskapazitäten. Je mehr diese Kapazitäten sich in immer weniger Händen sammeln, umso leichter wird es auch sein, in diesen Marktbereichen Preiserhöhungen durchzusetzen. Die Autoindustrie ist auf dem besten Wege dahin, weil sich immer mehr Produktionskapazität in den Händen von Volkswagen sammeln. Opel, Fiat und PSA können immer weniger mithalten.

Aber anstatt die Preiserhöhungen als solche zu bezeichnen, verwendet man vonseiten der Wirtschaft, der Regierenden, der Wirtschaftswissenschaftler und der Medien lieber den Begriff der Inflation. Dieser hat sich mehr und mehr eingebürgert, aber nicht ohne ein Interesse dahinter. Inflation hat mittlerweile den Charakter einer Plage, für die niemand so recht kann, allerhöchstens vielleicht die Politiker. Preiserhöhungen kommen aber von Unternehmen. Sie sind gewollte und bewusst herbeigeführte Versuche, für die eigenen Produkte höhere Gewinne zu erwirtschaften. Preiserhöhungen dienen wirtschaftlichen Interessen. Aber sie zerstören aber Wir-Gefühl einer Gesellschaft, wenn immer offensichtlicher wird, dass die einen durch Preiserhöhungen immer reicher und die anderen immer ärmer werden. Inflation verschleiert die Wirklichkeit. Sie ist eine Plage, die alle trifft, uns alle. Dagegen ist man machtlos, selbst der Unternehmer kann da nichts dafür und muss sie weitergeben an den Endkunden. Nur, der ist derjenige, der immer blutet. Egal ob es sich die Preiserhöhungen Inflation nennen oder Preiserhöhung.

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