Freitag , 30 Oktober 2020
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Ein Blick auf das Verhältnis zwischen erbrachten und erhaltenen Leistungen

wallet eurosWie schön wäre es doch, eine Million Euro auf der hohen Kante zu haben. Wie viele Milliarden brauchen die Griechen? Wie viele Billionen betragen die Schulden der BRD? In welcher Relation stehen diese Summen zu meinem Jahresgehalt? Wie oft stelle ich mir eigentlich die Frage, wie lange ich selbst für mein Abendessen arbeiten musste, wenn mir der Kellner die Rechnung präsentiert? Nicht nur, dass Vergleiche zwischen Staatsausgaben und dem eigenen Budget schon immer abstrakt waren, selten ist uns das Verhältnis zwischen der eigenen Leistung und dem, was wir dafür erhalten, bewusst.

Mit unglaublicher Selbstverständlichkeit wird der Begriff Wohlstand verwendet. Gewiss, in einem nett eingerichteten Haus zu wohnen, ein komfortables Auto in der Garage, qualitative Kleider im Schrank und vielleicht noch zwei- oder dreihunderttausend Euro in Wertpapieren, um das Arbeitseinkommen etwas aufzubessern, niemand würde bezweifeln, dass sich dies als Wohlstand bezeichnen lässt. Ich hoffe für Sie, lieber Leser, dass Sie sich in einer derartigen Situation befinden.

Doch leider sieht die Realität oft anders aus. Auf der Webseite Statista.de findet sich ein herrlicher Überblick über den Anstieg der Einkommen in Deutschland. Im Jahr 1960 betrug ein durchschnittliches Jahresnettoeinkommen nicht mehr als – natürlich umgerechnet – 2.439 Euro. Dann ging’s aber rasch bergauf. 1970 waren es schon 5.080 Euro. Und heute sind wir bei 18.588 Euro angelangt. Im Alter fortgeschrittene Vorgesetzte weisen jüngere Arbeitnehmer gerne darauf hin, wie wenig sie selbst noch verdienten, als sie noch in diesem Alter waren. Natürlich ohne Hinweis, wie viel es für das Wenige damals noch zu kaufen gab.

Doch ganz abgesehen davon, dass die Kaufkraft von rund 10.000 Mark anno 1970 vielleicht sogar höher gewesen sein möge als die von 18.500 Euro heute, noch immer scheint dies ein ansehnlicher Betrag zu sein. Zumindest, solange wir ihn nicht durch die Tage des Jahres dividieren. Doch stellen wir erst einmal fest, wie viel man eigentlich wirklich verdienen muss, dass dieses – keineswegs gute, aber immerhin durchschnittliche – Einkommen verbleibt.

Focus.de bietet dazu eine einfach zu handhabende Hilfe. Die folgende Berechnung basiert auf der Steuerklasse 1 in Nordrhein-Westfalen. Wenn Sie also 18.588 Euro netto pro Jahr verdienen, dann haben Sie bereits 5.858.22 Euro an Sozialabgaben bezahlt. Gut, auch wenn Sie dies nicht freiwillig tun, zumindest theoretisch, zumindest zum Teil, könnten Ihnen diese Gelder ja eines Tages wieder zugute kommen. Doch darüber hinaus zahlten Sie auch 3820.15 Euro an Steuern.

Selten werden Sie daran erinnert, wie viel Sie regelmäßig dem Staat überlassen. Außer, natürlich, wenn Sie einen Blick auf den Lohnzettel werfen. Doch wer tut dies schon? Man muss ja nicht mit Gewalt Schmerzvolles in Erinnerung rufen. Doch mit Lohnsteuer und Solidaritätszuschlag ist es noch lange nicht abgetan.

Deutsche, die einen Besuch in Kanada abstatten, finden es äußerst lästig, dass die Mehrwertsteuer dort immer nachträglich hinzugerechnet wird. Sie sehen ein Paar Schuhe, dessen Preis mit 170 Dollar ausgezeichnet ist, und sind dann höchst überrascht, dass an der Kasse plötzlich rund 200 Dollar von Ihnen verlangt werden. Dort herrscht nämlich die Gepflogenheit, dass die Mehrwertsteuer erst nachträglich berechnet wird. Der Ladenbesitzer geht nämlich davon aus, dass er schließlich nicht mehr für die Ware verlangt. Und wenn der Staat seinen Anteil einfordert, dann soll es der Konsument auch wissen, wie viel ihm dieser Staat wieder einmal abknöpft.

Dass es neben Einkommensteuer und Mehrwertsteuer noch Dutzende andere Abgaben gibt, wissen wir alle – auch wenn wir nicht gerne daran erinnert werden.

