Sonntag , 11 April 2021
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Die letzten Tage des Mahmud Ahmadinedschad

ahmadinedjad_landkarteZwischenzeitlich diente Mahmud Ahmadinedschad der westlichen Welt als Buhmann. Wahlbetrug wurde ihm ebenso vorgeworfen wie Angriffspläne gegen Israel. Seinetwegen wurden Embargos gegen den Iran verhängt. Zumindest, solange sich nichts besseres bot, füllte sein Name die Schlagzeilen. Seit Wochen findet sich der gleiche Mann mit innenpolitischen Problemen konfrontiert, zwei Dutzend seiner Vertrauten wurden inhaftiert, er selbst stand oder steht möglicherweise unter Hausarrest. Doch, anstatt die Entwicklung im Iran zu begrüßen, finden sich nur wenige Meldungen.

Selbstverständlich handelte es sich bis vor wenigen Tagen bei Osama Bin Laden um den „Weltfeind Nr. 1“. Fragen nach seinem Verbleib tauchten in all den Jahren selten auf, in denen jener Mann, der von der politischen Führung Amerikas ebenso wie von den Medien, nicht jedoch vom FBI, für die Terroranschläge vom 11. September als Drahtzieher genannt wurde, sich an unbekannten Orten aufhielt. Dieser Fall gilt mittlerweile ja als abgeschlossen. Nachdem Irak dann auch noch von seinem grausamen Diktator, der mit oder ohne Massenvernichtungswaffen eine Bedrohung für die Weltsicherheit dargestellt hatte, befreit war – was vermutlich mehr als einer Million Zivilisten das Leben kostete – bedurfte es eines neuen Feindbildes, vor dem die Welt erzittern konnte. Wer hätte sich dafür wohl besser anbieten könnte, als der im Jahr 2005 ins Amt gewählte iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad, ein Mann, der sich sogar offen gegen den Staat Israel aussprach, dessen Volk ohnehin schon regelmäßig durch Terroranschläge von palästinensischen Extremisten geplagt wird. Es bedarf keiner Wiederholung all der Vorwürfe, die von den Medien der westlichen Welt gegen Ahmadinedschad erhoben wurden.

Es sei kurz erwähnt, dass Ahmadinedschad das Amt des iranischen Präsidenten bekleidet, Oberster Führer, so die offizielle Bezeichnung, des Landes ist jedoch Ayatollah Ali Khamenei. Und zwischen diesen beiden Regierungsinstanzen, der politischen und der dominanten religiösen Führung, scheinen sich Probleme entwickelt zu haben. Wobei es, den spärlichen Meldungen der internationalen Presse folgend, nicht klar ist, worauf diese beruhen.

Ahmadinedschad hat den Geheimdienstminister Heydar Moslehi zum Rücktritt gedrängt. Khamenei wollte ihn wieder eingesetzt haben. Gleichzeitig sollen rund zwei Dutzend von Ahmadinedschads Vertrauten inhaftiert worden sein. Sowohl er selbst als auch einige seiner Mitarbeiter wurden, so bereichtet Der Spiegel, der Hexerei beschuldigt (das bringt zumindest eine Aufmerksamkeit erregende Schlagzeile). Während der vergangenen zwei Wochen ist der Präsident allen Parlamentssitzungen fern geblieben. Einigen arabischen Zeitungen zufolge, sei er unter Hausarrest gestanden.

Was führte zu diesen plötzlichen Veränderungen in der politischen Landschaft Irans? Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass, nach den grausamen Terroranschlägen vom 11. September 2001, die damalige iranische Führung den Vereinigten Staaten Unterstützung und Zusammenarbeit angeboten hatte. Wie wir wissen, wurde diese jedoch deutlich zurückgewiesen. In einer berühmten Rede, bezeichnete der damalige US-Präsident George W. Bush die drei Länder, Irak, Iran und Nordkorea, als „Achse des Bösen“. Die Wahl eines ausgesprochenen Amerika- und Israel-Kritikers zum Präsidenten könnte von dieser US-Politik durchaus beeinflusst gewesen sein.

Wer die Berichte in den Zeitungen verfolgte, musste davon ausgehen, dass es sich nur um eine Frage der Zeit handeln müsste, bis eine amerikanisch-israelische Allianz, unterstützt vom üblichen Gefolge, einen militärischen Konflikt gegen den Iran vom Zaun brechen würde. Aus dem Umstand, dass sich dieser Zustand über Jahre hinweg zog, ohne dass es zu einem Angriff kam, erlaubt, gewisse Schlüsse zu ziehen.

Doch nun stehen wir von einer völlig neuen Situation, die gelegentlich als „Arabischer Frühling“ Bezeichnung findet. Völker erheben sich gegen ihre Tyrannen. In Tunesien, in Ägypten, in Libyen, in Syrien, in Jemen, in Bahrein. Der König von Saudi Arabien, Abdullah al Saud, griff tief in die Tasche und verteilte 180 Milliarden Dollar unter seinem Volk, um sich gegen einen Aufruhr in seinem Land zu schützen. Mit der „internationalen Gemeinschaft“ sicherte er sich sein gutes Einvernehmen dadurch, dass er die Ölförderung reduzierte, um den Preis für Rohöl stabil, also hoch, zu halten, was gleichzeitig auch seine eigenen Einnahmen entsprechend erhöht, um die 180 Milliarden wieder einzuspielen. (Wenn immer Sie Ihr Auto tanken, helfen Sie ihm dabei – er wird Sie in sein Gebet einschließen.)

Sobald die Revolutionen in Tunesien und in Ägypten einsetzten, tauchten sofort Spekulationen auf, dass sie auf das geknechtete Volk Persiens übergreifen könnten. Die politischen Veränderungen, eine interne Entmachtung Ahmadinedschads, könnten sich natürlich darauf auswirken, dass die „internationale Gemeinschaft“ ihr Interesse (oder eine glaubhafte Möglichkeit der Rechtfertigung) verliert, Einfluss in dieser Richtung auszuüben. So ließe sich spekulieren.

Den Massenmedien scheint die Möglichkeit  einer internen Absetzung Ahmadinedschads wohl nicht spektakulär genug, um darüber zu berichten. Volksaufstand, Freiheitskampf, der Ruf nach Demokratie, so etwas klingt gut. So etwas lässt sich ausschlachten. Nicht jedoch die Entmachtung des politischen Präsidenten durch die religiöse Staatsführung. So etwas ist einfach nicht spektakulär genug, um auch das Kapitel Ahmadinedschad abzuschließen. Eine Frage bleibt aber auf alle Fälle offen. Eine Welt ohne Saddam Hussein, ohne Bin Laden und vermutlich bald sogar ohne Mahmud Ahmadinedschad, braucht ein neues Feindbild. Wäre könnte der nächste Kandidat sein?

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