Samstag , 8 August 2020

Teile und herrsche

city_london„Occupy Wall Street!”, lautet der neue Schlachtruf der „unterdrückten Massen”. Besetzt die Wall Street, das Finanzzentrum der westlichen Welt. Die neue Bewegung, die scheinbar spontan aus der herrschenden Wirtschaftslage heraus entstanden ist, kritisiert, dass die Gier und Korruption von einem Prozent über das Schicksal von 99 Prozent der Menschen entscheidet. „Folgt auf den arabischen Frühling der amerikanische Herbst?“, werfen einige US-Zeitungen bereits als Frage auf. Selbst Multimilliardär George Soros spricht sich für den Widerstand aus. Dürfen wir die Proteste als Hoffnung darauf verstehen, dass nun doch endlich den Wurzeln allen Übels mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden wird?

Wie gestern aus Brüssel bekannt wurde, versprach Angela Merkel den deutschen Banken erneut Unterstützung, falls sie durch einen Zahlungsausfall Griechenlands in Schwierigkeiten geraten. Es scheint, als wäre der Steuerzahler, zumindest der deutsche, noch immer ein guter Garant für neue Verschuldung, denn das wäre schließlich die Folge, wenn dem Finanzsektor erneut Hilfe zur Verfügung gestellt wird. Wen wundert es also, wenn sich immer mehr Menschen einer Protestbewegung anschließen, die sich gegen die Machenschaften der Finanzwelt richten. In den USA erstrecken sich die Proteste bereits über mehrere Städte – und Europa sollte bald folgen.

Gibt es nicht ohnehin schon seit Monaten Demonstrationen, vor allem in Griechenland und in Spanien, weil man sich dort bemüht, den Leuten den Gürtel etwas enger zu schnallen?

„Ja, die Griechen“, mag so manch einer denken. Über Jahre hinweg eine Parallelwirtschaft führen, keine Steuern zahlen, hohe Beamtengehälter kassieren, und jetzt dagegen protestieren, dass sie sich dem Rest Europas angleichen müssen. Die sollen doch erst einmal lernen, hart zu arbeiten. Nicht wahr?

Und auch in Deutschland gibt’s ja noch genügend Reiche, die doch auch mehr Steuern bezahlen könnten. Und all das Schwarzgeld, das auf Schweizer Konten liegt.

Einer der Kernsätze der Protestbewegung bezieht sich darauf, dass 99 Prozent der Bevölkerung unter den obskuren Geschäften der Finanzelite leiden. Unter Androhung von Freiheitsberaubung (auch Haftstrafe genannt) werden Menschen gezwungen, einen Teil ihrer Einkommen Dritten zu überlassen (dafür ist das Wort „Steuern“ gebräuchlich), um die Zinsen für die Staatsschulden bezahlen zu können. Spekulanten treiben die Preise für Rohstoffe und Nahrungsmittel in die Höhe. Die Politik bemüht sich, eine hohe Arbeitslosenrate zu erhalten, um ein Ansteigen von Löhnen (nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage) zu vermeiden. Der Bürger wird geschröpft, wo immer es nur möglich ist. Wen wundert es also, sollte sich das Volk tatsächlich gegen die Finanzwelt erheben? Letztendlich zählen wir alle zu den Verlieren in diesem System.

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, äußerte Multimilliardär Warren Buffett gegenüber Ben Stein im Jahr 2006 – veröffentlicht von der New York Times – folgenden Satz:

„Es gibt einen Klassenkrieg. Richtig. Aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die diesen Krieg führt. Und wir sind dabei, ihn zu gewinnen!“

Eine kurze Erklärung bedarf der Begriff: „Die Klasse der Reichen“. Menschen, die über ein durchschnittliches Einkommen verfügen, gehen meist davon aus, dass eine Million Euro ausreiche, um sich als reich bezeichnen zu können. Mit dieser Ansicht setzt sich ein spezieller Artikel auseinander, doch Warren Buffett meint hier mit Sicherheit keine Millionäre, sondern es bedarf einiger Nullen mehr.

Auch wenn Milliardäre in Konkurrenz zueinander stehen mögen, trotzdem verbindet sie ein gemeinsames Ziel: Das Ausweiten ihrer Macht!

Auch dies bedarf einer kurzen Erläuterung. Während der Normalbürger deswegen von Vermögen träumt, weil er die Freiheit des Wohlstandes und ein gediegenes Leben genießen möchte, verfolgen Milliardäre ein völlig anderes Ziel: Die Vergrößerung ihres Einflussbereiches. Und bei diesem Ziel handelt es sich um eine Gemeinsamkeit. Es handelt sich um eine Einigkeit, die stark macht, um nicht zu sagen unbesiegbar.

