Mittwoch , 17 Juli 2019
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Reicht eine Million, um reich zu sein?

Der Begriff „Millionär“ bringt Assoziationen von Wohlstand und Luxus mit sich, auch wenn die wirklich großen Vermögen mittlerweile vier Nullen mehr aufzeigen. Keine Angst mehr zu haben, seinen finanziellen Verpflichtungen nicht zeitgerecht nachkommen zu können. Kein bitterer Nachgeschmack, wenn die Rechnung im Restaurant zu hoch ausfällt. Die Urlaubsreise nach Wunsch zu planen, anstatt nach Budget. Der Gedanke, über eine Million Euro zu verfügen, ist gewiss faszinierend. Wie Statista uns kürzlich durch die „Zahl der Woche“ wissen ließ, leben in Deutschland alleine 830.000 Millionäre. Doch reicht eine Million wirklich aus, um sich reich zu fühlen?

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Begriffe wie „reich“, „arm“ oder auch „Mittelstand“ lassen sich je nach Geschmack verwenden. Ja, es gibt eine sogenannte „Armutsgrenze“, die irgendwo bei einem Monatsbudget von 700 Euro festgesetzt ist. Dies würde bedeuten, dass jemand, der keinen Pfennig auf der Bank liegen hat, kein auch noch so bescheidenes Haus besitzt, und durch – vielleicht auch noch unangenehme – Arbeit 1.000 Euro pro Monat verdient, nicht mehr als „arm“ zu bezeichnen wäre. Bei Wikipedia wird „relative Armut“ dahingehend erklärt, dass in der EU eine Person als arm gilt, wenn ihr weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Nettoeinkommens zur Verfügung steht. In diesem Sinne ließe sich annehmen, dass Durchschnitt mit „Mittelstand“ gleichzusetzen wäre, was deutlich darunter liegt als „arm“ und, wer zusätzlich zu seinem Monatseinkommen vielleicht auch noch über gewisse Reserven verfügt, als „reich“.

Gehen wir jedoch nicht vom Durchschnitt als Bewertungsgrundlage aus, sondern nehmen wir die Skala der Möglichkeiten her, sieht das Bild etwas anders aus. Lassen wir unabgesicherte Verschuldung beiseite, so fänden sich am unteren Ende der gesellschaftlichen Leiter Menschen mit 0 Besitz und 0 Einkommen. Und was findet sich am oberen Ende?

Nehmen wir konservative Zahlen, wie sie vom Forbes-Magazin jährlich veröffentlicht werden, so liegen an der Spitze Vermögen von mehr als 30 Milliarden Euro. Wo ließe sich, von den beiden Extremen ausgehend, eine Mitte annehmen? Mit Sicherheit liegt sie nicht bei 2.000 Euro Monatseinkommen ohne Besitz. In diesem Falle würde das Verhältnis zwischen „arm“ und „Mitte“ nicht mehr als 1 : 3 betragen.  Setzen wir einen „Gerade-noch-Milliardär“ in Vergleich mit Bill Gates, so beträgt das Verhältnis mehr als 1 : 30. Verfügen Sie über ein Vermögen von einer Million Euro, so wäre Karl Albrecht (laut Forbes-Magazin) 17.700 Mal reicher als Sie. Der Vermögensunterschied, in Prozent ausgedrückt, zwischen Ihnen als Millionär und Karl Albrecht wäre der gleiche wie zwischen jemandem, der gerade noch 56 Euro und 50 Cent in der Tasche hat, und Ihnen.

Es ist selbstredend, dass eine kapitalistische Gesellschaft nicht funktionieren könnte, wenn tatsächlich jeder über Kapital verfügte. Für einen Großteil der Arbeiten würden sich keine erschwinglichen Kräfte finden, die Folge wäre eine massive Preissteigerung, also Inflation, und die gleichmäßig verteilten Vermögen würden sich ebenso gleichmäßig wieder ins Nichts auflösen.

Die Frage, die ich mit diesem Artikel zu behandeln versuche, ist jene, ob ein Vermögen von einer Million Euro als Reichtum angesehen werden kann.

In einer kapitalistischen Gesellschaftsform handelt es sich bei Kapitalertrag um eine legitime Form des Gelderwerbs. Nur wenn es an Kapital fehlt, ist der Mensch gezwungen, seine Arbeitsleistung und Zeit gegen Geld einzutauschen. Es handelt sich also um einen Notfall, von dem allerdings die überwiegende Mehrheit betroffen ist.

Nachdem Nichtstun, also das völlige Unterlassen von Arbeit, mit Sicherheit nicht den Interessen eines gebildeten Menschen entspricht, stellt es auch nicht den Kern der hier behandelnden Überlegungen dar. Trotzdem zeigt sich, vermutlich sogar in den meisten Fällen, eine deutliche Kluft zwischen jener Art von Arbeit, die den eigenen Interessen und Fähigkeiten entsprechen würde, und der, die ausgeübt wird, um ein Einkommen zu erzielen.

Gehen wir davon aus, dass ein Mensch durch Arbeit, die ihn ausfüllt, genügend Geld verdient, um seine regelmäßigen Kosten zu bestreiten, und verfügt darüber hinaus noch über eine Million, dann wird er dies zweifellos als Wohlstand empfinden. Ist diese Möglichkeit eines würdigen Gelderwerbes jedoch nicht gegeben, und die Million wird zur einzigen Sicherheit der Existenz, sieht die Sache keineswegs mehr so rosig aus.

