Samstag , 7 Dezember 2019
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Das Buch – eine heilige Kuh?

buch symbolZu meinem Gespräch mit Kathrin Passig auf der #rp12. Oder: “Irgendwie weiß und ahnt man das ja, aber …”

Da unterhalte ich mich mit Kathrin Passig auf der re:publica 12 über meine Erfahrungen in der Buchbranche und Kathrin macht sich die Mühe, unseren Plausch bei Kaffee und Kartoffelsalat zu transkribieren. Zu meiner Freude stieß der Text (Anm. d.Red.: Dringende Leseempfehlung!), der am 7. Mai im Netz veröffentlicht wurde, auf ein großes Echo. Dass das Gespräch allerdings solches Erstaunen, zum Teil sogar Betroffenheit auslösen sollte, damit habe ich nicht gerechnet. Nein, das hat mich doch sehr verblüfft!

„Wollte man das alles so genau wissen? – Ist ja deprimierend.“ Andreas Eschbach via google+

„Vieles ahnte man ja schon, aber kaum jemand traute sich bisher.“ PicaPGK via twitter

„Leider ist die Realität so, wie man sie vermutet hat.“ Stefan Möller via Facebook

„Danke für das Interview, das doch einigen Leuten ihre Illusionen rauben dürfte.“ Fredrika Gers via google+

Nachdem sich die emotionalen Wogen wieder geglättet hatten, begann ich mich zu fragen, wieso überraschte das Gespräch so? Schließlich habe ich über Sachverhalte geredet, die kein Geheimnis sind. Jeder weiß, dass Medien von Anzeigen leben, dass Bücher in der Sicht derer, die damit Geschäfte machen, Waren sind. Dass auch in der Buchbranche das Prinzip der Gewinnmaximierung gilt und dass es hier vielfach um Masse und nicht um Klasse geht. Warum sind so viele Leser nach der Lektüre konsterniert? Warum hat das Gespräch Illusionen zerstört?

„Irgendwie beunruhigt mich, dass es sich beim Buchmarkt genauso verhält, wie in anderen Branchen auch: Quantität statt Qualität und Schein ist alles, Sein ist nix.“ Kekewa via Deutsches Schriftsteller-Forum

„Irgendwie weiß und ahnt man das ja, aber wenn es so deutlich ausgesprochen wird, hinterlässt es ein großes Unbehagen.“ Claudia Kilian via google+

„Für die Leidgeprüften unter uns AutorInnen war’s nichts Neues, aber neu, dass das mal jemand in solcher Klarheit und so geballt öffentlich ausspricht. Viele sprechen aus Angst eben nicht darüber.“ Petra van Cronenburg via Facebook

Ich sagte mir: So es tatsächlich Courage dazu brauchen sollte, Sachverhalte beim Namen zu nennen, dann ist die Buchbranche eine Art Heilige Kuh. Und nun überlege ich mir (und dieser Text ist ein erster Schritt dabei), wie es dazu kam, dass wir ihr solchen Respekt zollen, solch‘ große Hochachtung entgegen bringen? Dass wir Unbehagen empfinden, wenn an ihrer Aura gerüttelt wird?

Eine Ursache, auf die ich in meiner Unterhaltung mit Kathrin auch zu sprechen kam, liegt m.E. in unserem Verhältnis zum Buch. Der Liebe zum Buch, die so gerne postuliert wird. – Fakt ist, dass sich das Buch (in unseren Köpfen und in der öffentlichen Wahrnehmung) von allen anderen Konsum- und Unterhaltungsgütern abhebt. Es schwebt quasi darüber. Wer das Buch z.B. mit Autoreifen vergleicht, vergreift sich an bildungsbürgerlichen Werten, die fest in den Hirnen und Herzen verankert sind. Das Buch ist ein hehres Kulturgut, das als solches bewahrt sein will. Basta. Entsprechend sind Menschen, die an und mit dem Buch arbeiten, Geistesschaffende, Kulturträger; Kulturschaffende sagte man in der ehemaligen DDR dazu.

Genau diese Vorstellung, die eine lange Tradition hat, macht es uns auch so schwer, das Buch als Ware zu denken, die wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt. Die Haltung erklärt auch, warum die Buchbranche große Anziehungskraft ausübt. Der Nimbus – man arbeitet für ein hohes Kulturgut – tröstet über schmales Salär und schlechte Arbeitsbedingungen hinweg. Abgesehen von den Spitzenverdienern gilt das für alle Protagonisten der Branche.

Von den Vorschusslorbeeren für das Buch, der Buch-Aura, zehrt die Buchbranche nicht nur – sie setzt sogar darauf! Wo immer Antworten gefragt sind – sei es bei der Buchpreisbindung, bei der aktuellen Debatte um das Urheberrecht etcpp. – taucht auch das Argument auf, dass das Buch etwas Besonderes sei, ein Wertstück, das unter besonderem Schutz stünde. Die Werbemittel der Verlage spielen damit und die Kampagnen des Börsenvereins für das Buch bauen darauf. Nimmt man sich die Interviews, Stellungnahmen oder Kommentare aus der Buchbranche unter dieser Perspektive einmal vor, dann staunt man nicht schlecht: Wie oft hält das Buch mit seinem guten Namen für verbandspolitische Interessen her!

Zur Illustration mag hier ein Beispiel vom 9. Mai auf buchreport.de mit der Überschrift „Das Buch hat Sexyness verloren“ dienen, worin Lorenz Borsche vom Buchhändlerverbund eBuch zu den Herausforderungen der Zeit Stellung bezieht: „Dazu passt der Eindruck, dass das Buch in jüngster Zeit an Sexyness verloren hat. Dazu haben auch die Verlage ihren Teil beigetragen. […]. Jede Branche erzieht sich ihre Kunden. Eine große Zahl von Verlegern hat es geschafft, ein Buch, das viele Menschen lange als Wertstück begriffen haben, durch die 99er-Preisendung zu aldisieren. Der Marketingeffekt ist, dass der Kunde jetzt billig und Sonderangebot assoziiert. Das gerade bei potenziellen Buchkäufern vorhandene Gefühl, ich leiste mir etwas, ist durch diese Preisdämlichkeit beim Buch verloren gegangen. Es hatte schon seinen Grund, warum Bücher lange 8,80 oder 17,80 Euro gekostet haben.“

Auffällig finde ich, dass in solchen Kommentaren oder Stellungnahmen das Buch keinen Inhalt, kein Thema, keine Aussage hat. Auch Aufmachung und Anmutung spielen keine Rolle. Es ist ein Hohlkörper, ein Träger für Botschaften. Man braucht und bedient lediglich die Aura, die „das“ Buch (offensichtlich gottgegeben) hat. Dass sich die Geschäfte mit dem Buch schon lange von den Idealen losgelöst haben, blendet man aus. Und wer sich an der Aura vergreift, der ist …

Ich freue mich über Kommentare, gerne auch auf meinem Blog

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