Übrigens, nur der Vollständigkeit wegen, die Sozialversicherungsbeiträge, die Sie bezahlen, sind in Wahrheit rund doppelt so hoch. Denn es gibt ja noch den Arbeitgeberanteil. Und den zahlt nicht einfach der Chef. Den zahlen auch Sie, durch Ihre Leistung, die Sie erbringen.

Dazu fällt mir noch ein, dass im Juni des Vorjahres vom Marktforschungs-Institut GfK in Nürnberg bekannt gegeben wurde, dass dem Deutschen durchschnittlich 5.329 Euro pro Jahr blieben, um dieses „kleine Vermögen“ nach freiem Belieben im Einzelnhandel zu verprassen. Dabei wurden von den Nettoeinkommen noch insbesondere die Wohn- und Transportkosten abgezogen. Der genannte Betrag, der mit 14.60 Euro pro Tag korrespondiert, dient für (Angaben lt. GfK):

Nahrungs- und Genussmittel, Kleidung, Schuhe, übrige Güter für die Haushaltsführung (unter anderem Möbel, Bodenbeläge, Haushaltselektrogeräte, Heimtextilien, Gartenbedarfsartikel, Reinigungsmittel), Körper- und Gesundheitspflege, Bildung und Unterhaltung (zum Beispiel TV, Radio, Bücher, Fotobedarf, Zeitschriften, Spielwaren, Sportartikel) sowie persönliche Ausstattung (Uhren, Schmuck, etc.).

All dies lässt sich mit 14,60 Euro pro Tag finanzieren? Offensichtlich ja, auch wenn ich mir bei bestem Willen nicht erklären kann, wie.

Dass wir irgendwo wohnen müssen, um arbeiten zu können, dass wir auch irgendwie zum Arbeitsplatz fahren müssen, ist natürlich klar. Für den Rest bleiben dem Durchschnittsverdiener dann noch 5.329 Euro pro Jahr, während er 3.820 Euro an direkten Steuern bezahlt, weitere 5.858 Euro an Zwangsversicherungen und noch einmal so viel in Form des Arbeitgeberanteils, was, wie erwähnt, ja auch durch die Leistung des Arbeitnehmers abgegolten wird.

Ungeachtet der unabwendbaren Fixkosten für Wohnen und Transport, für ein Jahresnettoeinkommen von 18.588 Euro werden rund 225 Tage des Jahres verwendet, ausgehend von 25 Urlaubstagen. Das wären dann 82,61 Euro pro Tag. Wenn Sie sich also das nächste Mal missmutig aus Ihrem Bett erheben, durch den Verkehrsstau quälen, sich vielleicht von ihrem Chef vorwerfen lassen, dass Sie wieder einmal um sieben Minuten zu spät erscheinen, sich acht Stunden um Dinge kümmern, die Sie womöglich gar nicht interessieren, dann noch einmal im Verkehrsstau stecken, dann halten Sie sich vor Augen, dass Sie all dies für 82 Euro und 61 Cents getan haben – vorausgesetzt, Ihr Einkommen entspricht dem Durchschnitt. Und wenn Sie dann am Abend in einem Restaurant sitzen und eine zweite Flasche Wein bestellen .. nein, dann denken Sie nicht darüber nach, sonst schmeckt der Wein vielleicht gar nicht mehr so gut.

Und dann lesen Sie zu allem Überdruss noch in der Zeitung, dass Deutschland als Staat mit mehr als zwei Billionen Euro verschuldet ist. Das wären rund 25.000 Euro pro Bürger, Kinder eingeschlossen. Werden einem Konzern ein paar hundert Millionen Euro als Förderung angeboten, auf dass er Arbeitsplätze schafft, oder einem in Not geratenen Staat einige Dutzend Milliarden, was haben diese Zahlen schon mit der Realität des Lebens zu tun? Immerhin zählen Sie noch zu den Glücklichen, die über einen Arbeitsplatz verfügen, der Ihnen 82 Euro pro Tag einbringt und erlaubt, jeden Tag 14 Euro und 60 Cents für Essen, Trinken, Rauchen, Bekleidung, Seife, Rasierwasser oder Parfum, Zeitungen, Bücher, Küchengeräte, Möbel – und alle darin enthaltenen Steuern – zu verprassen.

Und jetzt freuen wir uns alle zusammen, dass wir in einem Land leben, das sich solchen Wohlstandes erfreut. Könnte es sein, dass wir dieses Luxusleben der Harmonie zwischen Politik und Finanzsektor zu verdanken haben? Unglaublich, dass es in anderen Ländern noch Menschen geben soll, die nicht wirklich in unsere Fußstapfen treten wollen.

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