Wer glaubt, dass die wahren Herrscher dieser Welt an ihrer eigenen Habgier zugrunde gehen könnten, dass sie sich letztendlich gegenseitig zerfleischen werden, der begeht einen unverzeihlichen Denkfehler. Ungeachtet einzelner Transaktionen, die zu gewissen Vermögensverschiebungen führen, alle verfolgen sie ein gemeinsames Ziel: Die Erhaltung des Systems, das ihnen diesen Reichtum und die damit verbundene Macht beschert.

Völlig anders ist die Situation im Volk. Es finden sich unzählige einzelne Gruppen, Interessensgemeinschaften, Ideologien, die sich durch unauflösliche Gegensätze auszeichnen. Der fleißig arbeitende Mensch, der verächtlich auf die Mittellosen hinabsieht, gleichzeitig aber, von Neid getrieben, jederzeit bereit ist, auf den Mittelstand loszuschlagen. Der überzeugte Patriot, der wenig Verständnis für „politische Korrektheit“ aufbringt, wenn er sein vaterländisches Erbe in Gefahr sieht. Der modern orientierte Bürger, der den Patrioten rechter Gesinnung verdächtigt. Der Kritiker am Geldsystem, der von anderen als Verschwörungstheoretiker eingestuft wird. Der Raucher, der sich plötzlich diskriminiert fühlt. Der Nichtraucher, der um seine Gesundheit fürchtet. Der Linksorientierte, dem vorgeworfen wird, er wolle den Sowjetkommunismus wieder einführen. Der Konservative, der als unsozial gelten könnte.

Wir sprechen von den Idealen der westlichen Welt. Wir glauben an diese Demokratie. Wir missverstehen die Lebensbedingungen in unseren Ländern als Freiheit. Was aber haben wir wirklich gemein? Was sind die Ideale, die Deutsche, Österreicher, Griechen, Spanier, Iren, Rumänen, Esten und all die anderen zu einer Union vereinen? Lässt sich in einem einzelnen deutschen Bundesland, in einer einzigen Stadt, Einigkeit finden?

Ich glaube, das einzige Beispiel, in dem wirklich eine große Gruppe von Menschen das Gefühl der Einheit erlebt, ist ein internationales Fußballspiel. Schneiden Sie in einer Gesprächsrunde das Thema Wirtschaft oder Politik an, so wird es kaum möglich sein, die Meinung von auch nur fünf Leuten auf einen gleichen Nenner zu bringen. Versuchen Sie, Ihren Arbeitskollegen zu erklären, wie unser Geldsystem funktioniert, werden Sie auf Opposition stoßen, ungeachtet, wie gut Sie über das Thema informiert sind. Schlagen Sie vor, das Bankensystem zu verstaatlichen, werden sich mit Sicherheit Menschen finden, die Ihnen zu erklären versuchen, dass dies in einer Demokratie nicht möglich sei.

Ich könnte die Reihe der Themen erweitern, die darauf verweisen, dass es an Einigkeit fehlt. Ich möchte mit diesem Artikel jedoch keine langen Diskussionen auslösen. Ich möchte schlicht darauf verweisen, dass es sich um eine lange vorbereitete Strategie handelt, die Bürger zu spalten. Divide et impera! Teile und herrsche! Schon in der Antike galt dieses Prinzip als Erfolgsrezept. Und heutzutage scheint es besser zu funktionieren denn je.

Ich habe schon mehrere kritische Artikel mit dem Tenor abgeschlossen, dass wir, die Bürger, auf die Entwicklung der Dinge keinen Einfluss nehmen können. Es klingt resignierend. Es klingt nach Aufgabe. Nun, hätte ich selbst wirklich aufgegeben, würde ich nicht immer wieder Beiträge verfassen, würde nicht immer wieder versuchen, die Hintergründe des Geldsystems zu beleuchten, die Einseitigkeit der Berichterstattung in den etablierten Medien hervorheben, würde nicht davor warnen, worauf wir uns zu bewegen.

Es mag einige Milliardäre geben, denen Warren Buffett ein Dorn im Auge ist. Es kann durchaus sein, dass er selbst ständig auf der Hut vor Gegenspielern sein muss. Und trotzdem sind sie alle durch dieses gemeinsame Ziel verbunden: Das System in dieser Form zu erhalten beziehungsweise durch ein anderes zu ersetzen, in dem ihre Macht noch tiefere Wurzeln schlägt. Und zum gegebenen Zeitpunkt habe ich nicht die geringste Ahnung, wie sich die uneinigen Massen dagegen zu Wehr setzen könnten. Einige tausend Demonstranten vor den Börsen reichen dazu mit Sicherheit nicht aus. Gegen die lässt sich im schlimmsten Fall ja auch noch Tränengas einsetzen. Und genügend Menschen würden Verständnis dafür aufbringen, sofern die Medien diesen Schritt rechtfertigen.

Check Also

Rollentausch – Altersheim statt Gefängnis und Gefängnis statt Altersheim

            Wenn Straftäter statt ins Gefängnis ein Altersheim eingewiesen würden… …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.