Dienstag , 11 August 2020
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Wo bleibt die Inflation?

inflation stempelSeit dem Zusammenbruch von Lehman-Brothers und dem Öffnen der Geldschleusen werden sogenannte Wirtschaftswissenschaftler nicht müde, das Schreckgespenst der Inflation an die Wand zu malen. Einigen scheint das Wort nicht mehr schrecklich genug. Sie müssen dem Bürger sogar mit einer sogenannten Hyperinflation den Schlaf rauben. Aber erklären können sie weder die eine noch die andere. Und noch weniger können sie erklären, weshalb sie nicht kommt und woher sie denn überhaupt kommen soll.

Nicht dass man die Inflation herbeisehnen sollte, denn besonders die älteren unter uns haben noch die Ängste derer kennengelernt, die in den 1920er Jahren die Inflation in Deutschland erlebt hatten. Diese hatte zu einer katastrophalen Verelendung der Bevölkerung geführt. Der Lohn war kurz nach seiner Auszahlung bereits so wenig wert, dass man dafür auf dem Höhepunkt der Entwicklung kaum noch ein Brot kaufen konnte.

Aber die Inflation war keine der göttlichen Plagen, sie war von Menschen gemacht. Die Weimarer Republik entledigte sich auf diesem Weg der Schulden, die das Kaiserreich zur Finanzierung des 1. Weltkrieges bei seinen Bürgern gemacht hatte. Diejenigen, die nicht im Krieg verheizt worden waren, (ver)hungerten im Frieden an der Inflation. Hier soll aber auf die wirtschaftlichen Ursachen nicht näher eingegangen, sondern nur erklärt werden, weshalb in Deutschland und Europa der Begriff der Inflation soviel Angst auslöst.

Wurden die Raten der damaligen Inflation in Millionen von Prozent beziffert, so bewegt sich das, was Wirtschaftswissenschaftler heute als Inflation bezeichnen seit Jahren im unteren einstelligen Prozentbereich, zumindest in den Industrienationen. Aber es gibt auch heute Staaten mit ähnlichen Inflationsraten wie denjenigen in der Weimarer Republik. So meldete die FAZ am 05.06.2007: „Die Inflation in Zimbabwe hat 3714 Prozent erreicht.“ Und bereits am 09.10.08 gaben mehrere Internetquellen bekannt: „Das Statistikbüro Simbabwes hat errechnet, dass die Inflation im Juli bei 2600,2 Prozent lag. Einen Monat zuvor lag die Inflation bei 839,3 Prozent. Damit stieg die Inflation in dem afrikanischen Land auf 231 Mio. Prozent.“ Da liegen also Welten zwischen dem, was in Zimbabwe als Inflation gilt oder zu Zeiten der Weimarer Republik, und dem, was unsere Wirtschaftswissenschaftler hier als Inflation an die Wand malen.

„Nun gut“, sagen die Wirtschaftswissenschaftler, „was nicht ist, kann ja noch werden. Denn je mehr Geld gedruckt wird, umso größer ist die Gefahr der Inflation“. Sie begründen die Inflation mit der ausufernden Geldmenge, womit ihnen gerade die Beispiele der Weimarer Republik und Zimbabwe Recht zu geben scheinen. Aber es dreht sich auch scheinbar die Sonne um die Erde, was bedeutet, dass genauer untersucht werden muss, was selbstverständlich scheint.

Kann man das Ausbleiben der Inflation in den kapitalistischen Hochburgen noch damit erklären, dass der Zusammenbruch von Lehman-Brothers und das Öffnen der Geldschleusen noch nicht solange her sind, so sind unsere Wirtschaftswissenschaftler aber schon mit ihrem Latein am Ende, wenn man darauf verweist, dass die Geldschleusen schon lange vor Lehman-Brothers geöffnet worden waren. Und dann ist ja da auch noch Japan.

Mit dem Platzen der Immobilienblase in Japan Ende der 1980er Jahre war das Land in einer tiefen mehrjährigen Rezession versunken. Um die Wirtschaft wieder zu beleben, wurden Billionen Yen in Konjunkturprogramme gesteckt. Als der Erfolg ausblieb, versuchte man, die Nachfrage der Bevölkerung anzuregen, indem man Konsumgutscheine verteilte. Man erwog sogar allen Ernstes, Geld aus Hubschraubern über Tokio abzuwerfen. Riesige Geldmengen wurden geschaffen, sodass der Schuldenberg Japans infolge der Konjunkturprogramme und Rettungsmaßnahmen heute der größte aller Industriestaaten ist, gemessen am Bruttosozialprodukt. Aber trotz dieser Geldmengen gab es keine Inflation zimbabweschen Ausmaßes. Im Gegenteil: Japan hatte über Jahre mit einer Deflation zu kämpfen. Das bedeutet, dass trotz riesiger Geldmengen die Preise fielen, die doch nach der Lehrmeinung der Wirtschaftswissenschaftler hätten rasant steigen müssen. Das ist jetzt fast 25 Jahre her, lange genug also, um endlich Inflation geworden zu sein.

