Samstag , 25 September 2021
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Töten ohne Ende

afghanistan_us-troupsMeldungen zufolge, sind wiederum 13 NATO-Soldaten bei einem Anschlag in Afghanistan ums Leben gekommen. Rund 2.700 angehörige der Besatzungsarmeen haben, fern der Heimat, bisher ihr Leben eingebüßt. 53 davon aus Deutschland. Die Zahl der Opfer unter der Bevölkerung müsste bei 20.000 liegen. Oder noch höher. Verlässliche Berichte darüber dürfen wir nicht erwarten. Ein Ende des Blutvergießens ist nicht in Sicht. Von den meisten Menschen werden Anschläge gegen die Besatzungsmächte als Terrorismus eingestuft. Für die Afghanen handelt es sich um Widerstand. Afghanen verteidigen schlicht ihre Heimat, ebenso wie davor gegen die Sowjetunion.

„Innenansichten eines Artgenossen“, betitelte Hoimar von Ditfurth seine Autobiographie. Und in dieser berichtete er von einem Besuch bei Freunden seiner Familie in Schweden, zur Zeit des Weltkriegs. Man sei über das Auftauchen eines Wehrmachtsangehörigen in Uniform dort nicht sonderlich erfreut gewesen. Um die eisige Stille zu brechen, gab er folgenden Satz – ich hoffe, ich erinnere mich an den korrekten Wortlaut – von sich: „Unglaublich, wie diese Russen kämpfen!“ Die Antwort des Schweden war von Kopfschütteln begleitet: „Verstehen Sie denn gar nichts, Herr von Ditfurth? Die verteidigen doch ihre Heimat!“

Das war dem jungen Hoimar bis zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht bewusst gewesen. Denn diesem hatte man schließlich eingetrichtert gehabt, dass der Angriffskrieg gegen die Sowjetunion eine Befreiungsaktion war. Die armen Russen sollten vor dem Kommunismus gerettet werden. Mittlerweile weiß die Geschichte anderes zu berichten.

Im Jahr 1979 marschierten sowjetische Truppen in Afghanistan ein. Der damalige US-Präsident Jimmy Carter bezeichnete diesen Schritt als „die ernstzunehmendste Gefahr für den Frieden, seit Ende des Zweiten Weltkriegs“. Die Olympischen Sommerspiele in Moskau, 1980, wurden boykottiert. 65 Länder, allen voran die Vereinigten Staaten, verweigerten ihren Sportlern die Teilnahme. Auch unterstützten die USA den afghanischen Widerstand, die Mudschahedin, zu deren Organisatoren Osama Bin Laden zählte. Und, sofern wir uns erinnern, jeder Angriff gegen russische Stellungen, jeder Verlust eines sowjetischen Panzers, wurde von den Medien lobend erwähnt.

„Aber, das kann man doch nicht vergleichen!“ Natürlich nicht. Denn wir sind ja die Guten. Wir gehören der NATO an. Wir schicken unsere eigenen jungen Männer zum Töten und zum Sterben in die afghanischen Berge.

Kriegspropaganda wird ja auch regelmäßig von Schauergeschichten begleitet. Jungen Mädchen würde man Säure ins Gesicht schütten, sollten sie versuchen, das Lesen und Schreiben zu erlernen. Auch kurz nach dem Einmarsch irakischer Truppen in Kuwait war in den Schlagzeilen zu lesen, dass Soldaten Babys aus dem Brutkasten genommen und ermordet hätten, was sich später als unverschämte Lüge herausstellte. Bin Laden, dessen ehemaliger Aufenthaltsort den Angriff auf Afghanistan – zumindest offiziell – ausgelöst hatte, wurde dort niemals gefunden. Doch dafür gab es ja die böse Taliban-Regierung, vor der man das Volk zu beschützen hatte. Ebenso wie die Massenvernichtungswaffen im Irak nie entdeckt wurden, die offiziell als Grund für den Angriffskrieg von 2003 genannt wurden. Dafür ging es dann eben darum, das irakische Volk von Saddam Hussein zu befreien.

Wir leben in einem Zeitalter der Widersprüche.

chinese_soldiersStellen Sie sich vor, rein theoretisch, die chinesische Regierung würde feststellen, dass europäische Politiker ihre Entscheidungsbefugnisse missbrauchten und alle Werte Europas Schritt um Schritt einem internationalen Finanzsystem in die Hände spielten. Wie gesagt, rein theoretisch! Und nun würden die Chinesen beschließen, Europa davor zu retten. Mit voller Begeisterung würden sich viele Millionen Chinesen – es gibt ja genug davon – in Richtung Europa bewegen, in Erwartung, von der dortigen Bevölkerung mit Blumensträußen willkommen geheißen zu werden. Wie würden wir darauf wohl reagieren?

„Aber, das kann man doch nicht vergleichen!“ Natürlich nicht. Denn wir sind ja die Guten.

Glaubt irgend jemand wirklich im Ernst daran, dass sich die Menschen in Afghanistan darüber freuen könnten, dass schwer bewaffnete Soldaten, die einer anderen Rasse angehören, fremde Sprachen sprechen, weder ihre Religion noch ihre Kultur verstehen, sich in ihrem Land breit machen? Wie sollten wir glauben, dass eine Marionettenregierung, die von diesen Besatzungsmächten eingesetzt wurde, respektiert wird? Und dass, wie die New York Times im März dieses Jahres in einer Schlagzeile behauptete, die Taliban für die meisten zivilen Opfer verantwortlich sei, lassen sich die Bürger des Westens vermutlich einreden, nicht aber die Afghanen.

„Wir dürfen das afghanische Volk jetzt nicht im Stich lassen!“, wird gelegentlich erwähnt. Und selbstverständlich finden sich auch Einzelne, die dies vor Ort bestätigen. Auch die Mohnbauern freuen sich gewiss darüber. Und die heimischen Drogenbosse. Denn, wie von den meisten Medien geflissentlich übersehen wurde, hatte die Taliban-Regierung den Mohnanbau als unislamisch erklärt und innerhalb eines Jahres praktisch restlos unterbunden. Jetzt blüht er wieder, der Mohn – und der Handel mit Heroin.

Mit einem Truppenabzug darauf zu warten, bis jeder Widerstand restlos gebrochen ist, das wird wohl noch viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, in Anspruch nehmen. Um die Amerikaner und ihre Verbündeten tatsächlich als Retter zu betrachten, muss erst eine neue Generation zu prowestlichen Marionetten erzogen werden, die widerspruchslos ihre Frauen in die Fabriken zur Arbeit schicken, die mit Leidenschaft amerikanischer Pop-Musik lauschen, die freudig Steuern bezahlen – die einfach so denken wie wir. Denn wir sind ja die Guten.

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