Samstag , 7 Dezember 2019
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Unter welchen Voraussetzungen ist man Deutscher?

deutscher reisepassUnter welchen Voraussetzungen man Deutscher ist? Die „politisch korrekte“ Antwort auf diese Frage ist natürlich einfach: Sobald man die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Wie sieht es nun mit einem Menschen aus, der über zwei Staatsbürgerschaften verfügt, z. B. eine deutsche und eine syrische? Beides zu sein ist zwar rechtlich möglich, doch bringt es gleichzeitig auch Ungereimheiten mit sich. Dazu kommen dann noch mögliche weitere Verzweigungen, wenn z. B. ein Armenier die libanesische Staatsbürgerschaft angenommen hat und später zum Kanadier wird.

Dieses Thema zu behandeln hat sicher nichts mit Fremdenfeindlichkeit zu tun. Schließlich darf jeder seine Nachbarn respektieren, ungeachtet ihrer Herkunft und Nationalität. Ich selbst lebe in Kanada und erachte es eher als Kompliment, wenn ich, aufgrund meines Akzents, als Deutscher angesprochen werde.

Über die Zugehörigkeit zu einem Staat oder einer bestimmten Volksgruppe ließe sich endlos diskutieren. Klare Abgrenzungen lassen sich schon gar keine finden. Als erstklassiges Beispiel dafür dient gewiss Österreich, ein deutschstämmiges Land, in dem Namen wie Nemec, Pospischil und Travnicek weit verbreitet sind. Bis 1918 zählten u. a. Böhmen, Mähren, die Slowakei, Ungarn, Slowenien und Kroatien zum österreichischen Staatsgebiet. Zog nun jemand aus Brünn in die Hauptstadt des einstigen Kaiserreiches, also nach Wien, so lebte er zwar weiter im eigenen Land, war aber trotzdem ein Fremder, ein „Böhm“, und niemand fand etwas Negatives daran, an seinem Akzent als solcher erkannt zu werden. Und die Kinder vom ?erný wuchsen zweifellos als waschechte Wiener auf.

Erzählt man uns nun von einem Mann und es wird erwähnt, es handle sich um einen Engländer, um einen Russen oder um einen Chinesen, so bringt dies zweifellos gewisse Assoziativen mit sich: Wir denken an eine bestimmte Sprache, an eine Vorliebe für Tee, Wodka oder Sake, ein bestimmtes Weltbild, das durch die landesübliche Tradition geprägt ist, und noch einiges mehr.

Und woran denken wir als Erstes, wenn sich in einer Zeitung folgende Schlagzeile findet: „Deutscher sitzt im umkämpften Aleppo in Haft!“? Ein verirrter Urlauber, ein Geschäftsmann, der jeder Gefahr zum Trotz nach Syrien gereist ist. Und gleichzeitig kommt der Gedanke auf, diesem Mann muss doch geholfen werden.

Und so schreibt das Hamburger Abendblatt auch gleich im nächsten Satz: „Nach Medienberichten fürchtet der 51-Jährige um sein Leben und wirft der Bundesregierung vor, ihn nicht ausreichend zu unterstützen“.

Doch siehe da, beim Weiterlesen taucht plötzlich eine etwas veränderte Formulierung auf: „Ein Mann mit deutscher Staatsbürgerschaft“. Und weiter unten: „Die Angaben des Deutschen, der auch einen syrischen Pass hat, …“ Was ist er also nun? Deutscher oder Syrier?

Ein Artikel zu diesem Thema im Focus geht aber noch etwas weiter. Dort steht geschrieben „Der Gefangene soll eigentlich irakischer Kurde sein“. Also, ein Kurde aus dem Irak, der Syrier sein will, aber doch Deutscher ist. Der syrische Pass, mit der in den 1980er-Jahren in Deutschland einreiste, soll gefälscht gewesen sein.

Nun, ich will dem Mann jetzt gar nichts vorwerfen, und wenn es möglich ist, diesem Menschen zu helfen, dann soll dies durchaus geschehen. Trotzdem bringen derartige Beispiele Fragen mit sich. Als im Jahr 2006 ein Krieg zwischen Libanon und Israel entflammte, erinnerten sich rund 40.000 dort lebende Libanesen daran, dass sie eigentlich auch über kanadische Pässe verfügten. Demzufolge erwarteten sie, von „ihrer Regierung“ bei der Rückkehr ins „Heimatland“ unterstützt zu werden. Rund 25.000 „Kanadier“ wurden auch wirklich auf Staatskosten außer Landes gebracht. Dass sie nach Ende des Konflikts wieder ans Mittelmeer reisten, um dort weiter als Libanesen zu leben, war natürlich nicht anders zu erwarten.

Als im Jahr 1942, nach dem Angriff auf Pearl Harbor, ein erbarmungsloser Krieg zwischen Japan und den Vereinigten Staaten ausbrach, lebten rund 110.000 Japaner in Amerika. Die meisten waren US-Staatsbürger. Doch konnte erwartet werden, dass alle sich ihrem Pass gegenüber moralisch mehr verpflichtet fühlten als ihrer Heimat? Sie wurden kurzerhand in Lager verschleppt, wo sie bis zum Ende des Krieges gefangengehalten wurden.

Es sollte keiner gesonderten Erwähnung bedürfen, dass weder die Volkszugehörigkeit, noch die Religion, die Hauptfarbe oder das Land der Geburt etwas an dem Umstand ändert, dass jeder Mensch auf dieser Welt Achtung und Respekt verdient. Manche Eigenschaften, die politische Gesinnung oder das religiöse Bekenntnis, lassen sich auch jederzeit beliebig ändern. Doch Deutscher, Italiener oder Araber zu sein, ist weder eine Gesinnung noch ein Bekenntnis. Dies hängt von der Abstammung beziehungsweise vom kulturellen Umfeld ab, in dem ein Mensch aufgewachsen ist. Und so wie es keine Schande ist, Deutscher, Österreicher oder Schweizer zu sein, was sollte daran stören, einen Syrier oder einen Iraker als das zu bezeichnen, was er ist?

Hätte ich den Papierkram auf mich genommen, um mittels der kanadischen Staatsbürgerschaft zum Untertan ihrer Majestät zu werden (kein Scherz: alle Kanadier, ebenso wie Australier, gelten ganz offiziell als Untertanen), dürfte ich mich zwar völlig legal als Kanadier bezeichnen, würde mich aber sicher nicht als solcher fühlen.

Abschließend möchte ich aber noch auf eine Überlegung verweisen, auf die ich bis heute keine Erklärung gefunden habe: Hätte es mich anstatt nach Montreal nach Peking verschlagen, würde ich mich dort erfolgreich um die Staatsbürgerschaft bemühen, würde mich dies dann zum Chinesen machen?

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