Jetzt einfach zu denken, dass Sie für eine Million Euro gewiss fünf Prozent Zinsen bekämen, also ein Jahreseinkommen von 50.000 Euro, entspricht nicht der Realität. Aufgrund regelmäßiger Geldentwertung würde die Kaufkraft im Laufe der Zeit derart absinken, dass Sie eines Tages, vielleicht in dreißig Jahren, mit so einem Jahresverdienst bereits unter der Armutsgrenze lägen. Ungeachtet wie hoch Ihr Ertrag ist, nach Abzug der Steuern sollten Sie einen bestimmten Teil davon Ihrem Kapital zuführen, um die Inflation langfristig ausgleichen zu können. Erst der Rest stünde Ihnen zum Abdecken Ihrer Lebenshaltungskosten zur Verfügung.

Wer mit den Mechanismen der Märkte vertraut ist, findet gewiss Wege, mit einem Kapital von einer Million entsprechende Gewinne zu erwirtschaften. Liegen Ihre Interessen jedoch in edleren Bereichen, mit fünf Prozent Zinsen decken Sie bestenfalls die Steuern und den Inflationsverlust. Was immer Sie zum Finanzieren Ihrer Lebenshaltungskosten entnehmen, reduziert die Substanz.

Sie könnten Musiker sein oder Maler, Schriftsteller oder Philosoph, Physiker oder Ägyptologe, und Sie möchten an Ihren eigenen Projekten arbeiten, von denen Sie nicht einmal wissen, ob sie jemals Geld bringen werden. (Leser, die es als unsinnig erachten, sich Forschungen oder den Künsten aus Idealismus zu widmen, zählen eher nicht zur Zielgruppe des vorliegenden Artikels.) Sie möchten Ihre Million so absichern, dass Sie Ihr Leben damit bestreiten können, auch wenn Ihre Arbeit zu keinem finanziellen Erfolg führen sollte. Sie verzichten auf Kapitalertrag, der ohnehin zum größten Teil, wie erwähnt, für Steuern und Inflationsausgleich aufgeht, und kaufen Goldmünzen. Beim derzeitigen Preis von knapp über 1.100 Euro pro Unze, können Sie sich gerade 900 Münzen leisten.

gold_coin_philharmoniker_199Wie alt sind Sie jetzt? Wie lange erwarten Sie, noch zu leben? Kalkulieren Sie 40 Jahre, so können Sie jedes Jahr 22 und eine halbe Münze veräußern. Das korrespondiert mit gerade 2.000 Euro pro Monat. Auch wenn Sie bei steigenden Goldpreisen mit der Zeit immer mehr Geld dafür bekommen werden, an der Kaufkraft wird sich nicht viel ändern. Möchten Sie für die kommenden 60 Jahre vorsorgen, reduziert sich Ihr Monatsbudget auf knapp 1.400 Euro.

Zweifellos befindet sich ein Mensch, der mit diesem Grundeinkommen rechnen kann, in einer ausgesprochen glücklichen Lage. Allerdings, hier von Reichtum zu sprechen, würde wohl weit übers Ziel hinausschießen.

Von einem rein philosophischen Standpunkt aus betrachtet, sollten zwei Interessen im Vordergrund stehen. Zeit und Unabhängigkeit.

Vom modernen Zeitgeist wird diese Behauptung natürlich keineswegs unterstützt. Äußeren Zeichen von Wohlstand wird wesentlich mehr Aufmerksam entgegen gebracht. Nicht dem bescheiden lebenden Denker, auch wenn er tatsächlich von Weisheit erfüllt sein sollte, wird Respekt entgegen gebracht, sondern dem erfolgreichen Anwalt, der in einer Luxusvilla residiert und jährlich 50.000 Euro für seine Hypothek bezahlt. Der Zeit, die dem Menschen zur Verfügung steht, wird meist nur dann Wert zugesprochen, wenn es sich um bezahlte oder veräußerbare Zeit handelt. Sich zu bilden, was schließlich sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, ergibt nur Sinn, wenn es sich um beruflich verwertbare Bildung handelt. Schlicht des Wissens wegen zu studieren, dafür bringt unsere moderne Gesellschaft wenig Verständnis auf.

Und an Abhängigkeit hat man sich ebenfalls gewöhnt. Solange die Dinge ihren gewohnten Lauf nehmen, fällt sie ja gar nicht auf. Erst wenn der Strom einmal ausfällt, werden wir uns bewusst, wie wenig ohne Elektrizität funktioniert. Erfüllen Sie regelmäßig Ihre Pflichten am Arbeitsplatz und erhalten am Monatsende Ihr Gehalt, ist ja alles in Ordnung. Erst wenn ein neuer Vorgesetzter auftauchen sollte, mit dem Sie überhaupt nicht zurecht kommen, wenn Sie daran denken, dass Sie den Job am liebsten an den Nagel hängen würden, dann wird Ihnen plötzlich bewusst, wie abhängig Sie von dieser Stellung sind.

Eine Million Euro reicht sicher nicht für Luxus. Unter der Voraussetzung, dass ein regelmäßiges Einkommen zur Verfügung steht, ließe sich angenehmer Komfort damit finanzieren. Ist es eines Menschen Ziel, seine Zeit für eigene Interessen zu verwenden, anstatt sie gegen Geld an Fremde zu verkaufen, ließe sich mit einer Million ein ungebundenes, dafür aber doch bescheidenes Dasein arrangieren. Es wäre der Schritt in eine relative Freiheit. Wo sich die Million letztendlich auftreiben ließe, auf diese Frage habe ich bis heute leider noch keine Antwort gefunden.

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