Ähnlich ist die Entwicklung in den USA. Nach den Anschlägen des 11.9.2001 befürchtete man ein Absinken des Landes in eine Wirtschaftskrise. Um dies zu vermeiden, versuchte man die Wirtschaft zu stimulieren durch die Politik des billigen Geldes. Die FED öffnete die Geldschleusen. Das Land versank nicht in der Rezession, aber auch nicht in einer Inflation. Da aber die Wirtschaft wuchs, und das über Jahre, verkündete Allan Greenspan, damals Chef der US-Notenbank, dass man mit der Geldpolitik das Mittel in der Hand habe, die Krisen des Kapitalismus für immer zu bannen. Wenige Jahre später strafte ihn der Kapitalismus Lügen und versank in seiner schwersten Krise seit 1929. Geldinstitute brachen zusammen und nur die Flutung der Geldmärkte mit neuen Billionen rettete das Weltfinanzsystem. Aber trotz all dieser Geldüberschwemmung ist eine Tendenz zur Inflation nicht festzustellen. Die Teuerung verharrt im niedrigen einstelligen Bereich. Das Schreckgespenst der Deflation, die für die USA so angstbesetzt ist wie die Inflation in Europa, kursierte vor noch nicht allzu langer Zeit und vor wenigen Wochen warnte selbst Christine Lagarde, die Chefin des IWF, vor einer drohenden Deflation, ähnlich der der 1930er Jahre.

Die Theorien unserer Wirtschaftswissenschaftler orientieren sich am Vordergründigen, am Scheinbaren. Sie verstehen den Kapitalismus als System nicht. Sie kennen sich nur aus in den Teilbereichen, die sie beackern.

Zwar haben sie nicht ganz Unrecht. Die Geldmengen haben zu einer Inflation geführt, aber nicht da, wo der Begriff „Inflation“ seinen Schrecken ausübt, in den Preisen der Waren, die in der Realwirtschaft hergestellt werden und dem Lebensunterhalt der Menschen dienen. Die Inflation, die stattgefunden hatte, war die Inflation der Vermögenswerte, also der Werte, die von der Realwirtschaft abgekoppelt sind. Es stiegen die Preise der Aktien, der Verbriefungen (ABS – asset backed securities) und der Ausfallversicherungen (CDS – credit default swaps) auf Verbriefungen und Staatsanleihen.  Aber es stiegen nicht die Preise für Brot oder Autos in einem Ausmaß, das die Bezeichnung Inflation verdient gehabt hätte. Dieser Preisanstieg der Waren ist moderat im Verhältnis zum Anstieg der Vermögenspreise. Die Preissteigerungsraten wären sogar noch niedriger, wären da nicht die Energiekonzerne, die entgegen allen Marktverhältnissen die Preise bestimmen können. Und hier liegt auch der Erklärung dafür, dass wir weit entfernt sind von der Inflation, mit der uns die Wirtschaftswissenschaftler immer traktieren.

Im Gegensatz zu fast allen anderen Industriezweigen auf der Welt haben die Energiekonzerne ein nahezu umfassendes Monopol auf ihren Märkten. Einige wenige Produzenten beherrschen den Weltmarkt für Öl und Gas, sodass es ihnen möglich ist, die Benzinpreise auf ein neues Hoch zu heben, obwohl der Rohölpreis um ein Drittel niedriger ist, als beim letzten Höchststand der Tankstellenpreise im Jahre 2007. Vier Stromkonzerne beherrschen den deutschen Strommarkt. Und obwohl diese vor der Fukushima-Katastrophe soviel Strom produzierten, dass sie ihn innerhalb von Europa exportiert hatten, befand sich Deutschland unter den Ländern mit den höchsten Strompreisen. Die Monopolisierung der Märkte ermöglichte ihnen diese Preispolitik.

Das bedeutet aber im Umkehrschluss, dass auf Märkten wie dem Automobilmarkt, der weltweit immer noch über eine große Anzahl von Anbietern verfügt, Preiserhöhungen kaum noch durchsetzbar sind. Die Produktionskapazitäten für Autos sind weltweit so hoch, dass 30% mehr Autos hergestellt werden können, als absetzbar sind. In anderen Industrien sieht es ähnlich oder sogar noch dramatischer aus. Wie soll Inflation an Warenmärkten entstehen, wenn die Anbieter sich mit Verkaufsangeboten unterbieten, ja unterbieten müssen, um in der Konkurrenz bestehen zu können? Die Gefahr der Inflation wird an den Warenmärkten erst dann aufkommen, wenn ein Grad weltweiter Konzentration und Monopolisierung erreicht ist, dass die wenigen, übriggebliebenen Anbieter sich einerseits die Märkte aufteilen oder die Preise absprechen können und andererseits das Aufkommen neuer Konkurrenten verhindern können. Aber davon ist die Weltwirtschaft weit entfernt, weil in den aufstrebenden Nationen wie China, Indien, Russland, Vietnam und Brasilien die Regierungen den Aufbau nationaler Industrien unterstützen und damit die Konkurrenz zu den etablierten Industrienationen fördern, was die Preise niedrig hält. Die Gefahr der Deflation ist höher als die der Inflation, weil immer mehr Waren zu immer niedrigeren Preisen auf die Märkte drängen.

Was uns zurzeit als das Menetekel der Inflation an die Wand geworfen wird, ist nichts anderes als der Wertzuwachs an Waren und Dienstleistungen, der aus dem Markt erwirtschaftet werden kann. Aber das hat nichts mit Inflation zu tun, sondern mit dem Wertzuwachs der Waren, der sich in Geld ausdrückt. Denn wie soll sich Wertzuwachs anders ausdrücken als in Geld? Würde er sich in Ziegelsteinen darstellen, würde sich die Menge der Ziegelsteine in dem Maße vermehren, wie sich Ziegelsteine eintauschen lassen gegen jede x-beliebige Ware.

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